FAZ 28.12.2025
10:29 Uhr

Kurz vor Silvester: Wieso vergeht das Jahr für mich langsamer als für andere?


Das Jahr verging wie im Flug, hört unser Autor von vielen Bekannten. Warum fühlt es sich für ihn ganz anders an?

Kurz vor Silvester: Wieso vergeht das Jahr für mich langsamer als für andere?

Meine innere Uhr scheint kaputt oder falsch eingestellt zu sein. Immer, wenn ich mich mit Menschen am Jahresende unterhalte, fällt mir das auf. Die meisten sagen, das Jahr sei auch schon wieder wie im Flug vorbeigegangen; gerade eben sei doch noch März gewesen. Und immer dann frage ich mich, was mit mir nicht stimmt. Warum meine Zeit so anders vergeht als die der anderen. Die Forschung sagt: Wenn wir eine Woche in Rom verbringen und die Stadt zum ersten Mal erkunden, erscheint uns der Urlaub als lang. Verbringen wir hingegen eine Woche auf dem Sofa, wirken sieben Tage erstaunlich kurz. Das Gehirn verarbeitet Reize und speichert Erinnerungen ab – dafür braucht es eine Weile. Und darum vergeht die Zeit dann gefühlt langsamer. Sie dehnt sich, je mehr wir erleben. Aber das Gefühl kennt eben auch das Gegenteil: Ein Urlaub ist unglaublich schnell vorbei, die Tage vor der Playstation hingegen ziehen sich bis ins Unendliche. Für Leute, die Cannabis rauchen, verharrt der Zeiger auf der Uhr an derselben Position, und eine Stunde dauert ein Jahr und manchmal fast ein Leben. Mit Alkohol passiert es anders herum: Ist man betrunken, ist es gerade noch neun, und dann auch schon wieder vier Uhr morgens. Tyrannosaurus Rex ist vom iPad durch 65 Millionen Jahre getrennt, während Stegosaurus durch 90 Millionen Jahre vom T. Rex getrennt war. Die objektive Zeit, die messbar ist, unterscheidet sich oft deutlich von der wahrgenommenen. Meine Zeit läuft anders Ich habe ständig das Gefühl, meine Zeit läuft anders. Langsamer. Für mich war nicht gerade erst März, sondern gerade war Dezember. Davor November. Und ganz davor, vor unglaublich langer Zeit, die Bilder sind fast bräunlich geworden, war Sommer. Die Zeit im Schwimmbad wirkt so weit weg, dass es sich ein bisschen anfühlt, als könnte es auch letzten Sommer gewesen sein. Oder vorletzten. Vielleicht auch nie. Ich hab das schon als Teenager gehabt bei dem Film „Ich weiß, was du letzten Sommer getan hast“. Da sind alle raus aus dem Kino, übel aufgewühlt, und ich dachte an nichts anderes als daran, dass ich mich nicht erinnern kann, was ich letzten Sommer getan habe. Manchmal nimmt man einfach nicht alles wahr, was in einem bestimmten Zeitraum passiert, und dann fühlt es sich an, als sei diese Zeit irgendwie verloren oder weggeglitten. Wenn ich mich mit Menschen zum Jahresende unterhalte, denke ich anfangs: Vielleicht bin ich einfach besonders aufmerksam! (So im Sinne der Rom-Reise-Theorie.) Aber ich bin leider weder besonders noch besonders präsent im Hier und Jetzt. Ich glaube, ich bin sogar total unaufmerksam. Ich mache zum Beispiel auch sehr, sehr schlechte Weihnachtsgeschenke. Da gucken sich alle immer so betroffen an. Ich achte nicht auf Details, Reize können nicht verarbeitet und Erinnerungen nicht erstellt werden. Vielleicht ist deshalb mein Jahr so lang und ich weiß überhaupt nicht, was letzten Sommer gewesen ist? Wollen wir mal nicht so genau hinsehen Das Jahr, in dem ich mich getrennt habe und bankrottgegangen bin, war beispielsweise nicht lang. Da ging, würde ich sagen, alles ausnahmsweise mal angenehm schnell vorbei. Ganz so, als habe mein Gehirn da ein Auge zugekniffen und gedacht: Wollen wir mal nicht so genau hinsehen. Vielleicht ist das Gefühl, dass die Zeit langsamer vergeht, eine Art Hyperfokus auf das „Nicht-Erlebte“. Vielleicht bin ich nicht unbedingt unaufmerksam, sondern in einem Zustand, in dem ich weniger verarbeite oder speichere, was wiederum dazu führt, dass sich die Zeit länger anfühlt? Geht das nur mir so? Wäre dann auch wieder der umgedrehte Fall richtig: Vielleicht betrachte ich das Jahr nicht in kleinen Momenten, sondern mehr in großen Abschnitten? Das würde erklären, warum das Jahr, in dem ich mich getrennt habe, schneller verging, weil ich so viel mehr zu verarbeiten hatte? Man kann sehr aufmerksam sein und trotzdem wenig speichern. Und man kann unaufmerksam wirken, aber innerlich viel verarbeiten. Zeitgefühl, Aufmerksamkeit und Erinnerung werden oft in einen Topf geworfen, aber gehören sie auch zueinander? Vielleicht denken manche ihre Zeit in Kapiteln? Im Rückblick wirkt Zeit