FAZ 27.01.2026
07:42 Uhr

Lange verletzter Fußballprofi: Was fürchten Sie in einem Spiel, Herr Henrichs?


400 Tage nach einer schweren Verletzung kehrt Benjamin Henrichs zurück auf den Fußballplatz. Im F.A.Z.-Fragebogen erzählt der Leipziger, wie ihn die Leidenszeit verändert hat – und was er über ein Duell mit Neymar dachte.

Lange verletzter Fußballprofi: Was fürchten Sie in einem Spiel, Herr Henrichs?

Diesen Fragebogen hat Marcel Proust nie ausgefüllt. Denn er ist eine auf den Fußball zugespitze Variante eines zu Zeiten des französischen Schriftstellers beliebten Gesellschaftsspiels. Wir spielen es weiter mit Menschen aus dem Fußball, die bereit sind, die Herausforderung an Geist und Charme anzunehmen: diesmal mit dem Leipziger Fußballprofi Benjamin Henrichs. Was ist für Sie das größte Glück als Fußballer? Bei mir am Kühlschrank hängt ein Kalender. Mit drei Zahlen, die ich jeden Tag aktualisiere: Die Tage, die seit meinem Achillessehnen-Riss am 20. Dezember 2024 vergangen sind. Die Tage, die seit der ersten OP vergangen sind. Und die Tage seit der zweiten OP. Es waren bis Samstag 400 Tage, in denen ich kein Pflichtspiel mehr absolviert habe. Ich war fünf Monate an Krücken. Da war ich vom Fußballer Henrichs ganz weit entfernt. Da musste der Mensch Benny wieder gehen lernen. Diese Zeit hat meinen Blick und mein Bewusstsein extrem verändert. Ich weiß dieses Glück, Fußball-Profi zu sein, viel mehr zu schätzen. Und was ist für Sie das größte Unglück als Fußballer? Ich war davor wirklich nie groß verletzt. Da habe ich mir Gedanken gemacht, wenn ich früher ausgewechselt wurde. Solche Fragen waren meine größte Sorge. Aber dieses Gefühl, nicht spielen zu können, weil der Körper nicht mitmacht, das habe ich jetzt auf intensive Weise kennenlernen müssen. Und das empfinde ich wirklich als Unglück. Woran erkennen Sie einen guten Spieler? Einen guten Spieler erkennt man vor allem an seinem Verhalten Mitspielern gegenüber – auch außerhalb des Platzes. Ich finde es aussagekräftig, wie Spieler neue Kollegen empfangen. Wie sie den Neuen helfen, sich schnell zu integrieren und sich beim neuen Klub wohlzufühlen. Auch Kleinigkeiten auf dem Platz haben eine große Aussage: Wenn ein Mitspieler einen Fehler macht, muss ich ihn nicht im Stadion vor allen auch noch runterputzen. Gute Spieler stützen ihr Team, richten Mitspieler auf und können ihren eigenen Stolz auch runterschlucken. Wer ist der beste Spieler, gegen den Sie gespielt haben? Im Oktober 2021 wurde ich in einem Champions-League-Spiel mit Leipzig gegen Paris zehn Minuten vor Schluss eingewechselt und musste gegen Lionel Messi ran. Der hatte zu der Zeit bereits zwei Tore gegen uns erzielt und hat gar nicht mehr Vollgas gespielt. Leider durfte ich daher nicht im klassischen eins gegen eins ran, weil er vorher abspielte. Trotzdem: besser war niemand. Welcher Spieler ist besser, als die Allgemeinheit glaubt? Felix Nmecha! Der Kerl ist so gut. Völlig underrated, angesichts dessen, was er kann. Ich habe ihn bei der Nationalmannschaft im Training hautnah erlebt. Spektakulär! Wer ist der wichtigste Trainer in Ihrer Karriere? Ich muss zwei nennen: Roger Schmidt hat mich 2015 zum Profi gemacht. Er war der Erste, der etwas in mir gesehen hat, was meine Trainer zuvor nicht in mir gesehen haben. In der Jugend hatte ich im zentralen Mittelfeld gespielt, manchmal links. Aber immer offensiv. Unter Roger durfte ich mit den Profis von Leverkusen mit ins Trainingslager nach Amerika – und da hat er mir gesagt, dass er mich als Außenverteidiger probieren wolle. Dank dieser Entscheidung bin ich Profi geworden und nur kurze Zeit später Nationalspieler. Der andere wichtige Trainer ist Domenico Tedesco. Nach einer Zeit, in der es nicht so lief, hat er wieder angefangen, mir zu vertrauen. Wir haben sehr viele