Die Kronberg Academy ist schuldenfrei, jedenfalls nach Fertigstellung ihres ersten Bauabschnitts. Raimund Trenkler, ihr Gründer und Intendant, nennt das erleichtert und stolz einen „Einschnitt in der Geschichte der Institution“, als wir uns in seinem Büro unterhalten. Von Haus aus Cellist, hatte er 1993 die fast vollständig privat finanzierte Hochschule für hochbegabte Streicher gegründet und dann den Plan gefasst, in Kronberg im Taunus, 20 S-Bahn-Minuten nordwestlich von Frankfurt am Main, einen Musikcampus bauen zu lassen: Unterrichts- und Büroräume mit einem Konzertsaal für Kammermusik, das Casals Forum, benannt nach dem Cellisten Pablo Casals. Alles zusammen hat etwa 75 Millionen Euro gekostet. Die Eröffnung war am 23. September 2022. Die Begeisterung über die gelungene Architektur, vor allem die exzellente Akustik, die den Saal zu einem der besten der Welt macht, ist bis heute groß, aber die nötigen Kredite konnten erst jetzt getilgt werden, obwohl die Finanzierung durch öffentliche und private Geldgeber gut überlegt war. Warum hat das noch einmal dreieinhalb Jahre gedauert? Und warum waren diese Kredite überhaupt nötig? „Gute Frage“, sagt Trenkler, und seine ausführliche Antwort führt tief in Probleme von Kulturbauten mit öffentlicher Unterstützung, die das ganze Land beschäftigen, die ihm selbst aber vorher überhaupt nicht klar waren. Die Kredite wurden nötig, um die Wartezeit bis zum Eingang bereits zugesagter öffentlicher Mittel zu überbrücken, an deren Zahlung die Überweisung privater Mittel im Sinne einer Public-private-Partnership geknüpft war. Die Finanzierungsinitiative war von privaten Förderern aus dem Rhein-Main-Gebiet, aus München, Hamburg, New York, London, Zürich und Tokio ausgegangen unter der Bedingung, dass auch die öffentliche Hand – im Wesentlichen das Land Hessen und der Bund – einsteige. Nun kommt das große Aber: Bei der öffentlichen Hand seien Finanzierungszusagen nicht gleichbedeutend mit Geldüberweisungen, sagt Trenkler. Die öffentliche Förderung sei ein langwieriger Prozess: „Erst die politische Zusage, dann ein zweistufiger Prüfungsprozess, begleitet durch die Oberfinanzdirektion. Das lange Warten, bis schließlich der Zuwendungsbescheid vorlag und die Gelder überwiesen wurden, hat bei uns trotz der vorherigen politischen Zusagen selbstverständlich für Nervosität gesorgt. Das ist aber wohl ein ganz normaler Ablauf – auch bei anderen öffentlich geförderten Bauten.“ Aus dem eigenen Veranstaltungsbetrieb im neuen Konzertsaal konnten die Baukredite nicht getilgt werden: „Wenn man Konzerte veranstaltet, erwirtschaften diese keinen Profit. Man kann froh sein, wenn es annähernd zu einer Kostendeckung kommt. In der Regel bedarf es zusätzlicher Mittel. Bei den großen Häusern werden 50 bis 90 Prozent der Kosten durch öffentliche Gelder subventioniert. Unseren Saal zu betreiben, ist eine Herausforderung, die im Vorfeld auch einmal zu großen Sorgen geführt hat. Wir können heute, nach dreieinhalb Jahren, sagen, dass wir diesen Betrieb bewältigen – und zwar in einer Vollkostenrechnung, die bei allen Veranstaltungen die Kosten für den Gebäudebetrieb mit einrechnet.“ Bei Kooperationen mit den Frankfurter Bachkonzerten teile man sich die Kosten partnerschaftlich; das Bridges Kammerorchester, das Musiker unterschiedlicher Kulturen und Musizierstile vereint, bekomme den Saal zu Sonderkonditionen, weil man es als Residenzorchester in Kronberg verankern wolle, ähnlich wie das Chamber Orchestra of Europe. Für das Ensemble Modern, so teilt dessen Geschäftsführer Christian Fausch mit, seien jedes Mal zusätzliche Fördermittel nötig, damit es im Casals Forum gastieren könne; zudem bedürfe es ausdauernder Arbeit, um den Saal beim Publikum als Ort für neue Musik zu etablieren. Bislang war das Ensemble Modern zweimal als Eigenveranstalter im Casals Forum zu Gast. Doch zu 80 Prozent, so Trenkler, solle der Saal ohnehin der Kronberg Academy dienen, hochbegabte Streicher durch Unterricht und Konzerte zu Künstlerpersönlichkeiten heranzubilden. Der Betrieb der Kronberg Academy sei heute zu mehr als 90 Prozent privat finanziert. Trenkler legt Wert auf Freiheit und Unabhängigkeit: „Ich hatte einmal, vor vielen Jahren, den früheren hessischen Ministerpräsidenten Roland Koch im vertraulichen Gespräch gefragt, ob es nach all unseren Leistungen nicht an der Zeit wäre, dass die öffentliche Hand in Kronberg in größerem Stil einsteige, und er antwortete mit nur einem Satz: ‚Wollen Sie das wirklich?