FAZ 13.01.2026
15:54 Uhr

Le Pens Berufungsprozess: „Die Wahrheit sagen, das ist meine Strategie“


Steht Marine Le Pen bei der Präsidentenwahl in Frankreich auf dem Stimmzettel? Das dürfte auch von ihrem Berufungsverfahren abhängen, das am Dienstag in Paris begonnen hat.

Le Pens Berufungsprozess: „Die Wahrheit sagen, das ist meine Strategie“

Im historischen Justizpalast im Herzen von Paris richten sich am Dienstag alle Augen auf Marine Le Pen. 20 Minuten vor Prozessbeginn hat die dreimalige Präsidentschaftskandidatin des Rassemblement National (RN) auf der Anklagebank Platz genommen, die Rufe der Journalisten und das Gedränge der Kameraleute auf dem Weg dahin ignorierend. Zwischen den holzvertäfelten Wänden des Berufungsgerichtes wird in den nächsten vier Wochen über Le Pens politische Zukunft entschieden. Am Vormittag zeigte sich die 57 Jahre alte Fraktionsvorsitzende in der Nationalversammlung hoffnungsvoll. Sie hoffe, sie werde die vier neuen Richter von ihrer Unschuld überzeugen. Bei einer Mehrheit der Franzosen hat ihre Strategie nicht gegriffen, sich als Opfer einer politischen Justiz darzustellen. Laut einer jüngsten Umfrage des Instituts Verian sind nur 36 Prozent der Franzosen davon überzeugt, dass über Le Pen aus politischen Gründen härter geurteilt wurde als über gewöhnliche Bürger. Ende März vergangenen Jahres war sie für schuldig befunden worden, zugunsten ihrer Partei zwischen 2004 und 2016 EU-Mittel in Höhe von mindestens 4,3 Millionen Euro zweckentfremdet zu haben. 1,1 Millionen Euro davon hat die Partei bereits zurückgezahlt. Bleibt das Strafmaß bestehen, darf sie nicht antreten Doch um die Sache geht es am ersten Prozesstag noch nicht. Zunächst werden die Personalien der insgesamt zehn Angeklagten – sechs ehemalige Europaabgeordnete und vier ehemalige parlamentarische Assistenten – aufgenommen. Auf der Anklagebank hat auch Le Pens ehemaliger Lebensgefährte, Louis Aliot, der Bürgermeister von Perpignan, Platz genommen – ebenso wie der frühere Schatzmeister der Partei, Wallerand de Saint-Just. Zwölf weitere Parteifreunde, darunter Le Pens eigene Schwester Yann, haben sich mit der erstinstanzlichen Verurteilung abgefunden und auf eine Berufung verzichtet. Le Pen war am 31. März wegen der Veruntreuung öffentlicher Gelder zu vier Jahren Haft verurteilt worden. Zwei Jahre davon waren ohne Bewährung ausgesetzt worden, aber mit der Möglichkeit, die Strafe mit einer elektronischen Fußfessel zu verbüßen. Außerdem muss sie eine Geldbuße von 100.000 Euro zahlen. Zudem wurde Le Pen das passive Wahlrecht für fünf Jahre entzogen, mit sofortiger Wirkung. Die Rechtsprechung des Verfassungsrates erlaubt es ihr, ihr laufendes Abgeordnetenmandat noch bis zum Ende auszuüben. Aber sollten die Berufungsrichter das Strafmaß nicht mildern, könnte sie bei den Präsidentenwahlen im Frühjahr 2027 nicht antreten. Im Falle einer neuen Verurteilung drohen ihr bis zu zehn Jahre Haft. „Die Wahrheit sagen, das ist meine Strategie“ Le Pen hat sich eine neue, junge Anwältin aus Angers, Sandra Chirac-Kollarik, genommen. Sie soll Le Pen im Duett mit ihrem langjährigen Anwalt Rodolphe Bosselut verteidigen. Kritik an ihrer Verteidigungsstrategie ließ Le Pen immer an sich abprallen. Aus Justizkreisen sickerte durch, mit ihrer neuen Verteidigerin könne sie eine neue Strategie verfolgen: nicht mehr pauschal alle Vorwürfe leugnen, sondern stärker betonen, dass es nicht ihre Absicht war, dem EU-Parlament Schaden zuzufügen. „Ich habe eine einzige Verteidigungsstrategie: Die