FAZ 02.02.2026
10:35 Uhr

Leere Plätze im Stadion: Guter Fußball ist nicht so wichtig


Trotz guten und erfolgreichen Fußballs bleiben in Leipzig und Hoffenheim viele Plätze leer. Das zeigt: Kulturelle Unterschiede zu Traditionsvereinen sind keine Erfindung verbohrter Traditionalisten.

Leere Plätze im Stadion: Guter Fußball ist nicht so wichtig

Das Bild der Anzeigetafel im Hoffenheimer Stadion mit der Zuschauerzahl gehört zu den meistgezeigten Motiven des vergangenen Spieltages, weil es das größte Rätsel dieses Bundesligawochenendes darstellt und Anlass für Spott bietet. Die TSG steht so gut da wie nie zuvor nach 20 Spieltagen, der Fußball, den das Team von Christian Ilzer präsentiert, ist mitreißend und niveauvoll. Das Team spielt um die Teilnahme an der Champions League, bis auf das Wetter scheint im Moment eigentlich alles für einen Besuch der Spiele in Sinsheim zu sprechen. Aber die Ränge sind in großen Teilen leer. Stadionauslastung auf 95,9 Prozent angestiegen 19.341 Zuschauer zeigte die Anzeigetafel an, während zeitgleich 22.405 Zuschauer das Drittligaspiel zwischen Rostock und Ingolstadt sehen wollten. Auch bei den Partien der jungen, oftmals attraktiv spielenden Leipziger spielen Zuhause oft vor unbesetzten Rängen, rund 12.000 Plätze blieben am Samstag gegen Mainz leer, sogar 20.000 gegen Freiburg zwei Wochen zuvor. Zwar hat die Deutsche Fußball Liga gerade bekannt gegeben, dass die Auslastung der Stadien insgesamt auf 95,9 Prozent angestiegen ist, und ob mit einem Gegentrend gerechnet werden muss, ist noch offen. Dass es aber gerade bei den erst in diesem Jahrtausend erstmals in der Bundesliga aufgetauchten Klubs aus Leipzig und Hoffenheim trotz der starken Saison zu diesem Einbruch kommt, deutet an, dass die kulturellen Unterschiede zu den so genannten Traditionsvereinen keine Erfindungen verbohrter Traditionalisten aus den Ultraszenen sind. Dem Kern des Stadionpublikums geht es entgegen anderslautender Erzählungen nicht um irgendwelche Stars oder die Qualität des gebotenen Sports. Es geht um die Intensität der Emotionen. Und die ist in einem großen, vollen Stadion mit über Jahrzehnte gewachsenen Fanszenen, in das die älteren Besucher schon als Kinder mit ihren Vätern gingen, naturgemäß stärker. Genau wie an Standorten, wo ganze Regionen sich in Krisenphasen noch einmal ganz besonders mit einem Klub verbinden, wie beim HSV oder in Köln. Wichtig ist außerdem, dass im Fußball diese seltenen Momente des Glücks nach einem wichtigen Tor für das eigene Team in einem stimmungsvollen Stadion unvergleichlich sind. Die Frage, wie gut das eigene Team oder ein Gegner war, verblasst im Kontext solcher Momente. Hochklassiger Fußball ist eine schöne Sache, aber die Wucht der Emotionen in einer richtig vollen Arena mit einer engagierten Fankurve ist fast immer attraktiver als einfach nur guter Fußball. Der Kölner Trainer Lukas Kwasniok hat nach dem spielerisch erschreckend mageren 1:0 gegen Wolfsburg am vorigen Freitag gesagt, als Fernsehzuschauer hätte er aus lauter Langeweile ausgeschaltet. Die Menschen im selbstverständlich bis zum letzten Platz gefüllten Stadion sind geblieben und werden am kommenden Mittwoch einen Rekord aufstellen. Dann spielt die A-Jugend des 1. FC Köln in der UEFA Youth League gegen Inter Mailand. Seit Tagen sind alle 50.000 Karten verkauft. Wer den Stadionfußball wegen der Kraft der Gefühle liebt, sollte besser nicht auf die Idee kommen, solch ein Ticket für die Kölner U 19 gegen eine Karte für das nächste Heimspiel der Hoffenheimer gegen den SC Freiburg zu tauschen.