FAZ 26.01.2026
15:20 Uhr

Labour-Konkurrent Burnham: Starmers Problem mit dem „König des Nordens“


Die Labour-Führung begründete das Veto gegen eine Unterhauskandidatur von Manchesters Bürgermeister mit Sachzwängen. Erfolgreiche Regionalpolitiker haben es in Großbritannien weiter schwer.

Labour-Konkurrent Burnham: Starmers Problem mit dem „König des Nordens“

Ist das Nein, das Keir Starmer seinem Konkurrenten Andy Burnham entgegenhielt, ein Machtwort oder ein Wort der Ohnmacht gewesen? Darüber herrscht jetzt ein Streit in der britischen Labour-Partei, der bestehende Grabenkämpfe weiter vertieft. Allein die Aussicht auf einen innerparteilichen Machtkampf hat die Autorität von Labour-Chef und Premierminister Starmer erschüttert. Starmers Führungskraft und Durchsetzungsfähigkeit werden von Teilen seiner Partei schon seit Monaten bezweifelt. Seit vergangenem August hält sich Andy Burnham im Gespräch, der Bürgermeister des Großraums Manchester. Burnham hatte einst in den Kabinetten Tony Blairs diverse Ministerämter inne, unter anderem für Kultur und Gesundheit, und versuchte 2015 schon einmal vergeblich, Anführer der damals in der Opposition steckenden Labour-Partei zu werden. Damals verlor er deutlich gegen den Parteilinken Jeremy Corbyn und ergriff die Chance, die neu geschaffene Metropolregion Manchester zu führen. Sammelte Anerkennung auf dem linken Flügel Das arg geschundene einstige Zentrum der industriellen Revolution hatte sich zwar schon Jahrzehnte zuvor zu einer Erneuerung aufgerafft, aber Burnham gab dem Erfolg ein Gesicht. Er investierte in Verkehrsvorhaben und Wirtschaftsförderung, verdiente sich auf diese Weise den Titel „König des Nordens“. Er sammelte neue Anerkennung auf dem linken Flügel der Partei und wurde so zu einem Gegenpol der Labour-Funktionäre im Londoner Machtzentrum, jenem Milieu, dem er selbst einst angehört hatte. Burnhams Profilierungserfolg ist ein Novum in der politischen Machtkartierung Großbritanniens, in der bislang alle Ambitionierten den Wünschen aus London folgen mussten, weil Ehrgeiz in der Provinz keine Früchte trug. Dies weder in den Regionalregierungen in Edinburgh, Belfast und Cardiff noch auf den Positionen der Regionalbürgermeister, die nach dem Willen von Labour jetzt in allen Teilen Englands geschaffen werden sollen. Womöglich war es eine Vorsichtsmaßnahme, dass die Labour-Führung in der Satzung der Partei verankerte, dass jeder, der von einem Provinzposten nach Westminster strebt, also für einen Sitz im Unterhaus kandidiert, dafür die ausdrückliche Genehmigung des Parteivorstands braucht. An diesem Passus scheiterten jetzt Burnhams Ambitionen. Die Gelegenheit für seinen Wechsel ergab sich durch einen vakanten Wahlkreis in Gorton und Denton, einem Unterhaus-Wahlbezirk, der zum Großraum Manchester gehört. Burnham ließ sich bis zur letzten Minute der Frist Zeit, um zu erklären, dass er dort gern kandidieren würde, um ins Unterhaus zurückzukehren. In seiner Begründung war nicht die Rede davon, dass er Starmer die Parteiführung und damit das Amt des Premierministers streitig machen wolle. Stattdessen ging es in seinen rechtfertigenden Worten vor allem um die Modernisierungserfahrungen, die der Bürgermeister von Manchester in seinem Amt sammeln konnte und die er jetzt in den Dienst der gesamten Nation stellen wolle. Anderer Kandidat muss noch gefunden werden Der Labour-Parteivorstand reagierte schon am folgenden Vormittag. Mit acht gegen eine Stimme bei einer Enthaltung versagte der zuständige Vorstandsausschuss Burnham am Sonntag die Kandidatur. Die Einzige, die sich für ihn aussprach, war dem Vernehmen nach Lucy Powell, die stellvertretende Parteivorsitzende, wie Burnham politisch eher bei den Arbeiter-Linken zu Hause und wie er in Manchester beheimatet. Starmer hingegen stimmte, wie die große Mehrheit der Vorstandskollegen, gegen die Rückkehr seines Konkurrenten nach London. In der Begründung, die der Vorstand für das ablehnende Votum verlauten ließ, war freilich bloß die Rede davon, dass Burnhams Bürgermeister-Amtszeit ja noch zwei Jahre dauere. Damit hätte sein Wechsel ins Unterhaus eine vorzeitige Bürgermeisterwahl mit hohen Kosten und ungewissem Ausgang verursacht. Man wolle den Wählern diese Kosten und die Gefahr ersparen, ein Kandidat der rechtspopulistischen Reform UK könne womöglich ins Rathaus von Manchester einziehen. Ein anderer Kandidat für den bislang sicheren Labour-Wahlkreis von Gorton und Denton muss nun noch gefunden werden. Sollte der die Nachwahl verlieren, die Ende Februar zu erwarten ist, wird das als weiterer Hieb gegen Starmers Führungskraft gewertet werden. Und als schlechtes Omen für die Regionalwahlen Anfang Mai, in denen die Demoskopen Niederlagen für Labour in Schottland und Wales vorhersagen.