FAZ 24.01.2026
10:05 Uhr

Kunstmessen in Belgien: Man kauft wieder Bart


Brüssel brummt: An diesem Wochenende öffnet in Belgiens Hauptstadt die Kunst- und Antiquitätenmesse BRAFA. Daneben hat sich Ceramic Brussels etabliert. Da gehen jedem Kulturbegeisterten die Augen über.

Kunstmessen in Belgien: Man kauft wieder Bart

Das Objekt, um das sich die (Kunst-)Welt im Vorfeld der Brüsseler Kunstmesse BRAFA gedreht hat, hängt jetzt gleich links am zweiten Messestand, wenn man Halle 4 des Messegeländes am Atomium betritt. Der Händler Klaas Muller hat ein Heimspiel in Brüssel und setzt beim Angriff auf die Publikumsgunst auf ein Trio: Jacob Jordaens, Anthony van Dyck und Peter Paul Rubens. Letzterer hat der Messe ihren PR-Coup geliefert: Muller ersteigerte vor drei Jahren für um die 100.000 Euro ein qualitätvolles Altmännerporträt, das danach als ein altbekanntes, doch lange verloren geglaubtes Musterblatt von Rubens identifiziert wurde. Die Gesichtszüge des dargestellten bärtigen Modells finden sich identisch auf gleich mehreren großen Gemälden. Kunstgeschichtlich zusätzlich reizvoll ist, dass Rubens sein ausgefertigtes Porträt auf einem Blatt angelegt hat, das zuvor ein Frauenbildnis bot – dessen nun kopfstehende Züge der Maler wie in einem Vexierbild durch den Rauschebart des Mannes hindurch noch erkennbar gehalten hat. Kostenpunkt nach Identifikation und Restaurierung: eine glatte Million; die benachbarten Altmännerporträts von Jordaens und Van Dyck kosten jeweils rund ein Drittel. Paukenschlag zum Auftakt Das ist ein den Ausrichtern willkommener Paukenschlag zum Auftakt ihrer Messe, aber noch weitaus spektakulärer (und teurer: 1,7 Millionen) geht es ebenfalls gleich neben dem Eingang zu, wenn man sich nach rechts wendet: zu Giammarco Cappuzzo aus London. Dort hängt ein Schmerzensmann von Jacopo Carucci, genannt Pontormo, auch erst jüngst wiederentdeckt und umgehend marktgerecht strahlend restauriert, zudem ungleich rarer als Werke des in Museen und Kirchen omnipräsenten Rubens. Pontormo malte seinen Gemarterten wohl während der Florentiner Pest von 1523/24, und blutrotes Gewand sowie Wundmale künden von entsprechender Erschütterung. Besser als dieses Bild wird es nicht mehr auf der BRAFA. Die bei ihrer 71. Ausgabe noch einmal kräftig expandiert hat: Mit 147 Ausstellern sind es siebzehn mehr als im vergangenen Jahr, aus nunmehr neunzehn statt zuvor sechzehn Ländern. Durch die Auslagerung des gastronomischen Angebots – auf Luxuskunstmessen speist man mindestens so gerne, wie man schaut – in die erstmals erschlossene Nachbarhalle 8 sind die angestammten Flächen in 3 und 4 nun ganz für Galerien reserviert. Die Erweiterung hat ein klares Ziel: der Konkurrenz (nicht nur im Benelux-, im Weltmaßstab) von Maastricht den Rang ablaufen. Dort wird im März die TEFAF ausgerichtet, und die beiden Universalkunstmessen streiten um den Ruf der größten Exklusivität beim Angebot. Die TEFAF ist aufwendiger, was die Gestaltung der Stände angeht, und hat mehr Aussteller bei allerdings kleinerer Fläche. Brüssel punktet zudem mit seinem Zuwachs. Eine Messe mit vielen Vorteilen Und mit dem Standort: „Für uns ist das die beste Messe hier“, lässt sich Florian Kolhammer aus Wien vernehmen, Spezialist für die dortige Sezessionskunst, „nirgendwo ist das Publikum so international.