FAZ 14.02.2026
18:25 Uhr

Laufen am S-Bahn-Netz: 878 Kilometer, immer an den Schienen entlang


Seinen ersten Marathon ist er im Herbst gelaufen, nun stellt sich Jose Gutierrez einer heftigeren Herausforderung: Er will das komplette S-Bahn-Netz im Rhein-Main-Gebiet ablaufen und Spenden für behinderte Sportler sammeln.

Laufen am S-Bahn-Netz: 878 Kilometer, immer an den Schienen entlang

Das weiße „S“ auf grünem Hintergrund, manchmal sieht er es schon von Weitem, manchmal erst, wenn er schon nahe herangelaufen ist. Dieses „S“ ist sein Wegweiser, seine Richtschnur und, ja, auch ein Quell von Freude. Wieder eins erreicht. Station für Station für Station. Er läuft entlang der Schienen, wo es geht. Abseits der Schienen, wo es nötig ist. Jose Gutierrez läuft, wie er noch nie gelaufen ist. Weite Distanzen, bei Nacht, über viele Stunden, auf außerordentlichen Routen. Der 35 Jahre alte Hobbyathlet aus Hattersheim, den man vielleicht bald Extremläufer nennen kann, hat sich selbst eine besondere Herausforderung gestellt. Eine, die ihn in sportliches Neuland führt, in Grenzbereiche körperlicher und mentaler Belastung. Sie führt ihn in genießerische Hochs und in zermürbende Tiefs. An den Rand des Scheiterns und auch darüber hinaus. Jose Gutierrez will das gesamte S-Bahn-Netz des Rhein-Main-Verkehrsverbunds (RMV) ablaufen, Linie für Linie, von der S1 bis zur S9, jeden Monat eine. Das klingt herausfordernd, wenn man es zum ersten Mal hört. Und es baut sich zu einem fulminanten Groß-Etappenrennen auf, wenn man die Zahlen dazu sieht. Die Lauf-Influencerin Maren Schiller hat ihn inspiriert Das S-Bahn-Netz des RMV hat eine Streckenlänge von 303 Kilometern. Da die neun Linien aber teilweise dieselben Abschnitte befahren, kommt man am Ende auf insgesamt 439 Kilometer Strecke. Gutierrez hat sich von der Berliner Lauf-Influencerin Maren Schiller inspirieren lassen, die das komplette S-Bahn-Netz in der Hauptstadt ablaufen will. Nur dass der Hesse dies im Rhein-Main-Gebiet nicht einfach imitieren will, sondern noch einen draufsetzt. Gutierrez will nicht nur von einer Endstation zur anderen laufen, sondern auch wieder zurück. So kommt er auf 878 Kilometer Strecke. Vermutlich sind es sogar noch einige Kilometer mehr. Denn weil die Strecke auf Feld-, Wald- und Gehwegen zwar oft parallel zu den Schienen verläuft, aber bei Weitem nicht überall, dürfte sich sein Laufprogramm noch verlängern. Am vergangenen Wochenende ist Gutierrez losgelaufen. Begonnen hat er bewusst mit einer der längsten Linien im RMV-Netz, der S6, die von Friedberg nach Darmstadt führt. 65 Kilometer je Schienenstrecke, also 130 Kilometer insgesamt: Das ist eine heftige Etappe für den Auftakt. In der Nacht von Freitag auf Samstag läuft Gutierrez los. Um Mitternacht („Ich bin ein sehr nachtaktiver Mensch“) am S-Bahnhof Friedberg, Laufrichtung Süden. In einem lockeren, aber nicht zu gemächlichen Tempo beginnt er, sechs bis sechseinhalb Minuten braucht er pro Kilometer. „Ich habe so etwas noch nie gemacht“, hat Gutierrez am Tag zuvor erzählt. Er müsse gerade noch „zusammendenken, was wir alles brauchen“. Wir – klar, ein solches Unterfangen stemmt man nicht allein. Sein Bruder und seine Freundin unterstützen ihn bei dem auf beinahe zwei volle Tage angesetzten