FAZ 12.01.2026
17:46 Uhr

„Ku'Damm 77“ im ZDF: Für die Schöllacks hat es sich ausgetanzt


Die „Ku’Damm“-Filme im ZDF begannen einst mit großem Aplomb. Der abschließende Dreiteiler, im „Deutschen Herbst“ 1977 angesiedelt, gerät leider zum Fiasko.

„Ku'Damm 77“ im ZDF: Für die Schöllacks hat es sich ausgetanzt

Als im März 2016 „Ku’damm 56“ als „Event-Dreiteiler“ im ZDF Premiere hatte, konnte man von einem Meilenstein sprechen. Es gelang, Zeitgeschichte der Fünfzigerjahre nicht nur inhaltlich, sondern auch ästhetisch-fiktional glaubwürdig zu machen. Die Idee der Drehbuchautorin Annette Hess, einen Westberliner Geschäftshaushalt in den Mittelpunkt zu stellen, erwies sich als tragfähig. Die Tanzschule „Galant“ am Kurfürstendamm war Zentrum des Geschehens. Der Ort, an dem Tradition („Sitte und Anstand“) ebenso wie der Trend gepflegt wurden. Man sah die Dynamik des Mentalitätswandels. Gesellschaftstanz wurde zum Ausdruck der Bewegung der Zeit. Das überzeugte, wie die Tanzszenen selbst. Vom Anstandstraining mit Herren in Anzügen wollte die rebellische Tochter Mo­nika (Sonja Gehrhardt) nichts wissen, sie tanzte Rock ’n’ Roll mit Freddy (Trystan Pütter). Rock ’n’ Roll stand für getanzten Sex, war ein unanständiger Ausdruck der Emanzipation, wie die Matriarchin Cate­rina Schöllack (Claudia Michelsen) meinte. Fassade, Haltung und Dünnsein gingen dieser Dame auch in den Nachfolge-Mehrteilern „Ku’damm 59“ und „Ku’damm 63“ über alles. Dass sie dabei alles verdrängte, was nicht zum Wiederaufbauwillen passte, machte die Figur aus. Ein misslungener Einfall und seine Folgen Nun hat sich Annette Hess, die auch die Serien-Neufassung von „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ (2021 für Amazon Prime) in ihrem Portfolio hat, für einen großen Zeitsprung entschieden. Wir schreiben den Herbst 1977. Den sogenannten Deutschen Herbst mit dem linken Terror der RAF, der Ermordung von Jürgen Ponto und Hanns Martin Schleyer. Elvis stirbt im August, und Disco kommt groß in Mode, Punk ist Avantgarde. Donna Summer singt „I feel Love“, aber Fleetwood Mac („Go Your Own Way“) steht höher in der Gunst der wie immer extensiven Playlist. Doch was das Interessante der „Ku’damm“-Filme ausmachte, ist nun Vergangenheit. Zeitgeschichte wird als Themenrevue im Schnelldurchlauf oberflächlich abgehandelt, etwa als Nachricht im Radio. Annette Hess rauscht durch die definierenden Ereignisse, unzählige Probleme und Wandlungen ihrer Figuren und der Zeit. Vor allem aber setzt sie auf den misslungenen Einfall, die Geschichte der Familie Schöllack mithilfe eines Film-im-Film-Konzepts gleichzeitig auf eine Metaebene zu heben und zu einem emotionalen Ende zu führen. Neu ist eine Rahmenhandlung, in der Linda Müller (Massiamy Diaby), eine junge schwarze Reporterin des Senders Freies Berlin (SFB), mit ihrer Kamera Einzug hält in Betrieb und Leben der Familie Schöllack. Einer Familie, die nun aus den Frauen dreier Generationen besteht. Die Männer sind tot, oder Versager und Frauenschläger oder leben unter falscher Identität ein falsches Leben. Bis auf Helga Schöllacks schwulen Mann Wolfgang Boost (August Wittgenstein), der als Anwalt nach Ostberlin gezogen ist, nun aber ins Visier der Stasi gerät. Ihre Tochter Friederike (Marie Louise Albertine Becker) will als erste Frau bei der Berliner Polizei gleich die friedliche Deeskalation der Stimmung auf den Straßen einführen. Als hätte Annette Hess genug gehabt von ihr Während die trockene Alkoholikerin Helga mit dem Zahnarzt Hannes (Florian Stetter) einen neuen Partner kennenlernt, der sie bald kontrolliert und einsperrt, kommt die jüngste der drei Töchter Cate­rinas, Eva (Emilia Schüle), aus dem Gefängnis frei. Zehn Jahre zusätzlich hat sie gesessen, weil sie einen Schließer umbrachte, der Verurteilte vergewaltigt hatte. Bei Caterina tauchen Vertreter der Jewish Claims Conference auf, und es stellt sich heraus, dass die Tanzschule einst Julius Krohn gehörte, dessen Familie enteignet und dann ermordet wurde. Alles ging legal zu, meint Caterina, schließlich habe man einen Kaufvertrag (und eine Reichsmark bezahlt). Die Familie sei in Mauthausen vergast worden? „Wo haben Sie denn diese Gräuelmärchen her? Es gab manche, die Pech gehabt haben“, sagt sie. In früheren Folgen war Caterina Schöllack eine schillernde Figur, in „Ku’damm 77“ ist sie eine lupenreine Rassistin. Wie Linda Müller bezeugen könnte. Ungeschützt äußern sich alle vor ihrer Linse, geben Intimes preis und wundern sich bisweilen, dass Linda Müller so viel über die Schöllacks weiß. Während die Zuschauer sich schnell nicht mehr wundern. Monika hat sich nach dem Unfalltod von Freddy ganz dem Tanztraining ihrer Tochter Dorli (Carlotta Bähre) verschrieben, die dem Erfolgsdruck nicht standhält und wie in einer aus „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ übrig gebliebene Szene mit Überdosis auf der Toilette einer Diskothek gefunden wird. Themen, Nebenhandlungen werden angerissen, mitgeschleppt und fallen gelassen. Mit dem Beiruter Sharif (Aziz Diab) lernt Monika einen vor dem Bürgerkrieg im Libanon geflohenen Mann kennen; mit dem Wiedergänger ihrer großen Liebe Joachim (Sabin Tambrea) arbeitet sie ein weiteres Mal deutsche Kriegstraumata auf. Der Tanz spielt kaum noch eine Rolle. Dass der „Playboy“ Rolf Eden aus der Tanzschule einen Sündenpfuhl machen will, ist eine Pointe am Rande. Tanzen, besonders als Leistungssport, ist nun höchst verdächtig und gehört am Ende bloß noch zur Übermenschenideologie der ihrerseits repressiv erzogenen Cate­rina Schöllack. Von der der Lack endgültig ab ist, als hätte Annette Hess genug gehabt von der Frau, die sie einst als komplexe, glamourös-verlogene Nachkriegsrepräsentantin erfunden hat. Ku’damm 77 läuft am 12., 13. und 14. Januar um 20.15 Uhr im ZDF und in sechs Folgen à 45 Minuten im ZDF Stream.