Wie fühlt es sich an, FDP zu wählen? Die Frage ist politisch bedeutsam. Das zeigte eine Begebenheit in Stuttgart diese Woche. Da kamen die Liberalen zusammen, es war ihr traditionelles Dreikönigstreffen. Zur Tradition gehört auch, dass vor dem Ort des Treffens Leute protestieren. Mal sind es Bauern, die auf Traktoren anrollen, mal Linke, die rote Fahnen schwenken. Diesmal protestierten die eigenen Leute, ein paar durchgefrorene Aktivisten aus der Parteijugend. Sie hatten ein Banner aufgestellt, darauf stand ihre Forderung: „Moral statt Mitte“. Was sollte das heißen? Danach gefragt, erklärten die jungen Liberalen es. Sie wollen die FDP wieder fühlen. So, wie die Wähler von Grünen und AfD ihre Parteien fühlen. Die FDP-Aktivisten beneiden sie um die Überzeugung, bei den Guten zu sein, auf der richtigen Seite zu stehen. Einer sagte, er vermisse das Gefühl, für etwas Wesentliches zu kämpfen. Aber die FDP hatte sich doch jüngst auf die Fahne geschrieben, die „radikale Mitte“ zu sein. Überzeugte das die jungen Liberalen nicht: Deutschland von der Wurzel her zu reformieren, aber weder abzuschaffen noch über alles zu stellen? Nein, das überzeugte sie nicht. Lindner war ein Ausnahmepolitiker Radikal: Ja, aber Mitte: Nein. Zu ungenau, zu diffus. Ganz so, als würde man ein Restaurant „Viel Essen“ nennen. Das machte auch keinen Appetit. Nun waren die jungen Leute keine Textprofis. Ihr eigenes Banner klang eher nach Kirchentag als Kampfeslust. Aber was sie als Gefühl beschrieben, beschreiben auch andere in der Partei. Sie wollen sich für die FDP begeistern – aber schaffen es nicht. Und wie sollen sie Wählern verkaufen, was ihnen selbst fehlt? Dabei schätzen sie die FDP. Eine liberale Partei brauche es heute mehr denn je, findet jeder Liberale. Auch viele andere sehen das so. Allerdings besteht Uneinigkeit darüber, welche liberale Partei, also welche FDP gebraucht werde. Es ist die Aufgabe des Vorsitzenden, das so zu beantworten, dass es genügend andere überzeugt. Christian Dürr ist es noch nicht gelungen. Es ist allerdings auch schwerer als je zuvor. Beschwörungen reichen nicht. Das Motto des Dreikönigstreffens war „Zurück auf Vorwärts“. Es sollte Optimismus ausdrücken. Aber wer glauben soll, dass es besser wird, muss auch ahnen können, wie. Was hat sich geändert, seit die FDP vor knapp einem Jahr aus dem Bundestag geflogen ist, was lässt hoffen, dass sie demnächst aus dem Umfragetief aufsteigt? Als Christian Lindner die Partei vor zwölf Jahren zurück ins Parlament führen wollte, bürgte er mit seiner Person dafür, dass sie gebraucht würde. Er war ein Ausnahmepolitiker, intelligenter und charismatischer als die meisten. Er weckte Gefühle. Manche verehrten ihn, andere verachteten ihn, aber alle schauten hin. Dürr wird nicht gefürchtet Das ist bei Dürr anders. Er gibt sich als Primus inter Pares. Symbolisch begann er seine Rede in Stuttgart nicht auf der Bühne, sondern von seinem Platz in Reihe acht. Sie geriet ordentlich. Mitreißend redeten andere: Marie-Agnes Strack-Zimmermann und Wolfgang Kubicki performten als selbstironisch-grantiges Duo à la Statler und Waldorf aus der Muppet-Show. Die Zuhörer jubelten. Es war mehr als der pflichtschuldige Jubel, den andere bekamen. Viele holten ihre Handys raus, filmten, posteten. Sie wollten teilen, was sie sahen, weil es sie bewegte. Der kleine Auftritt zeigte Souveränität, statt sie zu behaupten. Dass Dürr solchen Auftritten Raum gibt, macht Parteifreunden das Leben leichter. Manche sagen, sie hätten früher Angst gehabt, mutiger zu sein, weil sie Lindners Reaktion fürchteten: in Sitzungen oder wenn sie in Interviews etwas sagten, was er als Kritik verstehen konnte. Vor Dürr haben sie weniger Angst, dabei durchaus Respekt. Er sei fleißig, kollegial, kämpferisch. Es müsse nicht jeder Politiker ein Charismatiker sein, um seine Partei weit zu bringen. Doch was kann eine Partei sonst noch weit bringen? Gute Konzepte sind es nicht. Denn Wähler entscheiden nicht rein rational, sie wollen zufrieden sein statt bloß vernünftig, an etwas glauben statt bloß damit rechnen. Die FDP hat den Fehler begangen, sich als Partei der Macher zu präsentieren, dann aber nicht durchzuziehen. Sie stieg aus, als es schwierig wurde: aus den Jamaika-Verhandlungen, aus der Ampelregierung. Der Versuch, das als Dienst am Land zu verkaufen – dessen Geschicke seien der FDP wichtiger als Ministerposten –, überzeugte nicht. Wer machen will, macht das Beste draus und nicht Schluss. Denn dann machen andere. Viele Sympathisanten der FDP hat das ins Gefühlschaos gestürzt: Enttäuschung, Ärger, Hoffnung darauf, dass die Partei dazulernt, Sehnsucht nach einer entschlossenen liberalen Kraft. Die ist noch in der Selbstfindung.
