FAZ 06.02.2026
11:29 Uhr

Kunstmesse Art Basel Qatar: Spiel mit Grenzen


Alle wollen am Golf ins Geschäft kommen, auch die Art Basel. In Qatar eröffnet das Unternehmen seine  fünfte Kunstmesse – ausgerechnet in einer Zeit, in der die Spannungen in der Region wieder zunehmen.

Kunstmesse Art Basel Qatar: Spiel mit Grenzen

Wie ein perfekt in die linke obere Ecke gezirkelter Freistoß ist die Art Basel in Doha gelandet – und kann beim Eröffnungsspiel am Golf, der ersten Art Basel Qatar, auf einen Megastars im PR-Kader der Herrscherfamilie Al Thani zählen: David Beckham. Schon Tage vor dem Start der Messe posierte der Brite, der den Wandel vom Sportidol zur Lifestyle-Marke vorgelebt hat wie kein anderer, auf Instagram vor dem Museum für islamische Kunst in Doha, wo die Premierenparty stattfinden sollte. Seit das durch Öl und Gas reich gewordene Emirat 2022 die Fußballweltmeisterschaft ausrichtete, schießt Beckham als Qatars Sonderbotschafter für Sport Marketingpässe in Diensten des Emirats: eine Verstärkung der „soft power“, mit der die von der geopolitischen Neusortierung der Welt profitierende absolute Monarchie sich zuletzt international immer besser in Stellung bringen konnte. Ein großer Player im Kunstbetrieb Kunst- und Kulturpolitik, vorangetrieben von Sheikha Al Mayassa bint Hamad bin Khalifa Al Thani an der Spitze der Museumsorganisation Qatars, kommt eine weitere Schlüsselrolle bei der Positionierung zu. Nicht umsonst gehört die Schwester des Emirs seit Jahren zu den mächtigsten Playern im globalisierten Kunstbetrieb: Unter ihrer Ägide entstehen Institutionen, Sammlungen und Netzwerke. Dieses kulturelle „Ökosystem“, wie es in offiziellen Verlautbarungen gerne heißt, ist weder Wildwuchs noch das Ergebnis einer Graswurzelbewegung, sondern planvoll angelegt wie ein barocker Schlossgarten. Nun steigt der Kunsthandel des Landes in die Königsklasse auf: mit der Art Basel Qatar. Was 1970 als Gründung dreier vom Kölner Kunstmarkt inspirierter Galeristen in der Schweiz begann, gehört heute zur MCH Gruppe, deren Mehrheitseigner die Lupa-Holding von James Murdoch sowie der Kanton und die Stadt Basel sind. Zum weltweit führenden Unternehmen ihrer Art wurde die Art Basel dank kluger Expansion, erst nach Miami Beach, dann nach Hongkong, Paris und jetzt Qatar – immer dorthin, wo der Markt für Gegenwartskunst Potential hat. Das erfordert Anpassungen an die jeweiligen Gegebenheiten. Am Golf tritt die Art Basel mit Partnern auf, die Staat machen: Qatars emiratseigener Investmentgruppe QSi für Großgeschäfte im Sport – wie den Aufkauf des Pariser Clubs Saint-Germain – und der Strategiefirma QC+ für die Museen des Landes. Entsprechend kann QSi-Präsident Nasser bin Ghanim Al-Khelaïfi bei der Eröffnungskonferenz enthusiastisch über Gemeinsamkeiten von Kunst und Sport parlieren und steht Beckham – selbst privat Kunstsammler – bei der abendlichen Premierenfeier mit Mocktails und Häppchen für VIPs im Hof des von I.M. Pei gebauten Museums islamischer Kunst direkt neben der Sheikha. Dann wird im hereinbrechenden Dunkel das erste Prestigeprojekt der Art Basel Qatar vorgestellt: eine neue Installation von Jenny Holzer. In leuchtend weißen Buchstaben ziehen Zeilen auf Englisch und Arabisch über die Museumsfassade, rufen den Schmetterlingseffekt aus der Chaostheorie auf, Erfahrungen des Exils und Träume, die Grenzen überschreiten. Kurz darauf surrt es, als näherte sich ein Schwarm von Millionen Bienen. Tatsächlich sind es Hunderte leuchtende Drohnen, die das Schriftfeld aus Gedichten des palästinensischen