Trotz der martialischen Großsprecherei der Politiker verläuft der Landtagswahlkampf in Baden-Württemberg bislang ereignislos. Polarisierten in vorherigen Wahlkämpfen Themen wie Stuttgart 21, die Migrationspolitik oder Corona, gibt es jetzt einen zahmen Streit über die Bewältigung der Wirtschaftskrise. Der grüne Spitzenkandidat Cem Özdemir holte sich in dieser Woche noch einmal Unterstützung von Boris Palmer, um für Wähler aus dem konservativen Bürgertum wählbarer zu werden. Damit hatten viele gerechnet. CDU-Spitzenkandidat Manuel Hagel bestellte Bundeskanzler Friedrich Merz zum Bundesparteitag nach Stuttgart ein, weil er sich vom Glanz einer reformeifrigen Bundesregierung den entscheidenden Schub bis zur Wahl in zwei Wochen erhoffte. Doch weder Palmers Beinaheberufung in eine künftige Landesregierung noch die Lobgesänge des Kanzlers auf den Kandidaten dürften wahlentscheidend sein. Das hat mehrere Ursachen: Die beiden Spitzenkandidaten scheuen die inhaltliche, vor allem aber die persönliche Konfrontation. In der CDU hält sich die These, zu viel Aktionismus und inhaltliche Präzision könnte ihren Vorsprung in den Umfragen zerstören. Die Grünen wollen die Mitte-Wähler nicht verunsichern, halten sich mit programmatischen Vorstößen zurück und setzen fast ausschließlich auf die Beliebtheit ihres Kandidaten, der zu den besten Solodarstellern seiner Partei gehört. Ein direkter Schlagabtausch würde helfen Ein direktes Duell zwischen Özdemir und Hagel wird es nicht geben, stattdessen nur ein „Triell“ im SWR, bei dem auch AfD-Spitzenkandidat Markus Frohnmaier dabei sein wird. Dabei sind Landtagswahlen heute Persönlichkeitswahlen. Die Bürger bekommen von der Landespolitik wenig mit und entscheiden häufig spontan, wem sie die Führung ihres Landes anvertrauen. Ein direkter Schlagabtausch würde bei der Urteilsfindung helfen. Soll der 37 Jahre alte Hagel das Land führen, obwohl er keine Regierungserfahrung hat? Oder wäre Özdemir der bessere Ministerpräsident, weil er Bundesminister war – wenn auch in der gescheiterten Ampelregierung? Wie auch andernorts lähmt die Zerfaserung des Parteiensystems den Wahlkampf: Die Stärke der nicht koalitionsfähigen AfD, der Vormarsch der Tiktok-Linken sowie die Schwäche von SPD und FDP nehmen der CDU die Möglichkeit, glaubhaft für einen Politikwechsel zu werben. Hagel versucht es dennoch und verspricht, ein „neues Kapitel“ für das Land aufzuschlagen und „mutiger, kraftvoller“ zu regieren. Nur: Mit welcher Mehrheit – abgesehen von der mit den Grünen – soll das gelingen? Und weshalb ist alles, was die CDU in den 68 Jahren ihrer Regierung im Südwesten gemacht hat, jetzt auf einmal nicht mehr „kraftvoll und mutig“ genug? Solche Sprüche mobilisieren keine Wähler, sondern wecken eher Zweifel, ob ein so junger Politiker in einer Krisenzeit tatsächlich ein Industrieland führen kann. Der Wahlkampf findet nicht unter den Bedingungen statt, die sich die CDU-Strategen wünschten, als sie dafür die Weichen stellten: Der Ampelfrust und die Hassgefühle gegenüber den Grünen sind abgeklungen. Selbst in Baden-Württemberg, dem Land der „Merz-Ultras“, konnte Friedrich Merz nicht alle enttäuschten Wähler wieder mit der CDU versöhnen. Deshalb wirbt sie – ohne Glauben an eine Regierung mit FDP und SPD – schon jetzt um beide Stimmen.