“ Brüssel erreicht man besser als Maastricht, und es ist auch mehr Geld in der Stadt selbst. Das sieht man auf der Messe vertretenen heimischen Galerien ebenso an wie ihrem Angebot, das sich nicht zuletzt aus belgischen Sammlungen speist – und wenn man ein Gemälde wie das mit „Erinnerung an Geraardsbergen“ betitelte Panorama unter grau geschliertem Winterhimmel sieht, das Valerius de Saedeleer 1933, zehn Jahre vor seinem Tod, gemalt hat, kann man nur staunen über das, was man von der Kunst unseres Nachbarlandes nicht kennt (150.000 Euro bei Oscar De Vos aus Sint Martens Latem). Wie in Maastricht sind die Kunstsparten entlang der Gänge bunt gemischt – neben Kolhammer ganz hinten in Halle 3 finden sich Juwelen und Goldschmiedearbeiten, aber die verblassen neben Holz, nämlich den beiden Lehnstühlen, mit denen der Wiener Stand prunkt: Entworfen 1898 von Joseph Maria Olbrich und dann in der zweiten Sezessionsausstellung gezeigt, war ihr Verbleib bisher unbekannt. Nun stehen sie, neubezogen mit eigens nachgewebtem Bezugsstoff von Koloman Moser, in Brüssel, und für 460.000 Euro gehen sie überallhin. Es ist teuer auf der BRAFA, oft noch mehr als bei den Werken von Altmeistern bei denen von jüngeren. Wenn bei Beck & Eggeling (Düsseldorf) ein Mann auf einem kleinen Bild von Alex Katz („Eric“, 1996) seine müden Seitenblicke auf Pablo Picassos große Zink-Lithographie von dessen Tochter Paloma mit Puppe wirft, kann er das im Selbstbewusstsein tun, 88.000 Euro zu kosten und damit 30.000 mehr als der Picasso. Aber Vergleiche lohnen auch beim selben Künstler: „La mer“ von Max Ernst ist gleich zweimal auf der BRAFA zu finden, einmal für 380.000 Euro als das aus dem Werkverzeichnis bekannte Gemälde von 1925 (auch bei Beck & Eggeling) und dann genau für die Hälfte bei Von Vertes aus Zürich, aus demselben Jahr und viel farbintensiver dank dicken Pinselstrichs, allerdings „nur“ als Hinterglasmalerei ausgeführt. Das älteste Objekt der BRAFA (wenn man von den polierten Edel- und Natursteinen der Stone Gallery aus London absieht) hat Grusenmeyer-Woliner aus Brüssel zu bieten – und wirkungsvoll an einer Gangkreuzung außen aufgehängt: den anderthalb Meter langen Schädel eines vor 66 Millionen Jahren verendeten Triceratops, ausgegraben 1998 in South Dakota. Kein Kunstwerk, aber kunstvoll um das fehlende Viertel Knochensubstanz ergänzt und mit 750.000 Euro auch ein Spitzenstück der Messe, obwohl das ja aufs Alter gerechnet kaum mehr als ein Cent pro Jahr seiner Existenz ist. Forum für zeitgenössische Kunst aus Keramik Mit ihrem Gründungsdatum 1956 ist die BRAFA eine der traditionsreichsten Kunstmessen und ein Magnet, der sich dazu anbietet, das nach Brüssel reisende Publikum noch woandershin zu locken. Deshalb ist hier vor zwei Jahren eine weitere Kunstmesse im unmittelbaren Umfeld der BRAFA gegründet worden: Ceramic Brussels. Es ist die erste weltweit, die sich allein keramischer Kunst widmet, und diesmal sind siebzig Galerien ins zentral gelegene Ausstellungszentrum Tour & Taxis gekommen, ein ehemaliges Zolldepot. Wenn die BRAFA morgen anfängt, hört Ceramic Brussels nach ihren vier Tagen auf, und die dritte Ausgabe darf als voller Erfolg gelten. Zumal beim jungen Publikum, das hier auch das findet, was die BRAFA nicht zu bieten hat: niedrige