Poeten Mahmoud Darwish und der emiratischen Dichterin Nujoom Alghanem mit einem fliegenden Tanz in den Nachthimmel erweitern. Gaza ist nicht fern, und tags darauf sollten die Amerikaner eine Drohne aus Iran über einem US-Flugzeugträger im Arabischen Meer abschießen. Wer mit Qatar Airways fliegt, wird auf der Weltkarte, mit der Passagiere an ihrem Sitz die Flugroute verfolgen können, Israel vergeblich suchen. Doch in einer von Konflikten zerrissenen Region bietet sich der Golfstaat Qatar als Ort der Stabilität, Vermittler in der islamischen Welt und als weltweiter Geschäftspartner an. Das Emirat steht heute anders da als noch vor wenigen Jahren. Damals bezichtigten es seine direkten arabischen Nachbarn und die USA der Terrorfinanzierung – die politische Führung der Hamas residiert in Doha – und es wurde mit einer Blockade belegt. Aus Europa kam Kritik an der Verletzungen der Menschenrechte von Arbeitern auf Stadionbaustellen. Inzwischen kann Qatar sich dank Donald Trump des besonderen Schutzes der Vereinigten Staaten sicher sein, und Friedrich Merz, der gerade unterwegs in der Region ist, ließ wissen, er wolle Deutschlands Handelsbeziehungen mit dem Emirat vertiefen. Die Art Basel Qatar tut das bereits, wobei ihre erste Ausgabe eher ein Kennenlernen ist als ein ausgewachsenes Messe-Event. 87 Galerien hat das Auswahlkomitee unter der künstlerischen Leitung des ägyptischen Videokünstlers Wael Shawky eingeladen; ungefähr die Hälfte kommt aus dem Nahen Osten, Südostasien und Nordafrika. Sie alle stellen je einen Künstler mit wenigen Werken unter der Überschrift „Becoming“ (Werden) vor. Das Ergebnis hat fast Boutiqueformat im Vergleich zur Art Basel in der Schweiz, auf der vorigen Sommer fast 300 Aussteller Arbeiten von mehr als 400 Künstlern zeigten. Da muss man wissen, was man sehen will, um einigermaßen den Überblick zu behalten. In Doha will die Messe im zentralen Msheireb-Viertel ohne Standbegrenzungen, mit ineinander übergehenden Soloschauen zum Flanieren, Verweilen und Ins-Gespräch-Kommen einladen, im Kultur- und Geschäftszentrum M7 sowie dem Design District gegenüber. Über den Platz dazwischen zuckelt eine Tram. Cafés, Restaurants und Geschäfte westlicher Luxusmarken säumen umgebende Straßen. In Kontrast zu ihren Auslagen steht im Atrium des M7 ein Sonderschau der Art Basel: Die Installation des palästinensischen Künstlers Khalil Rabah aus ramponierten Alltagsobjekten in rauen Mengen kann Assoziationen an Flucht und Vertreibung wecken, aber auch an die Vergänglichkeit aller Warenwerte. Auf der Messe ist Kunst selbstverständlich eine Ware. Während bei kleineren Galerien Werke schon für ein paar tausend Dollar zu haben sind, zeigen amerikanische Blue-Chip-Galerien, dass sie auch hier Geld verdienen wollen. Gagosian hat ein millionenschweres Ensemble früher Verpackungsarbeiten von Christo mitgebracht, Van de Weghe mehrere Picassos und Acquavella Großformate von Basquiat. Das Kalkül scheint klar: museale Werke anzubieten, wo es musealen Bedarf gibt – und Etats. 