‘ Das gab mir sehr zu denken.“ Doch Trenkler fügt hinzu, dass er mit seinen öffentlichen Geldgebern im besten Einvernehmen stehe und dass er vor allem dem früheren Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble bis heute dankbar sei, weil dessen persönliches Engagement den Anstoß für die Bauförderung des Bundes gab. Dass Schäuble nur drei Monate vor seinem Tod, trotz schwerer Krankheit, die Kraft aufbot, das fertige Casals Forum zu besuchen, bewege ihn noch immer, sagt Trenkler. Die politische Einflussnahme der öffentlichen Hand, bedingt durch die Rechenschaftspflicht gegenüber den Steuerzahlern, beginne allerdings schon bei der Evaluierung zuwendungsfähiger Kosten: „In jeder Phase des Bauens muss jeder Auftrag europaweit ausgeschrieben werden. Es kommt ein Schlüsselgewerk, an dem zehn andere Gewerke dranhängen. Plötzlich arbeitet dieses Schlüsselgewerk fehlerhaft oder geht in die Insolvenz. Dadurch können zehn andere Unternehmen ihre Arbeit nicht aufnehmen oder fortsetzen, was zu einer erheblichen Verzögerung führt, die eine Kostensteigerung nach sich zieht.“ Trenkler hält wenig von der geltenden Regel, den jeweils billigsten Anbieter beauftragen zu müssen, weil es sich bei den Billigsten meistens um Firmen kurz vor der Insolvenz handele oder um solche, die durch Nachforderungen die Preisdifferenz zu den Unterbotenen später wieder ausgleichen würden. Die Schweizer Regel, wonach bei Ausschreibungen sowohl der Teuerste wie der Billigste von vornherein ausscheiden, erscheint ihm sinnvoller. „Wenn Sie nach einer Insolvenz daran gebunden sind, dieses Schlüsselgewerk wieder neu europaweit auszuschreiben, was wiederum drei bis sechs Monate dauert, kann man sich vorstellen, was solch eine Bedingung an Folgen für Zeit und Geld nach sich zieht. Jeder weiß das, niemand bestreitet das in den Ämtern von Wiesbaden bis Berlin: Bereits die Unterstützung eines Baues durch öffentliche Mittel bedeutet Mehrkosten von mindestens 20 Prozent und Verlängerung der Fertigstellung! Genau das ist nicht im Sinne des Steuerzahlers.“ Jetzt nimmt die Kronberg Academy einen zweiten Bauabschnitt in Angriff: ein Studentenwohnheim, die „Casa Casals“, mit 20 Zimmern und einem Bistro soll noch entstehen sowie ein sogenanntes Living Lab für das neu gegründete Kronberg Institute for Music and Health: ein Konzertsaal für 88 Besucher, der wissenschaftliche Erhebungen physiologischer und neurologischer Daten beim Musikhören ermöglicht, um den Einfluss von Musik bei Erkrankungen wie Demenz und Depression zu erforschen. „Die Kronberg Academy Stiftung ermöglicht dieses Institut, indem sie es als Treuhandstiftung mitverwaltet und ihm neue Räume im Casals Forum zur Verfügung stellt“, erklärt Trenkler. Experten aus den Neurowissenschaften, der Musikmedizin, Musiktherapie und Musikpsychologie werden hier gemeinsam mit den Studenten der Akademie und gastierenden Künstlern erkunden, inwieweit Musik bei neurologischen Erkrankungen der Therapie oder gar der Heilung dienlich sein könne. „Beide Bauten wollen wir kurzfristig umsetzen, das heißt: noch dieses Jahr mit dem Bau beginnen. Die Fertigstellung des Living Lab ist für Mitte 2028 geplant. Dadurch, dass wir privat bauen, ist das zu schaffen. Die Baukosten für beide Gebäude zusammen liegen bei etwa 25 Millionen Euro. Das Architekturbüro blfp Friedberg wird die Ausführung übernehmen“, sagt Trenkler. Einen neuen Architektenwettbewerb wird es nicht geben. „Der erste Ergänzungsbau ist aufgrund der großzügigen Spende einer hessischen Unternehmerfamilie durchfinanziert. Für den letzten Teil, die Casa Casals, suchen wir noch Persönlichkeiten, die sich engagieren möchten, diesen außergewöhnlichen Campus zu vollenden, auf dem man wohnen, studieren, forschen kann. Man kann wohl sagen, das ist etwas Einzigartiges.“ Im Osten Deutschlands unvorstellbar In Heidelberg ließ gerade der Unternehmer Wolfgang Marguerre für 57 Millionen Euro ohne öffentliche Hilfe die Stadthalle zum modernen Konzertsaal ertüchtigen. Thorsten Schmidt, Intendant des Heidelberger Frühling Musikfestivals, möchte in der Nähe des Hauptbahnhofs noch ein Zentrum für die festivaleigene Akademie bauen lassen. