FAZ 04.02.2026
13:32 Uhr

Ladiner bei Olympia 2026: Eine Minderheit zeigt Flagge bei den Winterspielen


Italiens Skifahrerin Nicol Delago steht im Mittelpunkt eines alten Konflikts. Weil sich die Gemeinschaft der Ladiner bei den Winterspielen nicht angemessen präsentiert fühlt, wird sie selbst tätig.

Ladiner bei Olympia 2026: Eine Minderheit zeigt Flagge bei den Winterspielen

Rechtzeitig vor dem Beginn der Olympischen Winterspiele gelang Nicol Delago ihr bislang größter Erfolg im alpinen Skiweltcup. Am 17. Januar feierte die 30 Jahre alte Speed-Spezialistin in ihrem 133. Weltcup-Rennen bei der Abfahrt von Tarvisio ihren ersten Sieg. Das macht sie nicht gleich zur Mitfavoritin für die alpinen Wettbewerbe der Frauen in Cortina d’Ampezzo, die schon an diesem Donnerstag mit dem olympischen Abfahrtstraining auf der Tofana beginnen. Aber vielleicht gelingt ihr ein ähnliches Kunststück wie ihrer jüngeren Schwester Nadia, die in Peking 2022 überraschend Bronze in der Abfahrt gewonnen hatte. Ladinisch in ganz Italien seit 1972 dritte Landessprache Nicol und Nadia Delago stammen aus Brixen in Südtirol. Die Familie gehört zur Sprach- und Volksgemeinschaft der Ladiner. Das Ladinische ist eine uralte Sprache, hervorgegangen aus der vulgärlateinischen Umgangssprache, die einst von den Römern in die Alpen- und Dolomitentäler gebracht worden war, wo sie sich sodann mit dem Rätischen vermischte. Das Ladinische in Oberitalien ist mit dem Rätoromanischen im Schweizer Kanton Graubünden sowie mit dem Friaulischen im äußersten Nordosten Italiens verwandt. In dem als Ladinien bezeichneten Siedlungsgebiet in Südtirol, im Trentino und in Venetien gibt es heute noch rund 40.000 ladinische Muttersprachler. Die UNESCO stuft das Ladinische als gefährdete Sprache ein. Erst im Rahmen der Autonomiebestrebungen Südtirols und des Trentinos in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde dem Ladinischen der Status einer schützenswerten und förderungswürdigen Sprache zuerkannt. Seit dem erweiterten Autonomiestatut für Südtirol und das Trentino von 1972 ist Ladinisch in ganz Italien als dritte Landessprache neben Italienisch und Deutsch anerkannt. Die öffentlich-rechtliche Senderfamilie RAI betreibt in der Region Südtirol-Trentino neben einem deutschsprachigen auch ein ladinisches Programm. So kam es, dass der Sender RAI Ladinia die glückliche Abfahrtssiegerin Nicol Delago befragte – auf Ladinisch, versteht sich. Worauf es in den sozialen Medien zu dem üblichen „Shitstorm“ entrüstet-ignoranter Italiener kam, wenn sich Sportler aus Südtirol in ihrer Muttersprache statt in der „Hauptlandessprache“ Italienisch äußern. Wenn du für Italien antrittst, dann sprich Italienisch „Ma se gareggi per l’Italia parla italiano“ (Wenn du für Italien antrittst, dann sprich Italienisch), hieß es etwa. Oder: „Italia paga tutto, e non sanno parlare italiano?“ (Italien zahlt für alles, und die können nicht Italienisch?). Oder schließlich: „Devi parlare italiano, se no togliti la bandiera dal petto“ (Du musst Italienisch sprechen, sonst nimm dir die Flagge von der Brust). Solcherlei „sprachnationalistische“ Ausbrüche sind ein Symptom dafür, dass die Autonomie- und Selbstbehauptungsbestrebungen der größeren deutschsprachigen und der kleinen ladinischen Minderheit in Norditalien noch lange nicht überall in Italien akzeptiert oder gar begrüßt werden. Das weiß auch Elsa Zardini, Vorsitzende des Verbandes der Ladiner in Cortina d’Ampezzo, aus eigener Erfahrung. In Anpezo – so der ladinische Name der Stadt – machen Ladiner fast die Hälfte der knapp 5000 ständigen Einwohner aus. Ihren Sitz hat die „Union de i Ladis de Anpezo“ am Corso Italia, der Flanier- und Shoppingmeile von Cortina, wo die Boutiquen um die potentesten Käufer konkurrieren. Die Vertreter der Ladiner von Cortina hatten gehofft und erwartet, dass das Organisationskomitee der Olympischen Winterspiele in Mailand an sie herantreten würde, um im Rahmen der Spiele auch die Sprache und Tradition der Ladiner angemessen zu präsentieren. Doch selbst nachdem die Bürgermeister aller 17 ladinischen Gemeinden mit einem gemeinsamen Schreiben um ein Planungstreffen gebeten hatten, kam keine Antwort. „Wir werden außen vor gelassen, als ob es uns nicht geben würde“, klagt Zardini. Gerade deshalb zeigen die Ladiner von Cortina während der Olympischen Winterspiele im Februar und der Paralympics im März buchstäblich Flagge. Beim Verbandssitz haben sie Hunderte zusätzlicher Exemplare der ladinischen „Nationalfahne“ verteilt, einer quer gestreiften Trikolore in den Farben Blau (wie der Himmel), Weiß (wie der Schnee) und Grün (wie die Weiden). Die ladinischen Einheimischen und ihnen wohlgesinnte Besucher mögen sie von Balkonen und Fenstersimsen hängen – als Zeichen des Stolzes, ebenfalls Ausrichter der XXV. Olympischen Winterspiele und der XIV. Winter-Paralympics zu sein.