Abschlussreden an amerikanischen Universitäten sind normalerweise ein Schaumbad der Zuversicht. Ein berühmter Gast aus Politik, Wirtschaft oder Showbiz erzählt Anekdoten aus seinem Leben, verrät sein Erfolgsgeheimnis und fordert die Zuhörer auf, ihren Traum zu leben. Der Rede von Steve Jobs an der Stanford-Universität folgten vor Jahren Millionen euphorisierter Zuschauer auf diversen Medienkanälen. Als Eric Schmidt neulich an der Arizona University sprach, erntete er dagegen Buhrufe. Der ehemalige Google-CEO hatte gerade begonnen, die Segnungen der Künstlichen Intelligenz zu preisen, stockte einen Moment, lachte ungläubig, nahm einen neuen Anlauf, aber der Protest hörte nicht auf. Als die Managerin Gloria Caulfield an der University of Central Florida die nächste industrielle Revolution der KI ankündigte, kam eine ganze Welle von Buhrufen zurück, und als der Musikmanager Scott Borchetta an der Middle Tennessee State University sagte, die KI sei ein nur ein Werkzeug, mit dem man umgehen müsse, war es nicht viel anders. Ein paar Wenige streichen den Gewinn ein Die Hochschulabsolventen sehen in der Künstlichen Intelligenz keinen hilfreichen Diener, sondern einen Jobkiller, der ihnen die Zukunft raubt. Nur knapp ein Fünftel der amerikanischen Jugendlichen bewerten die KI, die sie routiniert für Seminararbeiten und viele andere verwenden, laut einer Umfrage positiv. Die erste Welle des beschäftigungslosen Wachstums rollt gerade durch die Vereinigten Staaten und wirft die Frage auf, welches Studium noch KI-sicher ist. Die Schauspielerei jedenfalls nicht. Reese Witherspoon erntete einen Proteststurm, als sie verkündete, es sei Zeit, Künstliche Intelligenz zu umarmen. Auch Taxifahrer ist keine Exit-Option mehr, wenn Autos, demnächst auch in München, führerlos durch die Straßen gleiten. Dass sich ausgerechnet unter Jugendlichen, die neue Medien sonst viel schneller als Erwachsende aufgreifen, Technikskepsis breit macht, markiert eine Wende. Die Vertreter der Tech-Branche, gewohnt wie Popstars gefeiert zu werden, überlegen sich mittlerweile vor ihrem Universitätsbesuch, wie sie auf möglichen Protest reagieren. Die Digitalisierung soll weltweit die Demokratie an die Macht bringen, hieß es einmal, und uns von den Fesseln der Hierarchie befreien. Alle dürfen mitmachen. Jetzt sieht es so aus, als würden ein paar Wenige den Gewinn einstreichen, während darunter ein Freizeitpark für Menschen entsteht, die sich den Eintritt nicht leisten können. Zumindest hört man wenig darüber, welche neuen Jobs denn nun genau an die Stelle der ausrangierten treten sollen. Der Bedarf an Prompt-Ingenieuren und Mensch-Maschinen-Koordinatoren dürfte überschaubar sein. Man kann verstehen, dass sich die Studenten die hohlen Phrasen nicht mehr bieten lassen. Die Redner sollten ihnen lieber erklären, wozu man sie in Zukunft noch braucht.