Dauerlauf. Wechselkleidung, Getränke, Nahrung und einiges mehr müssen dringend zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort für den Läufer verfügbar sein. Effizienz ist Trumpf, die kleinste verschleuderte Kraftreserve ein Ärgernis. Endlich liegt das Laufabenteuer vor ihm Nun ist Gutierrez’ Projekt keine Expedition in unbewohnte Wüstengebiete, aber auch ein solches Vorhaben im hiesigen Winter erfordert umfangreiche Vorbereitungen. „Wir haben versucht, uns für alle möglichen Szenarien zu wappnen“, sagt der Sportler. Beispielsweise benötige er, wenn er mal ein längeres Stück nur gehen könne, auch warme Kleidung. Beim Start in Friedberg durchströmt Gutierrez das gute Gefühl, dass die Vorbereitung endlich hinter und das Laufabenteuer nun vor ihm liegt. Bislang waren 42,195 Kilometer seine längste am Stück bewältigte Distanz. Erst im vergangenen Oktober lief er in Frankfurt seinen ersten Marathon – zwei weitere folgten im November und Dezember, in Italien und Spanien. Doch nun soll es mehr als die dreifache Distanz werden. Kann das gut gehen? Ein Kopfhörer steckt in Gutierrez’ Ohr. Dort wechseln sich mehrere Stimmen ab. Da ist der Gesang zu der beatlastigen Motivationsmusik zu hören, da sind die Ansagen des Navigationsprogramms seines Smartphones, und da sind die Durchsagen der Running-App, die sich nach jedem Kilometer mit Daten und Zeiten meldet. Ein großes „S“ auf grünem Grund folgt dem nächsten, Frankfurt ist bald erreicht. Bei jeder Station biegt Gutierrez ein, läuft ein Stück auf den Bahnsteig, macht ein Beweisfoto. Das lädt er live in sozialen Medien hoch. Dann geht es weiter durch die Nacht. Gutierrez lässt nicht nur die interessierte Netzgemeinde an seinem Langstreckenprojekt teilhaben, sondern läuft auch für einen guten Zweck. Der Hattersheimer sammelt – über die Plattform GoFundMe – Spenden für die Arbeit des Sportvereins Eintracht Hattersheim im Behindertensport. Für Trikots, Turniere, alltägliche Dinge. Schon im Januar hat der Laufenthusiast eine erste Spendenkampagne initiiert. Hinter dem Wortungetüm „January10KmDailyRunningDonationChallenge“ verbarg sich eine Spendenkampagne für das Hattersheimer Tierheim. Rund 700 Euro sind damals zusammengekommen. Das Navigationsgerät schickt Gutierrez ins Gebüsch „Zu schnell, du bist zu schnell unterwegs“, mahnt ihn jetzt sein Bruder, der stets mit dem Auto vorfährt und Gutierrez dann samt großem Verpflegungsrucksack auf dem Fahrrad wieder entgegenkommt. Hinter Frankfurt durchlebt der Läufer die ersten Tiefs. Ein Sprunggelenk beginnt zu schmerzen. Als er im Dunkeln eine tiefe Pfütze übersieht, sind beide Füße nass. Und das Navigationsgerät empfiehlt Wege, die im Gebüsch enden. Mal führt die angeblich schnellste Route quer über einen sumpfigen Acker. Nicht geplante Umwege zerren an der Psyche des Läufers. Gutierrez weiß natürlich, dass sein Projekt auch zu einem Leidensweg werden kann. Doch sein ausgeprägt lebensbejahendes Wesen hilft ihm über so manchen Tiefpunkt hinweg. Und ein Sonnenaufgang nach mehr als sieben Stunden Laufen entfacht eh ein neues Hochgefühl. Gutierrez, der in Venezuela geboren wurde und als Kind vor 30 Jahren nach Deutschland kam, legt Wert auf die Feststellung, dass er kein verbissener „Supersportler“ ist. Er sieht sich als „Normalo“, der sich mit Haut und Haar auf eine ihn und hoffentlich auch andere inspirierende Mission begibt. Mal etwas ganz Verrücktes wagen. Mit ungewissem Ausgang. Das treibt ihn an. Seine Lust am Laufen lässt nicht nach Seine Lust am Laufen lasse auch nach zehn Stunden Strecke immer noch nicht nach, sagt er. „Unterwegs habe ich oft darüber nachgedacht, warum ich nicht schon früher mit dem Laufsport angefangen habe, warum ich diese Leidenschaft in mir nicht früher entdeckt habe.