FAZ 22.12.2025
11:05 Uhr

Langeweile in Bundesliga: Warum hat der FC Bayern nicht einmal mehr Verfolger?


Selten wirkten die Münchner so dominant wie im zweiten Halbjahr 2025. Nicht nur, dass Herausforderer fehlen: Es gibt nicht einmal echte Verfolger. Woran liegt das? Und wird es bald wieder anders?

Langeweile in Bundesliga: Warum hat der FC Bayern nicht einmal mehr Verfolger?

Borussia Dortmund: Die Sehnsucht nach dem Flowzustand Seit ziemlich genau zehn Jahren gibt es bei Borussia Dortmund diese beiden parallel zueinander laufenden Erzählungen, die jeweils das gleiche Bild zeigen, nur völlig unterschiedlich eingefärbt. Da gibt es die wohlwollende Perspektive auf einen Klub, der Beachtliches vollbringt. Der aus einer vergleichsweise bedeutungslosen Stadt kommt und zum Beispiel 2023 beinahe Deutscher Meister geworden wäre. Der seit zehn Jahren ununterbrochen in der Champions League dabei ist und 2024 im Endspiel dieses Edelwettbewerbs stand. Nun hat sich dieses in der Bundesliga häufig schwankende Team auch noch im nationalen Wettbewerb stabilisiert. Nur eine einzige Niederlage hat der BVB im bisherigen Saisonverlauf erlitten, mit 1:2 beim FC Bayern. „Wir haben viele Spiele gewonnen, und die knappen Spiele verlieren wir nicht mehr“, erklärte Trainer Niko Kovac am Freitag nach dem 2:0 gegen Mönchengladbach, um den Fortschritt zu illustrieren. Zugleich tritt der BVB jedoch als Schauplatz bizarrer Konflikte und Debatten in Erscheinung, die sich erkennbar auf die Leistungsfähigkeit auswirken. Ständig wird der Arbeitsbetrieb mit neuem Stoff für emotionale Störkräfte versorgt. Zwar glänzt der bemerkenswert gelassene und immer gut gelaunte Kovac öffentlich als Meister der Krisenkommunikation, aber es ist angesichts der vielen Konfliktherde unmöglich, einen Zustand des dauerhaften Flows zu erzeugen. Dieser Zustand ist aber nur schwer verzichtbar, um trotz des wirtschaftlichen Rückstands auf die Bayern die Sehnsucht nach einer ganz besonderen Saison mit einem Titel zu stillen. Die Stürmer Serhou Guirassy und Karim Adeyemi sind Individualisten, die auf dem Platz Entscheidendes bewirken können, der Gemeinschaft aber viel zu oft Energie entziehen. Kritische und öffentlich vorgetragene Einlassungen von den Spielern Julian Brandt, Nico Schlotterbeck oder von dem externen Berater Matthias Sammer machen deutlich, dass die Probleme weit verzweigt sind im BVB-Organismus. In der Vergangenheit wurden permanent erneuerte Gerüchte zu den Zukunftsplanungen von Erling Haaland und Jude Bellingham zum Ärgernis, nun fragen sich alle: Was macht Schlotterbeck? Es ist schwer, unter solchen Umständen über sich hinauszuwachsen, um zu den Bayern aufzuschließen. Und dennoch hat sich der BVB seit sieben Jahren nicht mehr so erfolgreich in eine Winterpause verabschiedet. 32 Punkte nach 15 Spieltagen sind eine beachtliche Bilanz, die zumindest ganz vorsichtige Hoffnungen auf einen kleinen Rest Frühjahrsspannung im Meisterschaftskampf zulässt. Ende Februar wird der FC Bayern im Westfalenstadion erwartet, wo durchaus eine Chance besteht, den Rückstand zumindest um drei Punkte zu verkürzen. (dat.) RB Leipzig: Die Inkonstanz als Begleiter Ein Erfolg zum Abschluss kann vieles verschönern. Im Fall von RB Leipzig ist es genau umgekehrt. Da werfen die zwei Niederlagen zum Jahresabschluss Fragen auf, die vor drei Wochen noch nicht gestellt wurden. Eine davon lautet, warum der Mannschaft zum Ende der Hinrunde spürbar die Luft ausging. Wo sie doch eigentlich hätte frisch sein sollen. Immerhin spielt RB anders als in den Vorjahren in dieser Saison nicht international. Als Antwort böten sich verschiedene Möglichkeiten an, die zentralste These dürfte aber lauten, dass in Leipzig eigentlich niemand enttäuscht sein sollte. Auch Jürgen Klopp nicht, der das abschließende 1:3 gegen Leverkusen von der Tribüne aus verfolgte. Was