Es ist kurz vor zwölf Uhr, als er im Gerichtssaal sitzt: der Mann, dessen Name schon seit Monaten immer wieder in Saal 237 fällt. Graues Haar, Anzug, weißes Hemd, keine Krawatte. David B. sagt als Zeuge im Prozess gegen Christina Block aus, an seiner Seite ein deutscher und ein israelischer Anwalt. Wegen B. wurden die Sicherheitsvorkehrungen am Landgericht Hamburg verschärft, Zuschauer und Journalisten müssen durch eine doppelte Kontrolle. Eine Dolmetscherin übersetzt seine kurzen Sätze, er spricht auf Englisch, ganz ruhig. B. wirkt völlig unbeeindruckt von den rund 120 Leuten, die den Prozess im Zuschauerraum verfolgen, von den vielen Interessierten, die an diesem Tag nicht mehr in den Saal gepasst haben und draußen warten. Er wirkt unbeeindruckt von den sieben Angeklagten und ihren Verteidigern, von der Kammer, der Nebenklage, den beiden Staatsanwälten, von den Schlagzeilen, die seine Person seit Wochen hervorruft. Ermittler suchten mit internationalem Haftbefehl nach David B. David B. ist der mutmaßliche Kopf der Entführer, die in der Silvesternacht 2023/2024 zwei der Kinder von Christina Block aus Dänemark gewaltsam aus der Obhut des Vaters, Stephan Hensel, rissen und auf einen Hof bei Pforzheim brachten. Block bestreitet, diese Entführung in Auftrag gegeben zu haben, sie bestreitet, von ihr gewusst und dafür Pläne gemacht zu haben. Sie sagt: David B. und seine Firma Cyber Cupula waren nur engagiert, um die Cybersicherheit des Hotels zu überprüfen. Von der Entführung der Kinder sei auch sie überrascht gewesen. B.s Version der Ereignisse klingt anders. David B. ist 68 Jahre alt und lebt in Israel. Vor Gericht gibt er an, in Brüssel geboren zu sein, später in Paris studiert und danach in Israel mehr als ein Jahrzehnt lang „meinem Land gedient“ zu haben. Später habe er Hightech-Unternehmen gegründet. Die Staatsanwaltschaft ermittelt auch gegen David B. selbst – allerdings in einem Verfahren unabhängig vom schon laufenden Prozess, weil er zunächst untergetaucht war und erst im September Kontakt mit den deutschen Strafverfolgungsbehörden aufnahm. Die suchten mit internationalem Haftbefehl nach ihm – derzeit ist er ausgesetzt. Im Gegenzug sagte B. im November gegenüber den Hamburger Ermittlern aus. Gewalt sollte nich angewandt werden David B. hat also eine Doppelrolle: Er ist Beschuldigter und Zeuge zugleich. Während er als Beschuldigter in diesem Verfahren theoretisch lügen darf, ist er als Zeuge in dem schon laufenden Prozess dazu verpflichtet, die Wahrheit zu sagen; sich selbst belasten muss er aber nicht. David B. sagt am Mittwoch, der Kontakt zu Christina Block sei um die Jahreswende 2022/2023 zustande gekommen. Die Familie Block, die er zuvor nicht gekannt habe, habe ihn damit beauftragt, Informationen über die Kinder, die seit August 2021 beim Vater lebten, für ein schon laufendes familienrechtlichen Verfahren einzuholen. Er habe dafür eine Vorauszahlung bekommen: 150.000 Euro in bar. Christina Block habe er im Kampf um ihre Kinder als verzweifelt erlebt. Das Vorgehen habe einen weiteren Schritt vorgesehen: Sollten sie herausfinden, dass sich die Kinder beim Vater in Gefahr befinden, habe es einen Plan gegeben, „wie man sie sicher und ohne Gefahr zurückbringen könnte“. Er wolle betonen, sagt David B., dass in diesem Plan fettgedruckt gestanden habe: Gewalt werde nicht angewandt. Haus mit Drohnen beschattet Gearbeitet hätten sie in einer Etage des Büros des ebenfalls im Verfahren angeklagten Anwalts der Familie Block, Andreas C. David B. bezeichnet es als „Hauptquartier“. Zwei Mal habe er auch den Vater der Angeklagten, Eugen Block, getroffen, den C. stets den „Patriarchen“ genannt habe. Das Team habe das Haus in Dänemark, in dem die Kinder lebten, mit Kameras beschattet. Im Sommer hätten sie auch Drohnen darüber geflogen. Block habe sich angesichts der Erkenntnisse seiner Arbeit „sehr schlecht“ gefühlt: Es habe gewirkt, als lebten die Kinder „in einem Gefängnis“, sie seien nicht viel rausgegangen und hätten auch kaum Freunde empfangen. Am Donnerstag soll David B. weiter aussagen Stephan Hensel hatte die Kinder im Sommer 2021 nicht wie vereinbart zur Mutter zurückgebracht, wo sie bis dahin lebten. Er und seine jetzige Frau sind deshalb wegen Kindesentziehung angeklagt, das Verfahren, bei der gleichen Kammer anhängig, wurde noch nicht eröffnet. Am Donnerstag soll David B. weiter aussagen. Ebenfalls geladen ist er nächste Woche für die beiden letzten Prozesstage des Jahres. Für den Prozess sind Termine bis Juni 2026 anberaumt. Am Mittwochmorgen hatten die Prozessbeteiligten eine Stunde darüber diskutiert, ob es überhaupt angemessen sei, B. zu vernehmen. Mehrere Verteidiger bemängelten, dass sich nicht ausreichend Zeit zur Vorbereitung auf seine Aussage gehabt hätten, weil ihnen das Landeskriminalamt Audiodateien erst wenige Tage zuvor zugänglich gemacht habe. Teils forderten sie, das Verfahren auszusetzen. Die Kammer lehnte die Anträge ab, teils mit der Begründung, dass David B. für mehrere Tage geladen sei und Nachfragen stets gestellt werden könnten. Auch eine abermalige Ladung des Zeugen sei möglich.
