FAZ 06.01.2026
13:20 Uhr

Kunsthistoriker Herbert Beck tot: Mustergültiger Aufklärer


Er prägte das Städel und das Liebieghaus: Zum Tod des großen Frankfurter Museumsmanns Herbert Beck, der die Aufklärung nie nur auf das 18. Jahrhundert bezog.

Kunsthistoriker Herbert Beck tot: Mustergültiger Aufklärer

Es waren andere, höchst optimistisch bewegte Zeiten. Mit gerade einmal 28 Jahren erhielt Herbert Beck 1969 den Ruf, das damals noch verwunschene, vielleicht schönste Museum alter Plastik, das Liebieghaus in Frankfurt am Main, zu leiten. Zwei Jahre zuvor war er dort bei Harald Keller mit einer Dissertation über mittelalterliche Skulpturen in barocken Altären promoviert worden. In den folgenden knapp zwanzig Jahren ist es ihm gelungen, das Haus mit Verwaltungs- und Kustodenstellen auszustatten, so dass es als eigenständige Institution im Aufbau des Frankfurter Museumsufers mitzuspielen vermochte. Als ein Schatzhaus trug es dazu bei, das Konzept Hilmar Hoffmanns umzusetzen, die Stadt der Finanzen zu einem international gewichtigen Ort der Museen und der Begegnungen zu machen. 1994 übernahm Beck zusätzlich die Leitung des Städel. In beiden Funktionen hat er auf beispielhafte und bis heute gültige Weise gezeigt, dass in der Bestimmung des Museums, zu sichern, zu vermehren, zu erforschen und zu vermitteln, kein Widerspruch besteht. Sämtliche Bestände sind in den Achtziger- und Neunzigerjahren in 14 Bänden erschlossen worden, und zahlreiche Werke konnten erworben werden. Er baute Frankfurt zu einem Museumsmekka um Sowohl im Liebieghaus, wo bis 1990 nach zahlreichen Umbauten die Einrichtung des höchst beliebten Cafés und der Erweiterung des Gartenflügels erfolgte, wie auch im Städel, wo von 1995 an der Umbau des Foyers, die Einrichtung des Buchladens und des Restaurants sowie des Gartensaales vollzogen wurden, hat er auch in der Baupolitik tiefgreifende Spuren hinterlassen. Ihm gelangen all diese Maßnahmen durch den Respekt, den er in der Frankfurter und hessischen Kulturpolitik ebenso wie in der Administration des Städel genoss, das in seltener Großzügigkeit sämtliche Bautätigkeiten wie auch die Erwerbungen von Kunstwerken unterstützte. Neben den lokalen Aktivitäten organisierte er Ausstellungen auf eine Art, welche die Museen zu Akademien auf Zeit werden ließen. Mustergültig war die Erschließung der Antikensammlung der römischen Villa Albani als einem Fokus der Archäologie und Geistesgeschichte des 18. Jahrhunderts. Bei übergreifenden Themen wurden Symposien nicht allein während der jeweiligen Ausstellung, sondern teils bereits Jahre zuvor durchgeführt, um mit der Auswahl und Präsentation der Objekte einen veritablen, gemeinsam erarbeiteten neuen Forschungsstand zu präsentieren, der sich den Besuchern auf mitreißende Weise präsentierte. Hierzu gehörten Ausstellungen wie „Polyklet und die Folgen“, „Spätantike und frühes Christentum“, „Natur und Antike in der Renaissance“ oder „Die bildende Kunst der Aufklärung“. Die Kataloge sind bis heute Nachschlagewerke im Stile von Handbüchern. Aufklärung war für ihn tagesaktuell Herbert Beck war auch ein Forscher, der sich durch zahlreiche Veranstaltungen an den Universitäten in Marburg, Tübingen und Jena auch als Universitätslehrer hervorgetan hat. Seit 1992 brachte er als Honorarprofessor am Kunsthistorischen Institut der Frankfurter Goethe-Universität eine höchst inspirierte Schülerschaft hervor. Auch jenseits von Frankfurt hat er sich mit Folgen, die weit über sein eigenes Tun hinausgehen, betätigt, so etwa als Mitglied der Kulturstiftung der Länder und in vielen anderen Funktionen wie seiner tatkräftigen Mitgliedschaft im Förderverein des deutschen Kunsthistorischen Institutes in Florenz. Herausragend bleibt sein Verdienst als Gründer und langjähriger Vorsitzender des Kulturfonds RheinMain. Er war ein Aufklärer, der die Aufklärung nicht allein auf das 18. Jahrhundert bezog. Vielmehr leitete er die Verpflichtungen dieses Konzeptes aus dem Mittelalter ab, und hier immer aus dem „Internationalen Stil“ um 1400. Lange bevor die Postmoderne dieses zum Leitbild machte, begriff er die stilistischen Verflechtungen in der Kunst des Barock und des Klassizismus als Momente einer Souveränität, die sich der eigenen Geschichte als künstlerische Harmonisierung von Konflikten bewusst war. Wer immer sich mit ihm über die Skulptur, seine Leidenschaft, austauschen konnte, gewann eine unnachahmliche Bereicherung des eigenen Seh- und Empfindungsvermögens. Am Montag ist er in Hamburg, behütet durch seine Familie, im Alter von 84 Jahren gestorben.