Wahrheit sagen, das ist meine Strategie, die ich bereits in erster Instanz verfolgt habe“, sagte Le Pen sichtlich genervt beim Neujahrsempfang ihrer Partei am Montagnachmittag. Zum ersten Mal spielte Le Pen, Tochter des Parteigründers und langjährige Parteichefin, nur eine Nebenrolle bei dem traditionellen Empfang des RN, der dieses Mal im Maison de l’Amérique Latine nahe der Nationalversammlung stattfand. Sie saß schweigend in der ersten Reihe und flanierte im Anschluss nicht wie gewöhnlich mit einem Glas Champagner zwischen Journalisten und treuen Weggefährten durch die Empfangssalons. Nur ein paar karge Sätze sprach sie in die Mikrofone, dann verschwand sie wieder. Im Scheinwerferlicht stand währenddessen ihr politischer Zögling Jordan Bardella. Der 30 Jahre alte Parteivorsitzende gab einen Überblick zur Weltlage und wirkte bei seinen Ausführungen zu Venezuela, Grönland und Iran sehr präsidial. „Das Gesetz des Stärkeren hat den Respekt internationaler Regeln abgelöst“, beklagte er. Seine Begeisterung über den Wahlsieg Donald Trumps, die er bei den Neujahrswünschen 2025 noch in den Vordergrund stellte, ist mittlerweile verpufft. Fehde zwischen Bardella und Bannon Bardella kritisierte die imperialen Tendenzen der USA und die Rückkehr des amerikanischen Präsidenten zur Monroe-Doktrin. Auf Kritik von Trumps ehemaligem Chefstrategen Steve Bannon angesprochen, reagierte Bardella unverfroren. In einem Interview mit dem französischen öffentlich-rechtlichen Fernsehsender France 2 hatte Bannon über „den Milchbubi“ Bardella, der ein politisches Leichtgewicht sei und Frankreich nicht aus der Krise führen könne, gesprochen. Allein Le Pen sei dazu in der Lage, sagte Bannon. Dann erläuterte er, welch gewichtige Rolle Le Pen in seinem Plan zur Zerstörung der EU spiele. Nach dem Brexit und der Wiederwahl Trumps fehle jetzt nur noch der Wahlsieg der Rechtspopulistin, um die EU zu erledigen. Bardella wiederum zeigte sich entrüstet darüber, dass ausgerechnet das öffentlich-rechtliche Fernsehen in Frankreich einen Mann zum Kronzeugen erhoben habe, „der bei seinen Auftritten auf der Bühne den Arm zum Hitlergruß reckt“. Bardella hatte den Vorfall im Februar 2025 selbst erlebt, als er in den USA als Gastredner zur Conservative Political Action Conference (CPAC) eingeladen war. Er sagte seine Rede nach Bannons Nazi-Geste kurzfristig ab und reiste wieder ab. Beim Neujahrsempfang sagte er: „Wir haben vorhin über die Monroe-Doktrin gesprochen. Bei Bannon handelt es sich eher um die Trunkenbold-Doktrin.“ Marine Le Pen blickte dabei unbewegt. Sie hatte im März 2018 Bannon beim Gründungskongress des RN in Lille den roten Teppich ausgerollt. Bardella sicherte Le Pen während des Berufungsprozesses seine „uneingeschränkte Unterstützung“ zu – auch wenn er sich nicht im Gerichtssaal blicken lassen will. Eine abermalige Verurteilung „wäre zutiefst beunruhigend für die Demokratie“, sagte er. „Die Justiz würde den Franzosen eine Kandidatin für die Präsidentschaftswahlen vorenthalten, die sich bereits zweimal für die zweite Runde qualifiziert hat und heute als unangefochtene Favoritin der Wahl gilt“, äußerte Bardella. „Demokratie setzt die freie Wahl des Volkes voraus, ohne Hindernisse oder unlautere Handlungen“, fügte er hinzu. Sie werde ihre Unschuld beweisen. Dann sagte er einen Satz, den der frühere rechtsbürgerliche Präsident Nicolas Sarkozy prägte: „Politik zu machen, bedeutet nicht, dass man über dem Gesetz steht. Aber es bedeutet auch nicht, dass man unter dem Gesetz steht.“