In Rom sagt man gern, wer als Papst ins Konklave geht, der kommt als Kardinal wieder heraus. Zu früh für einen Posten ins Gespräch gebracht zu werden, kann einer Bewerbung schaden. Kein Wunder, dass die möglichen Nachfolger von Christine Lagarde, der Präsidentin der Europäischen Zentralbank (EZB), sich mit öffentlichen Äußerungen über ihr Interesse bedeckt halten. Und doch bringen mögliche Kandidaten sich in Stellung. Sie versuchen, Verbündete zu gewinnen und das eigene Profil hinsichtlich der Eignung für den Führungsposten zu schärfen. Lagardes Amtszeit endet 2027. Entsprechend ist es noch nicht einmal sicher, welche Regierungen in den Ländern Europas, die über die Nachfolge befinden müssen, dann noch im Amt sein werden. Aber schon jetzt stehen Entscheidungen über andere Spitzenpersonalien an, die Auswirkungen auf die Lagarde-Nachfolge haben könnten. Insbesondere wird ein Nachfolger für EZB-Vizepräsident Luis de Guindos gesucht, der in sechs Monaten aus dem EZB-Direktorium ausscheidet. Nicht nur Erfahrung und Eignung entscheiden Zu den Gepflogenheiten in der Europäischen Währungsunion gehört dabei, dass man nicht nur auf die Erfahrung und Eignung des jeweiligen Kandidaten für solche Posten achtet, sondern auch auf geographische Ausgewogenheit. Länder des Nordens und des Südens wollen gleichmäßig berücksichtigt werden. Auch die Verteilung von Posten auf kleine und große Eurostaaten wird genau verfolgt. Das könnte zu der fast paradoxen Situation führen, dass viele Länder kein Interesse verspüren werden, den EZB-Vizepräsidenten zu stellen, weil das die Chancen auf das Präsidentenamt verschlechtern könnte. Einen gleichsam natürlichen Nachfolger für Lagarde gibt es nicht. Spekuliert wurde immer mal wieder, dass es Klaas Knot werden könne. Der niederländische Ökonom, Jahrgang 1967, gilt als kenntnisreich und vernünftig. Er wurde im EZB-Rat anfangs den „Falken“ zugerechnet, also den Befürwortern einer straffen Geldpolitik. Später hat er sich weiter in der Mitte positioniert, im Vergleich beispielsweise zum ehemaligen österreichischen Ratsmitglied Robert Holzmann. Lagarde selbst deutete einmal an, dass sie das Amt Knot zutraue, aber anderen auch. „Ich kenne ihn seit mindestens sechs Jahren. Er verfügt über Intellekt, Ausdauer und die Fähigkeit, andere zu begeistern“, sagte Lagarde vor einiger Zeit in einem Podcast. Ein Argument, das gegen Knot verwendet werden könnte, ist seine Nationalität: Einen Niederländer gab es an der EZB-Spitze mit Wim Duisenberg schon mal. Andere Länder könnten fordern, das habe gefälligst reihum zu gehen. Bisweilen wird argumentiert, dass die Zeit gegen Knot spiele. Der Wirtschaftsprofessor ist Anfang Juli als Präsident der niederländischen Notenbank und damit auch als Mitglied des EZB-Rates ausgeschieden. Ein Notenbanker sagte deshalb: Wenn Lagarde in diesem Jahr vorzeitig aufgehört hätte und zum Weltwirtschaftsforum in Davos gewechselt wäre, wie spekuliert worden war, dann wäre Knot vermutlich ihr Nachfolger geworden. Aber je länger er aus dem „politischen Zirkus“ draußen sei, desto schwieriger werde es für ihn, sich durchzusetzen. Mit jedem Monat Abwesenheit aus dem EZB-Rat verschlechterten sich seine Chancen. Zwingend ist diese Argumentation nicht: Die EZB entscheidet ja nicht selbst über die Nachfolge ihrer Präsidentin. Womöglich ist die Präsenz im EZB-Rat nicht entscheidend. Nagel scheint auf Werbetour zu sein Eine offene Frage ist, ob Deutschland in Zukunft den EZB-Präsidenten stellt. Nicht nur in der Deutschen Bundesbank ist die Ansicht verbreitet, dass Deutschland so langsam „mal dran“ sei. Wer die öffentlichen Auftritte von Bundesbank-Präsident Joachim Nagel verfolgt, kann dem Eindruck nicht entkommen, dass er auf Werbetour sei. Mit Finanzminister Lars Klingbeil (SPD) veranstaltet Nagel gemeinsame Pressekonferenzen in Berlin. In Ländern wie Italien und Spanien tritt er zusammen mit den dortigen Notenbankchefs auf und gibt gemeinsame Interviews. In Südeuropa dürfte man mit Nagel vermutlich weniger Angst haben, dass ein Deutscher als EZB-Präsident ein Hardliner wäre, als das noch zu Zeiten seiner Vorgänger Jens Weidmann und Axel Weber der Fall war. Irritiert hatte Nagel konservative Bundesbanker mit seinem Plädoyer für Eurobonds. Das war früher ein rotes Tuch für die Institution. Gleichwohl betrachten viele Nagel als einen von ihnen. Ein gewichtiges Argument gegen Nagel könnte der europäische Proporz sein: Solange Deutschland mit Ursula von der Leyen die Präsidentin der EU-Kommission stellt, kann Berlin nicht so leicht einen weiteren europäischen Spitzenposten beanspruchen. Wer Nagel als EZB-Präsident durchsetzen will, muss vermutlich den Blick der Politik auf die Zeit nach deren Amtszeit lenken, die voraussichtlich 2029 endet. Außerdem wäre denkbar, die Entscheidung mit weiteren internationalen Spitzenposten zu einem Paket zu verbinden. Nagel selbst sagte der Zeitschrift „Der Spiegel“ auf die Frage nach seinen Ambitionen: „Grundsätzlich dürfte jeder Notenbanker im EZB-Rat die Kompetenz zur Nachfolge für das Spitzenamt im Eurosystem haben. Und auch externe Kandidaturen mit anderen Profilen haben Chancen.“ Neben Knot und Nagel wurde der ehemalige spanische Notenbankchef Pablo Hernández de Cos schon als möglicher Kandidat für die Lagarde-Nachfolge gehandelt. Falls er Ambitionen hat, könnte das erklären, warum das Land sich derzeit keine Mühe zu geben scheint, den bislang von ihm belegten Posten des EZB-Vizepräsidenten künftig zu behalten. Für diese Funktion werden dem finnischen Notenbankchef Olli Rehn Chancen nachgesagt, der damit aus dem Rennen um die Lagarde-Nachfolge ausschiede. Spekulationen gibt es auch, dass die Unterstützung der Bundesregierung für eine Kandidatur Nagels keine ausgemachte Sache sei. Zwei andere Namen werden dabei immer genannt: EZB-Direktoriumsmitglied Isabel Schnabel und Jörg Kukies (SPD), der frühere Bundesfinanzminister. Schnabel hat in ihrer Amtszeit als EZB-Direktorin so manche viel beachtete Rede zu ökonomischen Themen gehalten. Zudem könnte es politische Entscheidungsträger geben, die gern eine Frau auf dem Posten sähen. Gegen Schnabel spricht formal, dass sie schon dem EZB-Direktorium angehört und von dort zumindest nicht unmittelbar auf den Präsidentenposten wechseln könnte. Kukies, der wie der frühere EZB-Präsident Mario Draghi von der Investmentbank Goldman Sachs kam, wird von der Politik sicher einiges zugetraut. Aber der Notenbankwelt stand er bislang eher fern.
