Was bleibt hängen von diesem deutschen Fußball-Wochenende? Von einem der fast 2000 Bundesliga-Samstage, die es bislang gab. Wer seine jeweilige Vereinsbrille mal absetzt, den Blick hebt auf das große Ganze, der merkt: nicht viel. Zumindest wenig, was direkt mit dem Fußballgeschehen auf den Rasen der Republik zu tun hat. Ein 16 Jahre alter Debütant, der in Gladbach womöglich den Grundstein für eine große Karriere gelegt hat. Endlich mal wieder ein Sieg für St. Pauli. Ein herrliches Hackentor von Leverkusens Martin Terrier gegen Köln. Doch schon bei diesem Spiel redet hinterher fast niemand vom Ergebnis. Stattdessen reden fast alle von dem, was Drumherum los war. Die Kölner Fanhilfe sagt: Nacktkontrollen beim Einlass durch Vertreter staatlicher Behörden. Die Polizei sagt: bei einer Identitätskontrolle auf der Stadionwache hat ein Mann selbstständig seine Hose ausgezogen und in der Unterhose versteckte Gegenstände herausgeholt. Unstrittig ist nur das Ergebnis: Die aktive Kölner Fanszene boykottierte das Spiel, die Leverkusener Ultras solidarisierten sich mit ihnen – und Fußball-Deutschland hat unmittelbar nach den versöhnlichen Botschaften, die nach der Innenministerkonferenz vor wenigen Tagen versendet wurden, schon wieder eine Debatte über Maß und Mittel bei Sicherheitsmaßnahmen rund ums Stadion. Die Bundesliga ist eine Fan-Liga. Das ist ihr USP, wie das im Marketing heißt, ihr Unique Selling Point, ihr Alleinstellungsmerkmal. Wirtschaftlich abgehängt von der Premier League und von schwerreichen Investoren-Klubs, hat sie die Kulisse zu ihrem primären Verkaufsargument gemacht. Die spektakulären Choreografien, die stimmungsvollen Gesänge, die vollen Ränge landauf, landab. Mit wenigen Ausnahmen hat sie seit Jahren den höchsten Zuschauerschnitt aller Fußballligen weltweit, bei der Auslastung sieht es ähnlich aus. Und wo doch mal Lücken auf den Tribünen klaffen könnten, wie am Wochenende in Sinsheim bei der TSG Hoffenheim, kommen dann 15.000 Hamburger und machen das Stadion voll. Die Ultras haben recht, die Polizei hat recht Dass der Fokus oft nicht mehr auf der Bühne mit ihren Darstellern liegt, prägt das Bild, das die Bundesliga als Ganzes abgibt. Es ist dominiert von Kontroversen und Konflikten, ohne dass die Streitparteien abseits von Lippenbekenntnissen echte Kompromissbereitschaft erkennen ließen. Die Ultras hatten recht, wenn sie zuletzt reklamierten, dass Stadionbesuche vergleichsweise sichere Freizeitaktivitäten sind und allzu scharfe Maßnahmen deshalb unangemessen. Die Polizei hat recht, wenn sie darauf verweist, dass sich Gewalteskalationen längst auf Bahnhöfe, Autobahnrastplätze oder in Innenstädte verlagert haben und bei Stadionverboten gültiges Recht konsequenter durchzusetzen ist. Das Thema Pyrotechnik wiederum ist zu vielschichtig, als dass es einfach zu lösen wäre. Ändern könnte die Liga ihre Lage deshalb beispielsweise, indem der sportliche Wettbewerb wieder ausgeglichener, der Meisterkampf spannend, das in diesem Jahr unterm Strich mäßige Niveau wieder angehoben würde. Dafür wären teilweise radikale Maßnahmen nötig, auf einer Skala, die von Gehaltsobergrenzen bis zum Kippen der 50+1-Regelung reicht. Denn es ist zwar gut, dass der Fußball in Deutschland maßgeblich von seinen Fans lebt. Es wäre aber besser, wenn das zwar ein Alleinstellungsmerkmal, nicht aber das alleinige Merkmal der Bundesliga wäre.
