Die permanenten russischen Luftangriffe auf ukrainische Städte haben in jüngster Zeit die Lage an der russisch-ukrainischen Front in den Hintergrund rücken lassen. Die russische Regierung behauptet auch in den Gesprächen mit den USA immer wieder, dass sie ihre Ziele in der Ukraine auch auf militärischem Wege erreichen könne, wenn man ihr am Verhandlungstisch nicht gebe, was sie verlangt und stets mit dem Euphemismus „Beseitigung der Grundursachen des Konflikts“ umschreibt: die vollständige politische Kontrolle über die Ukraine. Doch ein Blick auf die Lage an der Front weckt Zweifel, dass Russland dies auf absehbare Zeit mit dem Einsatz von Gewalt erreichen kann. Die Sommeroffensive mit massivem Truppeneinsatz im vergangenen Jahr versackte schnell. Außer kleineren Geländegewinnen gelang kein nennenswerter Vormarsch. „Russland kann die Ukraine mit Raketen und Drohnen terrorisieren, aber auf dem Schlachtfeld hat Russlands Armee keinen Vorteil, denn dort stagniert sie“, sagt Militäranalyst Olexandr Kowalenko der F.A.Z. Er ist Teil der Information Resistance Group, einer zivilen ukrainischen Initiative mit dem Ziel, russische Desinformation zu kontern. Im Jahr 2025 habe Moskau kein einziges vollwertiges operatives Ziel erreicht, so Kowalenko. Zwar verzeichne die russische Armee in der Fläche vereinzelt taktische Erfolge wie die Eroberung von Städten, Dörfern, Straßen oder Logistikknoten. Aber sie habe weder das Gebiet Donezk vollständig eingenommen noch eine Gebietshauptstadt wie Saporischschja. Russland brüstet sich mit der Einnahme Kupjansks Mit Beginn des Winters habe sich Russlands Vorrücken weiter verlangsamt. Im Januar dieses Jahres habe die russische Armee rund 235 Quadratkilometer erobert. „Das ist etwa die Hälfte dessen, was Russland durchschnittlich jeden Monat im vergangenen Jahr erreicht hat.“ Zugleich hätten sich die russischen Verluste nicht verringert, sondern auf rund 32.000 Soldaten je Monat erhöht. Zu einer ähnlichen Einschätzung kommt das amerikanische Institute for the Study of War (ISW), eine Nichtregierungsorganisation, deren Mitarbeiter täglich Quellen zum militärischen Geschehen auswerten. „Das russische Militärkommando verbreitet weiterhin nachweisbare Lügen und Übertreibungen über russische Erfolge auf dem Schlachtfeld, um die Ukraine und den Westen dazu zu bewegen, den Forderungen nachzugeben, die Russland militärisch nicht erreichen kann“, schreiben die Analysten. Behauptungen des russischen Generalstabschefs Walerij Gerassimow von Ende Januar, wonach russische Truppen auf dem Schlachtfeld praktisch in alle Richtungen vorrückten und dabei in diesem Jahr bereits 17 Siedlungen sowie mehr als 500 Quadratkilometer Land erobert hätten, widerlegten die Analysten. Auch sie ermittelten lediglich halb so viele Gebietsgewinne des Aggressors. Das russische Militärkommando prahle mit der Besetzung kleiner Dörfer und präsentiere dies als angeblichen Beweis für die Stärke seines Militärs, so das ISW. Ziel sei es, „die falsche Behauptung zu untermauern, dass ein russischer Sieg in der Ukraine unausweichlich sei“. An der gut tausend Kilometer langen Front konzentrierten sich die Kämpfe zuletzt an vier Punkten: In den Gegenden um die Städte Kupjansk, Pokrowsk und Kostjantyniwka im Osten sowie bei Saporischschja im Süden. Vor allem die Eroberung der Stadt Kupjansk im Osten des Gebiets Charkiw, die Gerassimow bereits im November 2025 an Putin gemeldet hatte, rufe dem ISW zufolge selbst unter russischen Militärbloggern, die den Krieg befürworteten, wiederholt Kritik hervor. Dort sei von einer „Parallelwelt“ der Generalität sowie gefälschten Berichten und Einschätzungen die Rede. Dmytro Kornienko, Gründer der zivilen ukrainischen Informations- und Analyseplattform Resurgam, sagte der F.A.Z., dass Russland mit solchen „Erfolgsmeldungen“ versuche, nicht nur das eigene Volk, sondern auch den amerikanischen Präsidenten Donald Trump über den Zustand der Front in der Ukraine zu manipulieren. Pokrowsk wurde weitestgehend erobert Die Frage, ob Kupjansk erobert wurde, lasse sich ganz einfach beantworten, sagt Militäranalyst Kowalenko. „Wer veröffentlicht regelmäßig Videomaterial aus der Stadt?“ Es seien ukrainische Kräfte. Eines dieser Videos verbreitete sich rasant: Aufgenommen hatte es der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj bei einem Besuch am Ort mit seinem Handy. Kowalenko zufolge gab es russische Infiltrationen, wovon sich derzeit noch eine Gruppe im Bereich des zentralen Krankenhauses der Stadt aufhalte, dort aber eingekesselt sei. „Es wird erwartet, dass sie sich ergeben, sobald ihre Vorräte aufgebraucht sind.“ Zugleich sähen sich die Russen zu immer neuen Angriffen gezwungen, um letztendlich zu beweisen, dass sie doch nicht gelogen hätten. Anders ist die Lage in der lange umkämpften Stadt Pokrowsk im Gebiet Donezk, die sich heute übereinstimmenden Berichten zufolge größtenteils unter russischer Kontrolle befindet. Die Ukraine werde sehr wahrscheinlich gezwungen sein, sich hier vollständig zurückzuziehen, um eigene Verluste zu minimieren, sagt Dmytro Kornienko. Doch er gibt zu bedenken, dass Russland bereits vor anderthalb Jahren praktisch den Fall der Stadt verkündet habe. „Stattdessen wurde die Stadt mehr als 16 Monate gehalten, und das hat den Gegner erschöpft.“ Wichtig sei nun, dass die ukrainische Militärführung hier „objektiv entscheidet und die Verteidigung von Pokrowsk aus politischen Gründen nicht in eine Erschöpfung der ukrainischen Kräfte übergeht“. Kornienko zufolge sei die Einnahme der Orte Siwersk und Lyman im Gebiet Donezk ein russischer Erfolg auf dem Weg in Richtung der Großstädte Kramatorsk und Slowjansk. Ähnlich sei es im Süden der Front mit der Besetzung des rund hundert Kilometer südlich von Saporischschja gelegenen Ortes Huljajpole. „Keiner dieser Punkte ist jedoch bislang kritisch für die allgemeine Stabilität der ukrainischen Verteidigung, sondern stellt lediglich ein Element des Abnutzungskrieges dar“, erläutert Kornienko. Er verweist auf das äußerst geringe Tempo des Vormarsches sowie auf die zuletzt erheblich gestiegenen russischen Verluste. Die technischen Reserven Moskaus seien erschöpft, stattdessen werfe die Armeeführung kleine Infanteriegruppen nach vorn, die meist von ukrainischen Drohnen ausgeschaltet würden. So liege das Verhältnis zwischen toten und verwundeten Soldaten auf russischer Seite jetzt bei 1:1, während es früher 1:3 betragen habe. Die Pattsituation trägt Züge eines Abnutzungskrieges Für die Logistik würden Pferde und für Angriffsoperationen Zivilfahrzeuge aus Sowjetzeiten eingesetzt. Auch auf Motorrädern, Fahrrädern und selbst Elektrorollern werde nach vorn gestürmt. Er verstehe deshalb nicht, „wie im Westen der Eindruck entstehen konnte, dass Russland langfristig im Vorteil sei“, so Kowalenko. Die Ukraine jedoch sei nicht in der Lage, daraus Nutzen zu ziehen, eine Gegenoffensive komme auch aus Mangel an Ressourcen nicht infrage. Hauptaufgabe der ukrainischen Streitkräfte sei es vielmehr, „den Feind so weit wie möglich zu bremsen, ihn einzudämmen, ihm möglichst große Verluste zuzufügen und seine Kräfte zu erschöpfen, kurz: ihn zu zermürben“. Angesichts der Lage erwarte er „in naher Zukunft von keiner Seite größere Veränderungen oder gar Durchbrüche an der Front“. Dmytro Kornienko spricht von einer „Pattsituation“, da der Kreml nicht in der Lage sei, der Ukraine eine strategische Niederlage zuzufügen, während die Ukraine nicht in der Lage sei, ihre Territorien zurückzuerobern. Die Realität trage Züge eines Abnutzungskrieges, der bereits Ende 2023 begonnen habe. Für beide Seiten gehe es darum, länger durchzuhalten als der Gegner. Für die Ukraine sei dabei entscheidend, ob sie genug Leute mobilisieren könne, für Russland dagegen, wie lange das wirtschaftliche Potential ausreiche. Darüber hinaus, so schätzen es zahlreiche Analysten ein, könnte auch die sich rasant entwickelnde Drohnentechnologie und vor allem deren Skalierung, also Massenproduktion und -einsatz, einen Unterschied machen. Das ISW warnt angesichts dieser Lage ausdrücklich davor, die Ukraine zu territorialen Zugeständnissen von Gebieten zu drängen, „die Russland wahrscheinlich nicht schnell erobern wird“. Das bezieht sich auf Berichte, wonach die USA Kiew vorgeschlagen haben sollen, im Gegenzug für Sicherheitsgarantien den bislang nicht besetzten Teil des Donbass an Russland abzutreten. Die militärische Lage deute jedoch „nicht darauf hin, dass Russland in naher Zukunft die viel größeren und stark befestigten Städte im Festungsgürtel der Ukraine im Gebiet Donezk einnehmen“ könne, analysiert das ISW. Das gelte umso mehr, als Russlands Forderungen über eine Kontrolle der Ostukraine hinausgingen, es gegenüber dem Westen aber behaupte, das Hauptthema der sogenannten Friedensgespräche in puncto Territorium sei der Donbass. Auch deshalb weist Wolodymyr Selenskyj einen Verzicht auf die unter ukrainischer Kontrolle stehenden Teile des Donbass strikt zurück. Russland habe ab 2014 ein Drittel des Donbass besetzt und in den vergangenen vier Jahren unter großen Verlusten ein weiteres Drittel erobert, sagte der ukrainische Präsident Anfang Februar in einem Fernsehinterview. Für den Rest würden sie „weitere 800.000 Menschenleben opfern müssen“ und „mindestens zwei Jahre brauchen“.