Gespräche geführt und er hat mich zurück auf den Platz gebracht. Ich war letzter Elfmeterschütze beim Pokalsieg gegen Freiburg. Nach meinem Treffer bin ich direkt in seinen Arm gesprungen. Über was möchten Sie in der Kabine nicht sprechen? Ich glaube nicht, dass die Kabine ein Ort mit vielen Tabu-Themen ist. Man verbringt so viel Zeit mit den Jungs, mehr als mit den meisten anderen in seinem Leben. Ich habe mit Dani Olmo und Dominik Szoboszlai zwei Jungs bei Leipzig kennengelernt, die fast alles von mir wissen und mit denen ich über alles reden kann. Aber natürlich redet man nicht mit jedem Mitspieler gleich intensiv. Das ist wie im Büro. Wen bewundern Sie? Ich bin ein gläubiger Mensch, schreibe mir täglich meine wichtigsten Verse auf. Es gibt einen Mann aus Ghana, Pastor Otabil, der eine Vertrauensperson von mir ist. Er hat so viel erlebt, so viel Erfahrung, Gespräche mit ihm sind inspirierend. Aber auch Stephan Dahms aus Düsseldorf. Bei den Gesprächen geht es ganz oft gar nicht um Fußball, sondern um das Leben als solches. Was bewundern Sie? Ich bewundere Menschen wie David Goggins. Ich habe sein Buch gelesen. Goggins wog fast 140 Kilo und wollte zur Armee. Man sagte ihm, er müsse zuvor 45 Kilo abnehmen, was ihm in weniger als drei Monaten gelang. Ich habe daraus gelernt, dass Disziplin wichtiger ist als Motivation. Nach meiner Verletzung wollte ich zunächst schneller zurückkommen als jeder andere mit dieser Verletzung. Aber anfangs war mir nicht klar, wie wichtig die entsprechende Disziplin ist. Motivation ist gut, aber nur die richtige Disziplin lässt dich weitermachen. Ich habe mir geschworen, dass ich mir nie nachsagen lassen will, nicht wirklich alles aus meiner Karriere rausgeholt zu haben. Was fürchten Sie in einem Spiel? Ich fürchte Verletzungen. Wobei ich diesen Gedanken noch nie bewusst in mir getragen habe. Auch jetzt nicht, als ich zurück auf den Platz gekommen bin, habe ich nie gedacht: ‚Hoffentlich passiert nichts‘. Ich bin niemand, der in Risiken denkt. Als ich vor Jahren gegen Neymar gespielt habe, habe ich zu einem Kumpel gesagt: ‚Hoffentlich lande ich nicht auf Youtube, weil er was Verrücktes macht.‘ Aber diese Denke war völlig falsch und dämlich. Mein Mindset ist mittlerweile ein ganz anderes. Ich sehe die Chancen, die Freude, die Möglichkeiten. Nicht das Schlechte oder Schwierige. Welche Fußballregeln würden Sie ändern? Ich mag es, wenn der Fußball so bleibt, wie er ist. Ich brauche keine ständigen Anpassungen. Die Regel, die mich stört: Dass man nicht mehr mit den Schiedsrichtern reden darf. Schiedsrichter zu sein, ist meist ziemlich undankbar. Irgendjemand beschwert sich immer. Daher versuche ich immer ruhig und entspannt mit ihnen zu reden. Auf Augenhöhe! Dass uns das genommen wurde, finde ich schade. Kommunikation ist wichtig! Und zwar als Chance für jeden Spieler, nicht nur für den Kapitän. Wer führt Ihre Gehaltsverhandlungen? Ich bin erst kürzlich zu Sports360 gewechselt. Aber ich habe mich vorher umgehört und viel Positives über Sascha Breese und Volker Struth gehört. Ich habe mit Florian Fischer einen wichtigen Partner. Und vor allem mit dem Performance-Trainer Fabian Jöck, mit dem ich – ergänzend zu allen Unterstützern bei RB Leipzig, die sich voll reingehängt haben – sehr intensiv Zeit verbracht habe. Der hat bisher herausragende Arbeit geleistet. Und er wird mein Comeback-Trikot bekommen – das ungewaschene, verschwitzte. Das geht am Montag in die Post. Was ist der Sinn des Spiels? Spaß zu haben! Es macht wenig Sinn, wenn man sich zwingt. Ohne Spaß geht nichts. Dann kommen Siege und Trophäen. Wenn man eine hat, will man mehr. Man wird nie satt. Ihr Lieblingsspieler? Als Junge habe ich Ronaldinho bewundert, hab versucht, ihn zu kopieren. Als ich nach Monaco kam und Thierry Henry plötzlich mein Trainer