“ Sein Leben lang habe er Fußball in Vereinen gespielt, aktuell kicke er hin und wieder noch für die TSG Messel, erzählt Gutierrez. Als er sich vor knapp zwei Jahren „richtig unfit“ fühlte, begann er zu laufen – ein lebensverändernder Moment. Heute sagt er: „An einem Tag, an dem ich nicht laufe, fehlt mir etwas.“ Gutierrez läuft meist, wenn nur wenige andere unterwegs sind. Frühmorgens nach der Arbeit oder spätnachmittags vor der Arbeit. Der gelernte Kfz-Mechaniker ist als Schlosser bei der Deutschen Bahn in Frankfurt angestellt, Sparte Fernverkehr, dauerhaft Nachtschicht, von 20 bis 6 Uhr. Vorwiegend repariert er IC-Züge. Ist das nicht eigentlich schon herausfordernd genug? „Wichtig ist, dass die Psyche mitmacht, der Körper kann das“, sagt Gutierrez über seinen Arbeitsalltag. Die Bahn sei „ein toller Arbeitgeber“, fügt er noch hinzu. Und dass dort längst nicht alles so schlecht läuft, wie es so oft heißt. Weiter geht es entlang der S6-Route. Die südliche Endstation, Darmstadt, ist bald erreicht. „Es ist eine ungeheure Belastung und auch ein mentaler Kampf auf einer mir zuvor unbekannten Ebene“, sagt Gutierrez. „Aber ich hatte nie mit Müdigkeit oder einsetzender Lustlosigkeit zu kämpfen. Das Gefühl zu spüren, dass man gerade über sich hinauswächst, ist großartig.“ Dann tritt der Läufer den Rückweg in Richtung Norden an. Eine Verletzung droht: In Erzhausen bricht Gutierrez ab Sein Bruder Miguel versteht sich bestens als Motivator. Als Ex-Soldat und Ausbilder weiß er, wie man Leute antreibt. Als die Kräfte schwinden und vor dem Darmstädter Stadtteil Arheilgen ein Oberschenkel „zumacht“, Vorboten von Krämpfen durch die Beine des Sportlers zucken und eine Verletzung droht, hört Gutierrez seinen Bruder sagen: „Du hast dich schon selbst übertroffen, dass du dich dies hier getraut hast.“ Die Brüder einigen sich darauf, dass Gutierrez nicht mehr die komplette Strecke laufen wird. Die 100-Kilometer-Marke will er trotzdem schaffen. Sie ist auf Höhe der S-Bahn-Station Erzhausen schon wenig später erreicht. Es ist nun 20 Uhr, der kleine Tross ist seit 20 Stunden unterwegs, die Kälte ist ihnen in jede Pore gezogen. Sie fahren zurück nach Hattersheim, Gutierrez schläft zwölf Stunden am Stück. Hätte er sich statt des weißen „S“ auf grünem Hintergrund doch lieber das weiße „U“ auf blauem Grund aussuchen sollen als Wegweiser? Also das „nur“ 65 Kilometer lange Frankfurter U-Bahn-Netz, das gerade auch von der Läuferin Gesa Hanna Barthel abgelaufen wird, die über ihre „Challenge“ ebenfalls in den sozialen Medien berichtet. „Auf keinen Fall“, antwortet Gutierrez. In ein paar Tagen will er wieder die Laufklamotten anziehen, in die S6 steigen und bis Erzhausen fahren. Dort wird er aussteigen und loslaufen, die verbleibenden etwa 50 Kilometer bis Friedberg.