FAZ 22.12.2025
09:35 Uhr

Lama und Alpaka: Die wolligen Kamele der frühen Andenvölker


Lamas und Alpakas sind die einzigen Herdentiere, die in der Neuen Welt domestiziert wurden. Nun haben paläogenetische Untersuchungen etwas Überraschendes gezeigt.

Lama und Alpaka: Die wolligen Kamele der frühen Andenvölker

Ackerbau und Viehzucht waren keine singulären Erfindungen. Auf die Idee, in die Fortpflanzung von Pflanzen und Tieren einzugreifen, um sie effizienter in den Dienst nehmen zu können, kamen Menschen in mehreren Weltgegenden unabhängig voneinander. In manchen allerdings auch nicht – und in anderen war man dem Acker zugewandter als Stall oder Weide. In der Neuen Welt etwa wurden nur zwei Arten von Herdentieren domestiziert: das Lama (Lama glama) und das Alpaka (Vicugna pacos) aus der Familie der Camelidae. Alle anderen wurden erst von den Europäern auf den Doppelkontinent gebracht, einschließlich der Pferde, die wir heute so sehr mit Nordamerika verbinden. Doch im präkolumbischen Nord- und Mittelamerika gab es überhaupt keine Lastentiere – Transporte auf dem Landweg mussten die Menschen selbst in die Hand nehmen. Nur im Andenraum standen dafür spätestens an der Wende zum ersten Jahrtausend vor Christus domestizierte Angehörige der Camelidae zur Verfügung. Wie es zu dieser Domestikation kam und welche Arten die Vorfahren der Moche, Nazca oder Inka nutzten, ist allerdings nicht ganz einfach zu erforschen. Nach der Eroberung der Region durch die Spanier haben die neuen Herren die Populationen wahllos gekreuzt, was Rückschlüsse aus den Genomen heutiger Lamas und Alpakas ausgesprochen schwierig macht. Nun hat ein Team um Michael Westbury von der Universität Kopenhagen Genuntersuchungen an insgesamt 49 Kameliden aus etwa 5000 bis 2370 Jahre alten archäologischen Funden der vorkeramischen sowie der keramischen sogenannten formativen Periode publiziert. Die Funde kommen alle aus der Tulán-Schlucht in Chile, 60 Kilometer südlich von San Pedro de Atacama. Wie die Forscher in „Nature Communications“ berichten, stammen die untersuchten Knochen sowohl von der Gattung Lama als auch Vicugna. Bis auf ein einziges männliches Tier gehört aber keines zu einer Population, aus der heutige Lamas und Alpakas hervorgingen. Vielmehr handelt es sich offenbar um Vertreter zweier heute gänzlich ausgestorbener Abstammungslinien der Neuwelt-Kamele, die mit den bis heute wild lebenden Guanacos (Lama guanicoë) und Vicuñas (Vicugna vicugna) verwandt sind. Aber waren diese Tiere damals tatsächlich schon richtig domestiziert? Einerseits finden sich Hinweise auf selektive Zucht. Andererseits stellen Westbury und Kollegen ein ausgeglichenes Verhältnis männlicher und weiblicher Tiere fest. Dergleichen sei eher typisch für Fundzusammenhänge aus Jagdbeute als für domestizierte Herden, schreiben die Forscher. Die Menschen in der Tulán-Schlucht waren in der frühen formativen Periode offenbar erst auf dem Weg von Jägern zu Hirten.