war, war das irreal. Dass so ein Weltstar mich plötzlich kannte und mit mir arbeitete, war irgendwie verrückt. Ihr Lieblingstrainer? Ich habe ja schon ein paar wichtige Trainer genannt. Einer fehlt noch – und er hat wirklich vor zehn Minuten, also während der Bearbeitung der Fragen, angerufen: Marco Rose. Mit ihm hatte ich keinen einfachen Start. Anfangs habe ich nicht das große Vertrauen von ihm gespürt, saß häufiger auf der Bank, habe die WM schließlich verpasst. In der Zeit habe ich gelernt, die Verantwortung für alles bei mir zu suchen – und nicht die Schuld auf die anderen zu schieben. Schließlich ist es mir gelungen, ihn doch zu überzeugen. Und wir haben gemeinsam den DFB-Pokal gewonnen – ich durfte von Beginn an ran. Welches Buch haben Sie zuletzt gelesen? „Die 1%-Methode“ von James Clear. Welche Eigenschaften schätzen Sie bei einem Mitspieler am meisten? Menschlichkeit! Und, wie vorhin schon mal angerissen, wenn man miteinander reden kann, ohne dass der andere zu stolz ist, Fehler einzusehen. Ich hatte mal ein Abendessen mit Dani Olmo, bei dem ich ihm etwas mitteilen musste, was mich genervt hat. Ich habe ihn so oft im Spiel hinterlaufen, aber er hat nie zu mir gepasst. Das war kein Thema für auf dem Platz. Das musste unter uns besprochen werden. Und er hat es eingesehen und verstanden. Welche Eigenschaften schätzen Sie bei einem Freund am meisten? Loyalität! Meine wichtigsten Freunde stammen alle aus einer Zeit, als ich noch kein Profi war. Als Profi muss man immer aufpassen, wer Benny kennenlernen will und wer mit Henrichs abhängen möchte. Es gibt so viele, die nur an deinen Fame wollen. Aber mit meinen fünf engsten Jungs wäre ich auch befreundet, wenn ich kein Fußballer wäre. Ihre Helden der Gegenwart? Meine Eltern. Mein Papa ist ein Kämpfer, ein starker Mann. Meine Mama ist die herzlichste, gütigste und hilfsbereiteste Person auf der Welt. Sie kam nach Deutschland, ohne ein Wort der Sprache zu sprechen. Aber sie hat sich reingehängt und wollte unbedingt ankommen, hat sich gequält, um schnell Deutsch zu lernen. So habe ich es, als ich nach Frankreich ging, auch gemacht. Man muss die Sprache des Landes sprechen können. Ich habe mir in Monaco einen Sprachlehrer geholt, der zwei Wochen an mir geklebt hat. Egal wo ich war, er kam mit. Wenn ich ein Wort nicht wusste, musste ich es umschreiben. Einmal habe ich in einem Restaurant nach „dem Bruder der Gabel gefragt“. Mir fiel einfach nicht ein, was Löffel hieß. Cuillère! Was ist der größte Irrtum über das Leben als Fußballprofi? Es muss alles gut sein, weil wir viel verdienen. Der Weg dahin wird oft unterschätzt und ausgeblendet! Jeder denkt, dass wir ein einfaches Luxusleben führen, nur schillernd und schön. Der Verzicht, der Fleiß, die Fremdbestimmtheit, der absolute Wille, die Bereitschaft sich zu Quälen – werden übersehen. Und dass hinter den Fußballern auch Menschen stecken. Messi oder Ronaldo? MESSI! Guardiola oder Klopp? KLOPP! Ich habe Guardiola noch nie getroffen. Jürgen schon mehrfach. Einmal begegnete ich ihm in Leipzig im Treppenhaus, während ich noch auf Krücken unterwegs war. Er lächelte mir zu und sagte nur: „Das sieht echt scheiße aus!“ Dann haben wir beide herzhaft gelacht. Das war ein typischer Klopp. Er hat einen ansteckenden Humor, erzeugt Leichtigkeit, selbst dann, wenn sie eigentlich nicht da zu sein scheint. Was lieben Sie am meisten am modernen Fußball? Ich liebe Fußball generell. Ich spiele seit zwanzig Jahren. Es hat mich nie gelangweilt. Auch eine WM mit 48 Mannschaften bereitet mir Freude. Ich liebe alles an diesem Spiel! Ihre Lieblingsbeschäftigung an einem spiel- und trainingsfreien Tag? Padel-Tennis! Am liebsten mit meinen Freunden. Leider lebt einer von ihnen in Dubai, zwei in Leverkusen. Daher spielen wir zu selten in dieser Bestbesetzung.