FAZ 11.01.2026
19:30 Uhr

Kunst Nachlass Stiftung: Wohin mit der Kunst, wenn der Künstler stirbt?


Die Depots der Museen sind voll, der Markt schert sich nicht um Gesamtwerke: Die Kunst Nachlass Stiftung in Frankfurt springt ein und sichert Bewahrenswertes.

Kunst Nachlass Stiftung: Wohin mit der Kunst, wenn der Künstler stirbt?

Wer Albert Mangelsdorff sehen möchte, muss unter die Erde. Genauer gesagt in das Tiefgeschoss eines Bürogebäudes an der Mainzer Landstraße im Frankfurter Stadtteil Gallus. In einem runden, fensterlosen Raum fällt der Blick auf mehrere lebensgroße Kupferskulpturen. Unter ihnen ist eine Ganzkörperfigur mit verschränkten Beinen. Sie stelle den Jazzmusiker Mangelsdorff dar, sagt Manuel Raven: „Man erkennt ihn. Er ist gut getroffen.“ Geschaffen wurde die Skulptur von Inge Hagner. Die 1936 geborene Frankfurter Künstlerin und der 2005 gestorbene Posaunist seien befreundet gewesen, sagt Raven. Der Geschäftsführer der Kunst Nachlass Stiftung berichtet von anstehenden Verhandlungen mit dem Historischen Museum, bei denen es um die mögliche Aufnahme von Hagners Plastik in die Museumssammlung gehen wird. Die Vermittlung von Werken an Sammlungen zählt ebenso zu den Aufgaben der Stiftung wie die Präsentation der ihr anvertrauten Werke in Ausstellungen oder als Dauerleihgaben in Museen. „Kunstwerke sollen gesehen werden“, lautet das Credo. Neben dem Werk Hagners betreut die seit rund einem Jahr tätige gemeinnützige Stiftung sechs weitere Vor- und Nachlässe Frankfurter Künstler. Einige ihrer Werke sind ebenfalls in dem fensterlosen, kühlen Depotraum gelagert, dem Raven „museale Bedingungen“ attestiert. Die Stiftung wird mit Anfragen regelrecht bestürmt Da stehen etwa Gisela Webers filigrane Marmorstelen, zu Dutzenden aneinandergereiht und von Regalarmen gestützt. Ihre abstrakten Plastiken nennt die 1939 geborene Künstlerin „Zeichen“. „Wenn sie im Licht stehen, schimmern sie“, schwärmt Marion Victor, die dem Stiftungsrat angehört. Sie berührt eine der Stelen und sagt, ihnen sei „etwas ganz Weiches“ eigen. Der bewusst ausbleibende Schliff führe zur Offenporigkeit, die das Licht aufnehme, erläutert Victor. Die Kunsthistorikerin, die dem Stiftungsrat neben Jonas Leihener und Michael Raven angehört, weiß aus eigener Anschauung, warum es Initiativen wie der Kunst Nachlass Stiftung bedarf. Als ihr Vater, der Reutlinger Maler und Grafiker Winand Victor, 2014 starb, galt es, den Umgang mit seinem mehr als 1000 Werke umfassenden Nachlass zu klären: „Das kann man nicht einfach entsorgen.“ So kümmert sich die von Marion Victors Schwester Winni geleitete Atelier Victor GmbH um die fortwährende Bewahrung und Vermittlung des väterlichen Œu­v­res. Die Frage, was einmal mit dem Lebenswerk regional tätiger Künstler geschieht, treibt auch viele Frankfurter um. Seit ihrer Gründung werde die Kunst Nachlass Stiftung „von Künstlern und Erben bestürmt“, berichtet Victor. „Diesem Bedarf sind wir immer wieder begegnet“, bestätigt Raven. Im Vorfeld der Stiftungsgründung sei klar geworden, dass keine Institution sich um dieses Thema kümmern möchte. Die Depots der einschlägigen Frankfurter Museen seien voll, weiß der Kunstmanager: „Sie haben keine Kapazitäten.