der sogenannte Head of Football dort sah, dürfte ihm grundsätzlich sogar gefallen haben. Leipzig ging durch Xaver Schlager spät in der ersten Halbzeit in Führung, lag nach Gegentoren von Martin Terrier und Patrik Schick aber dennoch zur Pause zurück. Schon in der Vorwoche, beim 1:2 gegen Union, kassierte Leipzig direkt nach einem eigenen Erfolgserlebnis ein Gegentor. Mit etwas mehr Spielglück wäre in der zweiten Halbzeit der Ausgleich möglich gewesen. Inkonstanz ist nun mal ein lästiger Begleiter junger Mannschaften. Anders als in den Vorjahren stand vor dieser Saison nie zur Debatte, ob man den FC Bayern herausfordern kann. Wer sich im Geheimen doch damit beschäftigte, bekam beim 0:6 in München gleich am ersten Spieltag den Kopf gewaschen. Der Umbruch im Sommer fiel extremer aus als gewohnt. Xavi Simons, Benjamin Sesko, Lois Openda. Es ging nicht nur darum, kickendes Personal auszuwechseln, sondern auch für neue Strukturen im Kader und – fast noch wichtiger – für eine neue Haltung zu sorgen. Dafür verpflichteten die Verantwortlichen Ole Werner als Trainer, dem schnell angekreidet wurde, nicht die erste Wahl gewesen zu sein. Ähnlich wie Vincent Kompany in München entwickelte sich Werner aber schnell zum Glücksfall. Mit ruhiger Hand und fachlichem Geschick ließ er sich vom katastrophalen Auftakt in München nicht täuschen und stellte eine hungrige Mannschaft zusammen, die mit aufregenden Spielern attraktiven Fußball zeigte. Yan Diomandé begeisterte mit seinen Tempodribblings und seiner Kreativität, Christoph Baumgartner übernahm die Rolle des Regisseurs im Mittelfeld, so wie einst seine Landsleute Marcel Sabitzer und Konrad Laimer. Und David Raum gibt einen Anführer, wie Leipzig ihn so vielleicht noch nicht hatte. Lange sah es so aus, als könnte RB jeden Abgang verkraften, am Ende aber handelt es sich um ein junges Team, das an einigen Stellen der Hinrunde über seinen Möglichkeiten spielte. Platz vier ist kein Grund zum Mäkeln. Daran ändern auch die neun Punkte Rückstand auf den FC Bayern nichts. (ssti.) Bayer Leverkusen: Das frisch geschlüpfte Küken Entscheidende Details der Tabelle hat Kasper Hjulmand geflissentlich ausgeblendet, als er am Samstagabend seine Halbjahresbilanz zog. Der Trainer von Bayer Leverkusen sinnierte nach dem starken 3:1-Sieg in Leipzig über die „gute Perspektive in 26“ und berichtete von dem „großen Respekt“, den er für seinen Kader empfinde. Dass die Tabellenspitze nach dem Gewinn der deutschen Meisterschaft 2024 und dem zweiten Platz im Abschlusstableau 2025 derzeit unerreichbar weit weg ist, löst keinerlei Schmerzen aus bei dem Dänen. Vielmehr ist der Gedanke, im laufenden Spieljahr mit dem FC Bayern mithalten zu können, in Leverkusen derzeit ungefähr so weitverbreitet wie die Idee, den in Liverpool um Anerkennung kämpfenden Florian Wirtz zurück an den Rhein zu holen. Niemand kann sich vorstellen, dass das möglich ist. Zwar sind wundersame Ergebnisse im Fußball wahrscheinlicher als in den meisten anderen Sportarten. Genauso gesichert ist aber die Erkenntnis, dass talentierte Teams Zeit benötigen, um große Mannschaften zu werden. Und diese Zeit hat bei Bayer Leverkusen erst vor drei Monaten begonnen, als Hjulmand den Kurzzeittrainer Erik ten Hag im Werksklub ablöste. Deshalb wird in Leverkusen eher über bereits entwickelte Stabilität gestaunt als über den Rückstand auf die Bayern. „Wir können keine Titelmannschaft kaufen, wir müssen sie entwickeln“, hat der Sportchef Simon Rolfes neulich erklärt. Demnach lässt sich der Rückstand von Bayer Leverkusen zur Tabellenspitze sehr einfach erklären: Der Bayern-Konkurrent, der der Werksklub irgendwann wieder sein möchte, ist ein im Sommer frisch geschlüpftes Küken, das gerade erst lernt zu fliegen. Die erstaunlichen Siege bei Manchester City in der Champions League und bei Borussia Dortmund im