kurz, wenn viele klare Marker da sind. Im Erleben wirkt Zeit lang, wenn wenig passiert, was sich festhakt. Vielleicht denken manche ihre Zeit mehr in Kapiteln? März → April → Mai → Ereignis? Und andere eher in großen, undefinierteren Blöcken: Die Zeit vor der Trennung – und die Zeit danach? Zum Beispiel habe ich auch mal einen Sommer lang festgestellt, dass Zeit sich zäh anfühlt, wenn ich mich vergleiche. Wenn ich sage: Ich hatte dieses Jahr keinen Urlaub, nur Arbeit. Und der Rest meiner Kolleginnen und Kollegen ist schon wieder in Barcelona, Nizza oder auf den Malediven. Vielleicht ist Zeitgefühl zustandsbasiert, nicht ereignisbasiert? Nicht: Konzert – Reise – Geburtstag – Projekt – Urlaub. Sondern: stabil – fragil – überfordert – ruhig? Vielleicht erinnere ich mich weniger an das, was war, sondern vielmehr daran, wie es sich angefühlt hat? Und vielleicht kollidiert das mit der Art, wie wir gesellschaftlich über Zeit sprechen. Und weil im Jahr der Trennung so viele Emotionen waren, verging das für mich schneller. Es war stärker emotional etikettiert. Es gab klare Vorher-Nachher-Grenzen und wirkt deswegen, rückwirkend betrachtet, eher abgeschlossen. Vielleicht bin ich also nicht unaufmerksam, sondern eher ungeankert? In meiner Kindheit hatte ich eine ADHS-Diagnose Und dann ist da noch etwas: In meiner Kindheit hatte ich eine ADHS-Diagnose, die ich leider nie wirklich weiterverfolgt habe. Damals war das eine Modediagnose, heute verstehen wir besser, dass jedes Gehirn anders liebenswert ist (nicht alle: Es gibt Gehirne von US-Präsidenten, die sind so mittel). Erst durch einen Fall von Autismus in meinem nächsten Familienkreis habe ich den Faden wieder aufgenommen; Autismus und ADHS gehen oft Hand in Hand. Also las ich darüber in der Fachliteratur nach und fand einige Dinge, die mich erstaunten. ADHS und Autismus sind beides neurobiologische Entwicklungsstörungen, bei denen es zu Auffälligkeiten in der Dopaminverarbeitung, Reizfilterung und Gedächtnisbildung kommt. Bei ADHS, so beschreiben es Fachärzte, liegt oft ein Mangel oder eine Funktionsstörung des Dopaminsystems vor, insbesondere in Bereichen, die für die Aufmerksamkeitssteuerung und Impulskontrolle wichtig sind. Dies führt zu einem Verlangen nach Aktivitäten, die kurzfristig viel Dopamin freisetzen. ADHS hat oft eine Reizfilterschwäche. Das heißt, unwichtige Informationen und äußere Reize können nicht effektiv ausgeblendet werden, was zu ständiger Ablenkung und Konzentrationsstörungen führt . Bei Autismus resultiert die Art der Reizverarbeitung häufig in einer sensorischen Überflutung. Während die Symptome der Unruhe ADHS ähneln können, liegt die Ursache oft in der intensiveren Wahrnehmung und der Schwierigkeit, Reize zu verarbeiten und zu priorisieren. Das Gedächtnis bei ADHS wird oft als „dopaminerg“ beschrieben, was bedeutet, dass Informationen, die emotional relevant, neu oder komplex sind, besser gespeichert werden als alltägliche oder langweilige. Hab ich ADHS? Bin ich Autist? Da Dr. Google aber schnell in den Sog der Selbstdiagnosen führt, halte ich an. Ein Kollege sagte neulich: „Weißt du was, Alex. Es ist ganz banal.“ „Was denn?“, fragte ich. „Du hast einfach wenig Alltag.“ „Was?“ „Na ja“, sagte der Kollege, „wir in der Festanstellung sind jeden Tag monoton in einem System. In Routinen gefangen. Und die anderen Routinen – abends Netflix, Couch, ins Gym gehen – machen wir uns selbst. Ist dir nie aufgefallen, wie stark sich dein Leben von uns unterscheidet?“ „Wie siehst du denn mein Leben?“, fragte ich und schaute wie eine Katze, die nicht weiß, ob sie gleich gefüttert oder gejagt wird. „Du erlebst dauernd Sachen, Katastrophen, Krützfeldts Krisen. Du gehst zum Sport, wenn du willst. Du nimmst dir frei, wenn du willst, du arbeitest viel, wenn du musst. Du entscheidest selbst mehr als die meisten. Merkst du das nicht? Wir sind mit der Stechuhr alle festgelegt. Und vielleicht ist die Frage nicht, was zuerst da war. Vielleicht hast du dieses Leben nicht, weil du nicht anders willst. Sondern weil du nicht anders kannst.“ Und da, dachte ich, so ist es auch beim Bleigießen, wenn das Blei auf die Hand tropft. Es schmerzt, es sticht, aber es bleibt auch was übrig davon, aus dem man etwas mitnehmen kann. Mein Jahr war lang, und ich freue mich auf das nächste. Das Leben ist schön, auch wenn ich mich am Schluss nicht an alles erinnern kann. Vielleicht ist das am Ende sogar etwas Gutes.