“ Der Kunstmarkt wiederum könne keine ganzen Œu­v­res betreuen. „Und dann haben wir gesagt: Wir machen es“, erinnert sich Raven. Der Stiftungsgründung vorausgegangen war eine Initiative aus Frankfurter Bürgern, unter ihnen Künstler, Erben, Galeristen, Kunstsammler und Juristen. Eine maßgebliche Rolle schreiben die Gründer der 1942 geborenen Künstlerin Helga Franke zu, die Vorlassarbeit in ihre eigene künstlerische Praxis integriert habe. Mit dem Amt für multikulturelle Angelegenheiten fand die Stiftung einen Kooperationspartner, der Depot- und Arbeitsräume zur Verfügung stellt. Gefördert wird sie unter anderem vom Frankfurter Kulturamt. „In einem halben Jahr wird es hier ganz anders aussehen“, sagt Victor. Das derzeit noch etwas ungeordnet wirkende, mit Gemälden und Plastiken sowie Umzugskartons mit gerahmten Werken gefüllte Depot soll bald mit Regalen möbliert werden. Bevor wir frieren, geht es indes ins „Labor“, vor dem ein Schubwagen mit aussortierten Werken steht. Der mit getönten, gegen UV-Strahlung schützenden Fenstern ausgestattete Raum beherbergt weitere Künstlernachlässe. „Das ist Rolf Kissel“, sagt Victor und zeigt auf einige in Luftpolsterfolie eingepackte Leinwände. Der Nachlass des 1929 geborenen und 2024 gestorbenen Frankfurter Malers und Grafikers sei mittlerweile fast vollständig inventarisiert. Das Labor umfasst auch ein mit Schreibtischen und Computern ausgestattetes Büro. Dort kümmern sich zwei Mitarbeiterinnen, die an der Goethe-Universität Kunstgeschichte studieren, um die Erfassung und Einordnung der Künstlernachlässe. Die Kapazitäten der Stiftung sind allerdings nicht unendlich. „Wir können nicht alle Nachlässe aufnehmen“, sagt Victor. Daher prüft ein dreiköpfiges Kuratorium jeden Nachlass, der der Stiftung angeboten wird, auf künstlerische Qualität und kunsthistorische Bedeutung. Anschließend entscheidet der Stiftungsrat über die Aufnahme. Schon jetzt müsse die Stiftung öfter „Nein“ als „Ja“ sagen, berichten Raven und Victor. Um auch ohne höheres Stiftungskapital agieren zu können, hat sich das Gründungsteam für das Modell einer unselbständigen Treuhandstiftung entschieden. Treuhänderin ist die ebenfalls von Raven geleitete Künstlerförderung Frankfurt am Main. Sobald das Stiftungsvermögen es zulässt, soll die Kunst Nachlass Stiftung in eine rechtsfähige Stiftung bürgerlichen Rechts überführt werden, heißt es auf ihrer Internetseite kunst-nachlass-stiftung.de. Bis das notwendige Kapital zusammengekommen ist, bleibt die Stiftung auf Fördermittel angewiesen. Über das im ersten Jahr des Bestehens Erreichte zeigen sich Raven und Victor glücklich. Ausruhen möchte das Stiftungsteam sich jedoch keineswegs. Im Frühjahr 2026 soll im Gebäude des Amtes für multikulturelle Angelegenheiten ein Vermittlungsprogramm anlaufen. Ein weiteres Ziel benennt Raven: „Wir wollen die erste Ausstellung haben.“ „Wir wollen, dass die Bilder und Plastiken gesehen werden“, pflichtet ihm Victor bei. Die von der Stiftung betreuten Künstler seien ausstellungswürdig, betont sie. Man suche Kooperationspartner, denn, so Victor: „Wir wollen ausstellen.“