Einsteigerpreise. Wo man dort kaum etwas im vierstelligen Bereich angeboten bekommt, ist bei der Ceramic kaum etwas teurer, und einzelne Arbeiten, etwa welche aus Chris Rijks schwuler Subversion der klassischen Delft-Keramik (bei Radenmakers aus Amsterdam), bekommt man schon für 600 Euro. Ceramic Brussel ist ein Projekt der Privatveranstalter Gille Parmentier und Jean-Marc Dimanche, die dem Vernehmen nach geplant hatten, eine Messe in Brüssel zu etablieren, die sich einer speziell hier bedeutenden Kunstform gewidmet hätte: den Comics. Aber dafür mangelte es an der notwendigen Zahl von Galerien, und eine der wichtigsten, Huberty & Breyne, ist ohnehin schon auf der BRAFA vertreten. Zwar gibt es auch nur wenige Spezialgalerien für Keramik, aber viele Künstler haben dieses Feld für sich genutzt, und so ist in diesem Jahr etwa die Galerie Judith An­dreae aus Bonn erstmals auf der Ceramic vertreten,weil seit Kurzem der 1991 geborene Janis Löhrer zu ihrem Portfolio gehört, der Alltagsgegenstände des Sanitärbereichs aus Keramik nachformt und illusionistisch bemalt: Wäschestücke (sowohl säuberlich gefaltet als auch verkrumpelt), ein Pissoir (samt Duftsteinen) oder – größtes Objekt – die Wand einer Gemeinschaftsdusche. Die schlägt denn auch mit 35.000 Euro zu Buche, während man eine kleine nachgeformte Shampooflasche schon für 1700 und den typisch signalgelben Warnreiter „Caution Wet Floor“ – täuschend echt – für 4700 Euro dazubekommt. Andreae wiederum bekam für diese Standgestaltung den Preis der Ceramics Brussels für den besten Aussteller der Messe. Hier sind die Künstler jünger, und es gibt viel mehr Frauen darunter als auf der BRAFA. Etwa die aus Russland nach Wien emigrierte Asya Marakulina, die auf die Auswahlliste der Ceramic für junge Talente kam und prompt eine Galerie fand (Fontana aus Amsterdam), die ihre DIN-A4-großen Wandkeramiken in Form der Fassaden von Abbruchhäusern ins Programm nahm (je 1950 Euro). Oder bei der Galeri Nev (Istanbul und Ankara) die Türkin Mektap Baydu, die auch in Deutschland gearbeitet hat und für ihre Plastikenserie „Geçirgenlik/Durchlässigkeit“ den eigenen Körper abformt und dann in Bestandteile zerlegt, die sie zu blauglasierten chimärischen Torsi zusammensetzt, in denen etwa Brüste zu Epauletten werden. Verstörend sind die zwei in Brüssel präsentierten Exemplare, und so wird Baydus kommende Museumsausstellung in Ankara auch den Titel „Es ist schwer, dich zu mögen“ tragen (17.000 und 19.000 Euro). Für die teuersten Objekte auf der Ceramics Brussels ist aber doch ein alter weißer Mann zuständig: Picasso, von dem die MALA Gallery aus Nizza neben vielen Keramik-Editionen auch zwei unikale bemalte Kacheln der Serie „Tête solaire“ aus dem Jahr 1958 zeigt, die jeweils 95.000 Euro kosten. Für Vergleichbares wird auf der BRAFA mehr als das Dreifache verlangt, etwa für eine etwas größere „Tête solaire“-Kachel bei Almine Rech (Brüssel) und eine höchst originelle ausgeschnittene Papiermaske Picassos aus demselben Jahr, die Cazeau aus Paris anbietet. In letzterem Fall hat die BRAFA neben dem Teureren auch das Lustigere zu bieten, aber sonst macht die Ceramic noch mehr Spaß. BRAFA Art Fair, Expo Brüssel, bis 1. Februar, Eintritt 35 Euro, mit Katalog 45 Euro Ceramic Brussels, Tour & Taxis Brüssel, bis 24. Januar, Eintritt 20 Euro