Aus dieser Geschichte hat das Videoteam der Frankfurter Allgemeinen Zeitung den Dokumentarfilm „Lauf des Lebens“ gemacht, sechs Jahre lang hat die Arbeit daran gedauert. Nun hatte der Film in Frankfurt im „Cinéma“ Premiere, danach ist er jederzeit auf Youtube zu sehen: Der Bundeswehrsoldat Robert Müller war Mitte zwanzig, als bei der missglückten Entschärfung eines Sprengsatzes in Afghanistan mehrere seiner Kameraden starben. Der damalige Elitesoldat war 2002 in Afghanistan im Einsatz, als Fallschirmjäger und Hundeführer. Die Entschärfung galt als Routine. Müller war lediglich hinzugekommen, um zuzuschauen. Doch kurz vor der Explosion, so erinnert er sich, habe er gespürt: „Da stimmt etwas nicht.“ Er selbst wird verletzt, überlebt aber. Das Erlebnis prägt sein weiteres Leben. „Ich habe mir damals gewünscht, ein Bein oder einen Arm verloren zu haben“, sagt er. So aber habe man seine Verletzungen, die psychischen Folgen, nicht gesehen: „Ich war augenscheinlich gesund.“ In den Jahren nach dem Einsatz diente Müller weiter – trotz der Diagnose einer Posttraumatischen Belastungsstörung. „Ich habe einfach weitergemacht. Ich dachte mir: Was geht mich diese Diagnose an?“, erinnert sich der ehemalige Soldat. Die Symptome aber verstärkten sich, und Müller musste den Beruf des Soldaten aufgeben. Er suchte Neuanfänge in Deutschland, beruflich und familiär, mit seiner Freundin und dem gemeinsamen Kind. Doch die Explosion in Afghanistan, die Erfahrungen, die er dort gemacht hat, sie folgen ihm in die Heimat, bis heute. Einige Zeit dachte er an Suizid Nachts wacht er schreiend auf, er kann kaum etwas essen oder trinken, Kontakte zu Freunden und Familie brechen nach und nach ab. Seine Angehörigen erkennen ihn nicht wieder. „Robert kam als völlig anderer Mensch aus Afghanistan zurück“, sagt seine Partnerin. Müller dachte einige Zeit an Suizid, wollte nicht mehr mit der Last des Erlebten weiterleben. Es folgten viele Jahre der Therapie, in denen Müller lernte, mit der Posttraumatischen Belastungsstörung umzugehen. Verschwinden werde sie nicht mehr, sagt er, aber er habe gelernt, sie als Teil seines Lebens zu akzeptieren. Oftmals extremer Sport wird für ihn zu einem Mittel der Selbstregulierung. Gemeinsam mit einem damaligen Freund entsteht die Idee, den „Marathon des Sables“ zu laufen – rund 250 Kilometer durch die marokkanische Sahara. Sein Freund brach das Training ab, Müller aber machte weiter, und er startete im Jahr 2021. Unterwegs merkt Müller, dass er es mental nicht schaffen wird. Als ein anderer Läufer neben ihm an einem Herzstillstand stirbt, lässt Müller sich aus dem Rennen nehmen. Im Jahr darauf kehrt er zurück – und beendet den Marathon. Noch während des ersten Laufs vergräbt er zwei seiner Bundeswehrmedaillen im Sand, die ihm nach dem Auslandseinsatz in Afghanistan und einem weiteren im Kosovo verliehen worden waren. „Sie bedeuteten mir nichts“, sagt er. Nach seiner Rückkehr aus Afghanistan habe er sich von der Bundeswehr im Stich gelassen gefühlt. Jahrelang musste er dafür kämpfen, dass seine psychischen Folgen als Berufskrankheit anerkannt werden und er als wehrdienstbeschädigt gilt. Auch und gerade davon erzählt der Film, den Müller zur Premiere am Montagabend zum ersten Mal in der endgültigen Version sah. Die F.A.Z. hat ihn auf diesem Weg begleitet, um auf die fehlende Unterstützung für Einsatzveteranen aufmerksam zu machen. Viele sind bereit, Wehrdienst zu leisten In der Podiumsdiskussion nach der Vorführung sprachen Fachleute über den Umgang mit Einsatzveteranen und über die Debatte um die Wehrpflicht. Vor dem Hintergrund der wachsenden Bedrohung durch Russland und der Frage, wie die Bundeswehr wieder wehrfähig werden könne, wirke der Film besonders eindrücklich, sagte Nico Lange, Senior Fellow der Münchner Sicherheitskonferenz. Viele Menschen seien bereit, Wehrdienst zu leisten, doch es müsse klar sein, „wofür wir kämpfen – und wie wir Veteranen unterstützen“. Lorenz Hemicker, Sicherheits- und Bundeswehrfachmann der F.A.Z., stimmte zu. Man müsse sich bewusst machen, was Dienst an der Waffe bedeute. Deutschland sei an eine Bundeswehr in Friedenszeiten gewöhnt, an humanitäre Einsätze statt an Kampfoperationen. Entsprechend schlecht vorbereitet sei man auf die psychischen Schädigungen, die Soldaten aus Einsatzgebieten mitbrächten. Es brauche Strukturen, die diese Menschen auffingen. Zwar existiere das Einsatzversorgungsgesetz, das Soldaten aus Auslandseinsätzen der Bundeswehr die Versorgung sicherstellen solle, sagt Müller, doch es fehle an genügend Therapeuten mit Erfahrung in einsatzbedingter Posttraumatischer Belastungsstörung, und die Anerkennung einer Wehrschädigung sei oft langwierig und für Betroffene retraumatisierend. Auf die Frage, ob er abermals Soldat werden würde, wenn er die Zeit zurückdrehen könnte, antwortet Müller knapp: „Ja.“ Er habe noch immer das Bedürfnis, andere zu schützen; das Gerechtigkeitsempfinden, das ihn einst zur Bundeswehr geführt habe, sei geblieben. Ob er den Wüstenmarathon noch einmal laufen wolle, beantwortet er hingegen anders: „Ich hoffe nicht.“ Er sei stolz auf die Leistung, aber der Lauf sei für ihn ein Baustein seiner Genesung gewesen – und abgeschlossen.