DFB-Pokal machten aber schon einmal sichtbar, was Hjulmand „Perspektiven“ nennt. Junge Neuzugänge wie Ibrahim Maza, Malik Tillman, Christian Kofane und Jarrell Quansah sind im November und Dezember zu Spielern gereift, denen bald regelmäßig Großtaten auf dem höchsten Niveau zugetraut werden können. Auch weil sie in einem stabilen Gerüst von Spielern reifen können, die am Ende der Xabi-Alonso-Zeit weniger anerkannt waren: Robert Andrich, Aleix García, Martin Terrier, Jeanuel Belocian, Jonas Hofmann. Zudem ist von den Großeinnahmen aus dem vergangenen Sommer noch ein hoher zweistelliger Millionenbetrag übrig, mit dem weitere Verstärkungen erworben werden können. In der Bundesliga ist Bayer Leverkusen aufgrund der Widrigkeiten eines grundlegenden Neustarts noch kein echter Konkurrent für die Bayern, im DFB-Pokal vielleicht schon. Und eventuell sogar in der K.-o.-Phase der Champions League, wo diese beiden Klubs schon im Vorjahr aufeinandertrafen. (dat.) Eintracht Frankfurt: Von der Fährte abgekommen Dino Toppmöller ist, schon seines Vaters wegen, im deutschen Fußball ein bekannter Mann. Er kennt von Bochum bis Hamburg Menschen, die in Bundesligaklubs arbeiten. Und er kennt die Geschichten, die diese Klubs begleiten. Die meisten Geschichten kennt er von der Frankfurter Eintracht, die sein Vater Klaus trainierte, für die er spielte. Heute trainiert er, Dino, sie. Am Freitag wählte Toppmöller eine Metapher, auf die nicht viele andere Bundesligatrainer gekommen wären. Er sagte: Die Eintracht spielt gerade keinen Fußball 3000. In den Neunzigerjahren war sie landesweit bekannt geworden für ihr schönes Offensivspiel, mit Yeboah und Okocha, mit der verpassten Meisterschaft. Damals nannten die Fans diesen Stil Fußball 2000. Einer von ihnen, der Jugendliche Dino Toppmöller, verguckte sich in diese Spieler und den Klub. Knapp 30 Jahre später ließ er seine Offensive so schnell kontern, dass die Eintracht Dritter wurde (das beste Ligaergebnis seit Fußball 2000) und im Europapokal im Viertelfinale spielte. Seine Stars hießen Hugo Ekitiké und Omar Marmoush. Aber so schnell, wie sie konterten, so schnell, wie sie großgeworden waren – so schnell waren sie wieder weg. Der große Star schien nun Markus Krösche zu heißen; Toppmöllers Chef und Kaderplaner, der in all den Jahren immer den nächsten Marmoush oder Ekitiké gefunden hatte. Deshalb waren sich im Sommer viele sicher: Diese Eintracht wird sich unter Toppmöller auf die Fährte der großen Bayern legen. Das war im August 2025. Im Dezember 2025 veröffentlicht ein Onlineportal einen Bericht mit der Überschrift: „Toppmöller wackelt: Frankfurt kontaktiert Terzic“. Das letzte ansehnliche Spiel der Eintracht ist einige dunkle Abende in Frankfurt-Niederrad her, sie steht auf Platz sieben der Bundesliga-Tabelle, in der Champions League hat sie dreimal hoch verloren. Im DFB-Pokal ist sie ausgeschieden. Immer wieder fielen Toppmöller wichtige Spieler weg, Can Uzun etwa, oder Jonathan Burkardt. Das lag auch daran, dass sie zu häufig spielten, beide erlitten eine Muskelverletzung. Das wirft eine Frage auf, die einige schon stellten, als Marmoush weg war oder Ekitiké verletzt: Was ist der Toppmöller-Fußball wert ohne herausragende Einzelspieler? Das Eintracht-Spiel findet keine Ruhe. Entweder ist es zu offensiv, dann ist es für die gegnerischen Stürmer zu einfach, Tore zu schießen. Die Eintracht hatte eine gar nicht mal so kurze Zeit die schlechteste Defensive der Liga. Oder es ist zu defensiv, ergo unansehnlich. Ja: Toppmöllers Bank ist nicht gut genug. Und ja: Noch immer stellt die Eintracht das jüngste Team der Liga, das die hohen Pleiten in der Königsklasse erst einmal verkraften muss. Aber im neuen Jahr, bei den Spielen gegen Stuttgart, Dortmund und Tottenham, muss sie zeigen, dass nicht nur der Trainer weiß, was mit Fußball 3000 gemeint ist. (kori.)