2030 soll in Doha das Art Mill Museum für moderne und zeitgenössische Kunst eröffnen, in einer ehemaligen Getreidemühle, die der Pritzker-Preisträger Alejandro Aravena umbaut. Dort würde sich auch eines der Gemälde Philip Gustons von Hauser & Wirth gut machen – oder die Lichtinstallation des Zero-Künstlers Otto Piene bei Sprüth Magers. Deutsche Händler sind auf der Messe gut vertreten. Judy Lybke offeriert mit seiner Galerie Eigen+Art Neue Leipziger Schule von Neo Rauch und spricht von „echtem Interesse“ in Doha. Dort deutete man die Bilder zwar völlig anders als im Westen, finde sich aber in Umbruchserfahrungen wieder, die Rauch aufscheinen lasse. Für die Galeristin Andrée Sfeir-Semler mit Niederlassungen in Hamburg und Beirut ist die Art Basel Qatar dagegen ein Heimspiel: Sie vermittelt seit Jahrzehnten zwischen Orient und Okzident und hat Selbstporträts des deutsch-syrischen Malers Marwan dabei. Ob der Markt der Region die neue Messe tragen könne, neben der bereits bestehenden Art Dubai und der bald hinzukommenden Frieze in Abu Dhabi? „Das ist die Frage“, meint Andrée Sfeir-Semler. Tim Neuger von neugerriemschneider ist schon, wie viele Sammler, die direkt von der Kunstbiennale in Saudi-Arabien gekommen sind, auf dem Sprung nach Neu-Delhi, zur nächsten Messe. Andere fliegen weiter zur Art Singapore. Ein paar Gedanken mit auf den Weg gibt ihnen neugerriemschneider mit einer Arbeit der Inderin Shilpa Gupta: Auf einer Faltblattanzeige, wie man sie früher überall auf Flughäfen sah, rattern durch Tippfehler verstellte Sätze, die sich mit Zwang und Kontrolle befassen. Wie kritisch kann Kunst auf einer Messe in Qatar sein, wie frei? Es wäre naiv zu glauben, man könnte dort pralle Akte oder LGBTQ-Art unterbringen, Attacken auf religiöse Empfindungen oder ähnlich heiße Ware. Doch innerhalb der Grenzen des Möglichen taucht neben allerlei Ornamental-Unverfänglichem, das es auch gibt, durchaus Provokatives auf. Eine feuervergoldete Videoüberwachungsanlage etwa, die der türkische Künstler Halil Altındere geschaffen hat, bei der Galerie Pilot aus Istanbul, oder die kraftvolle naive Malerei der Ägypterin Souad Abdelrasoul bei der Galerie Misr aus Kairo. In ihren Bilder werden weibliche von männlichen Figuren wie Fleisch beäugt. Ein Gemälde heißt „Female Slaughter Is Prohibited“ (Das Schlachten von Frauen ist verboten). Durchaus kritische Selbstreflexion Die indische Galerie Nature Morte lässt eine Installation des pakistanischen Malers Imran Qureshi live entstehen, indem zwei Männer Paneele nach Art traditioneller Bettgestelle weben – so entsteht ein sozialer Raum. Ein bisschen zelebrierte Utopie eines friedlichen Zusammenlebens darf auf der Art Basel Qatar nicht fehlen, und so gibt es Back-Sessions, in denen gemeinsam nach verschiedenen Traditionen gebackene Brote zubereitet und verspeist werden. Dass Qatar sich durchaus kritische Selbstreflexion zumutet, beweist das 2015 auf Initiative der Mutter des Emirs eröffnete Museum im Bin Jelmood House, dem historischen Anwesen eines früheren Sklavenhändlers. So oberflächlich dort auch die Geschichte der Sklaverei behandelt wird, die in Qatar offiziell erst Mitte des 20. Jahrhunderts verboten wurde, so flüchtig die Einlassungen zu modernen Formen der Ausbeutung bleiben, ist es doch das bisher erste und einzige seiner Art im Nahen Osten – und einer der Veranstaltungsorte der Kunstmesse. Sie lässt dort eine Performance mit Tanz und Gesang der amerikanisch-nigerianischen Kooperation Sweat Variant stattfinden. Im Hof des Museums kann bei der nächsten Drinks-und-Häppchen-Party für geladene Gäste weiter geplaudert werden über Eindrücke von einem Ort, den viele zum ersten Mal besuchen, über neue Kontakte zu bisher unbekannten Sammlern, Galeristen, Künstlern oder Kuratoren, auch über die neusten, bis in die Welt der Kunst führenden Epstein-Enthüllungen und darüber, dass Angelina Jolie in der Stadt gesehen wurde. An Prominenz fehlt es Doha zurzeit wirklich nicht. Art Basel Qatar, M7 und Design District Doha, bis 7. Februar, Eintritt 150 Katar-Riyal (etwa 35 Euro)