FAZ 12.02.2026
13:24 Uhr

Kürzungen bei IGS: Glaubenskrieg um die Schulen


Das Ende einer Ungleichbehandlung oder ein Kahlschlag in der Schullandschaft? Der Lärm um Kürzungen bei den Integrierten Gesamtschulen entspricht nicht der gesamtgesellschaftlichen Stimmung.

Kürzungen bei IGS: Glaubenskrieg um die Schulen

Kultusminister kann man nur bemitleiden. Sie werden nicht nur regelmäßig von der Opposition kritisiert, sondern, schlimmer noch, von Lehrern, Eltern und Schülern. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft ist professionell aufgestellt und jederzeit zu einer Kampagne bereit. Der Ton ist rauer geworden, und die Eltern sind anspruchsvoller. Sie betrachten Schulen als Dienstleister, die sich um das Teuerste in ihrem Leben zu kümmern haben, die Kinder. Vor diesem Hintergrund lösen Sparpläne prinzipiell eine Lawine von Protesten aus. Von einem Kahlschlag ist dann die Rede, und einer Politik auf dem Rücken der Kinder. So sind die aktuellen, breiten Proteste gegen die geplanten Kürzungen an den integrierten Gesamtschulen erwartbare Routine. Dass im Landeshaushalt gespart werden muss und die Ausgaben für die Schulen trotzdem steigen, bleibt unerwähnt. Und die Argumentation des Bildungsministers ist komplex. Vereinfacht: Klassen, in denen alle Schüler unabhängig von ihrem Leistungsvermögen gemeinsam lernen, werden heute finanziell stärker unterstützt als die Klassen, bei deren Bildung das unterschiedliche Niveau berücksichtigt wird. Das ist eine Ungleichbehandlung, die sich kaum rechtfertigen lässt. Sie zu korrigieren, wäre schon in guten Zeiten angezeigt. Dass Schüler und Lehrer dennoch unisono von einem „Schlag ins Gesicht“ sprechen, ist nicht mehr als Propaganda. Der Lärm ist auch eine Spätfolge der ideologischen Kämpfe, die in den vergangenen Jahrzehnten in allen Bundesländern um das Schulsystem geführt wurden. Diese Glaubenskriege der Vergangenheit blitzen in der aktuellen Debatte für einen kurzen Moment wieder auf. Immerhin zählen die „Schule für alle“ und das gemeinsame Lernen zum Grundbestand der sozialdemokratischen Programmatik. Darum ist es ein beachtlicher Vorgang, wenn die SPD sich in den bilateralen Haushaltsberatungen auf den Sparvorschlag des CDU-Bildungsministers eingelassen hat. Diese Kompromissbereitschaft gegenüber dem großen Koalitionspartner entspricht den desaströsen 15,1 Prozent der SPD bei den Landtagswahlen. Es mag auch die Tatsache eine Rolle gespielt haben, dass es in Hessen nur 105 integrative Gesamtschulen gibt. Der überwältigende Teil der Hessen bevorzugt andere Bildungswege. Die Aufregung, die von der Opposition und den Verbänden gerade erzeugt wird, entspricht nicht der gesamtgesellschaftlichen Stimmung. Darum darf man gespannt sein, wie die SPD in den noch ausstehenden Beratungen argumentieren wird.