FAZ 21.12.2025
19:03 Uhr

Kursschwankungen: Netflix-Serien drücken die Kurse


Nächtliche Serienstarts können nicht nur den Schlaf stören, sondern auch die Börse. Zu dem Schluss kommt eine neue Studie.

Kursschwankungen: Netflix-Serien drücken die Kurse

Fans von Serienklassikern wie „Bridgerton“, „The Witcher“ und „Outer Banks“ können sich auf das nächste Jahr freuen: Der amerikanische Streamingdienst Netflix hat neue Staffeln seiner Erfolgsserien angekündigt. Für die Zuschauer bedeutet das wieder lange Nächte. Denn vermutlich wird der Streamingriese – wie so häufig – mehrere Episoden oder gleich ganze Staffeln spät in der Nacht ver­öffentlichen. Das verspricht zwar nächt­liche Stunden voller Spannung, Witz und Drama. Für den Schlaf sind das aber schlechte Nachrichten. Denn wer als Erster wissen will, wie es mit den Lieblingsfiguren weitergeht, muss auf ein paar Stunden Schlaf verzichten – und „bingewatchen“, also gleich mehrere Episoden hintereinander schauen. Das hat aber offenbar mehr Folgen als nur tiefe Augenringe und einen erhöhten Koffeinkonsum am nächsten Morgen. Eine kürzlich veröffentlichte Studie zeigt, dass nächtliches Serienschauen sogar die Finanzmärkte beeinflusst. Die Studie der HKU Business School in Hongkong untersuchte, wie sich die Veröffentlichung neuer Episoden von Streamingdiensten auf die Finanzmärkte auswirkt. Sie kommt zu einem klaren Befund: Nachdem eine neue Staffel einer Erfolgsserie veröffentlicht wird, fallen die Kurse am folgenden Handelstag. Im amerikanischen S&P 500 beläuft sich der durchschnitt­liche Kursrückgang auf rund 0,25 Prozent, jährlich sind es sogar ungefähr 2,3 Prozent. Schlafmangel führt zu geistiger Lethargie Für ihre Studie analysierten die Forscher die Veröffentlichung erfolgreicher Serien auf Streaminganbietern wie Netflix, Hulu oder Amazon Prime im Zeitraum von 2012 bis 2022 – und verglichen sie mit den täglichen Kursbewegungen an den Börsen. Unter den untersuchten Titeln fanden sich etwa bekannte Serien wie „Stranger Things“, „The Crown“ und „Peaky Blinders“. Netflix begann schon 2013 mit der Erfolgsserie „House of Cards“ eigene Produktionen um Mitternacht amerikanischer Westküstenzeit zu veröffent­lichen. Das Unternehmen wollte, dass alle Menschen auf der Welt gleichzeitig eine Serie anschauen konnten. Und das funktionierte: So sollen mehr als 361.000 Menschen die zweite Staffel vom Mys­tery-Drama „Stranger Things“ innerhalb von 24 Stunden nach der Veröffent­lichung auf Netflix durchgeschaut haben. Nach drei Tagen hatte die Serie bereits 15,8 Millionen Aufrufe. Andere Streamingdienste übernahmen das Prinzip später. Aber warum beeinflusst das Schauen einer Serie die Finanzmärkte? Als möglichen Erklärung verweisen die Forscher auf die Rolle des Schlafmangels: „Da Schlafmangel zu geistiger Lethargie führt, sind Anleger weniger bereit, sich um Entscheidungen zu bemühen, die mehr geistige Anstrengung erfordern“, heißt es in dem Paper mit dem Titel „The Morning After: Late-night TV and the Stock Market“. Besonders betroffen seien Handlungen, die mehr komplexes und analytisches Denken erfordern würden; dazu zählten typischerweise Käufe von Anlagewerten. Eine Entscheidung zum Verkauf würde hingegen „schnell, einfach, intuitiv und heuristisch“ getroffen. Wer übernächtigt ist, kauft also seltener und verkauft lieber – in der Folge fallen die Kurse. Zwar könnte man annehmen, dass vor allem Kleinanleger sich die Nächte mit stundenlangen Serienmarathons um die Ohren schlagen. Die Studie zeigt jedoch das Gegenteil: Besonders deutlich sei der Effekt bei Aktien mit hoher institutioneller Beteiligung – also dort, wo hauptsächlich professionelle Investoren handeln. Die Forscher erklären sich das so: Pro­fessionelle Anleger würden im Durchschnitt ohnehin weniger Stunden schlafen als viele andere. Wenn sie nun auch noch nachts eine Serie verfolgen, verschärft sich ihr Schlafdefizit nur noch weiter. Zum Trost gibt es immerhin gute Nachrichten für die Anleger und Fans von „Stranger Things“: Das Serienfinale erscheint im nächsten Jahr erst um 20 Uhr (New Yorker Zeit) – die amerikanischen Börsenhändler können also ausschlafen, nur die Europäer nicht. Letztlich trifft der Schlafmangel wohl auch jene, die ihn mit ihren Serien erst befördern: Netflix steckt derzeit im Übernahmekampf um Warner Bros. Discovery (WBD) und möchte die Firma übernehmen. Das dürfte dem Team von Netflix auch einige lange Nächte bescheren. Für Warner Bros. gilt aber ein anderes Prinzip: Vor wichtigen Entscheidungen sollte man besser einmal drüber schlafen.