FAZ 10.05.2026
13:01 Uhr

Kulinarischer Wettstreit: Wo bei Grüner Soße die Toleranz aufhört


Erstmals standen die beiden Frankfurter Wirtshaus-Ikonen „Zum Gemalten Haus“ und „Apfelwein Wagner“ gleichzeitig im Finale des Grüne-Soße-Festivals. Das Publikum hat den großen Showdown salomonisch aufgelöst.

Kulinarischer Wettstreit: Wo bei Grüner Soße die Toleranz aufhört

Während andernorts auf der Welt Hader und Zank herrschen, haben am Samstagabend in Frankfurt einige Hundert Menschen die friedliche Nachbarschaft an der Schweizer Straße gesichert und das Miteinander in der Rhein-Main-Region vertieft. Und das nur mit ihren geübten Gaumen und der Konzentration auf die Ausgewogenheit von Zucker und Essig, die Verträglichkeit von Mayonnaise und in der mehrheitlichen Überzeugung, dass Dill in einer echten Frankfurter Grünen Soße nichts zu suchen hat. In Frankfurt angerührt muss das Traditionsgericht aus sieben Kräutern hingegen nicht sein, um zu überzeugen: Zum zweiten Mal in Folge hat dem Finale-Publikum des „Grüne Soße Festivals“ die Rezeptur der Darmstädter Ratskeller Hausbrauerei am besten geschmeckt. 2024 waren dessen Gastwirt Hans-Peter Schlörit und sein Küchenchef Dieter Ginkel noch am Publikum gescheitert, jetzt scheint ihnen die Kräuterkrone nur schwer wieder zu nehmen zu sein. Diese Entwicklung muss den Stolz der Frankfurter Köche treffen, zumal sich in den sieben Vorrunden nur drei ihrer Kollegen gegen die starke Konkurrenz aus Taunus, Wetterau und Südhessen durchsetzen konnten. Aber das Geschmacksurteil des Publikums hat auch Verwerfungen in der hiesigen Gastroszene vorgebeugt. Zum ersten Mal in fast zwanzig Jahren Festival-Geschichte standen am Finalabend die Grünen Soßen der auf der Schweizer Straße nur vier Hausnummern voneinander entfernten Wirtshaus-Legenden „Zum Gemalten Haus“ und „Apfelwein Wagner“ gleichzeitig auf den Probiertellern. Erstmals zwei zweite Plätze vergeben Jetzt also sollte sich zeigen, wer von beiden die Frankfurter Küche am besten beherrscht. Nach vielen Runden Löffeln, Vergleichstests mit Kartoffeln und Ei sowie Diskussionen über möglicherweise doch vorhandene Dillnoten landete das „Gemalte Haus“ in der Publikumsgunst gemeinsam mit dem Käsehaus Wehrheim auf dem zweiten Platz. Das Siegerfeld war eng, und so bleibt es dabei: Beide Traditionshäuser verstehen sich bestens auf die richtige Mischung mit Petersilie, Schnittlauch, Borretsch, Sauerampfer, Kresse, Pimpernelle und Kerbel. Frankfurts Oberbürgermeister Mike Josef (SPD) inzwischen auch. Im vergangenen Jahr, als das Festival auf dem Roßmarkt wegen der stark gestiegenen Kosten auf der Kippe stand, hatten Fans eine Petition an ihn adressiert, von vielen Seiten war die Politik aufgefordert worden, die Veranstaltung zu retten. Tatsächlich erhalten die Veranstalter Maja Wolff und Torsten Müller seitdem einen höheren Finanzzuschuss von der Stadt – und Josef persönlich kam, um den Finalabend zu eröffnen. Dabei stieß er bei seinen Ausführungen über Toleranz und Vielfalt von zulässigen Soßenrezepturen auf Gegenwehr – bei Curry und Dill hörte der Spaß bei den meisten auf. Jubel und Applaus erhielt er hingegen für die Ankündigung, dass die Stadt das Festival, mit dem die sieben Kräuter, die Liebe zur Stadt und das Gefühl, eine gute Zeit zu haben, zelebriert würden, auch längerfristig unterstützen werde.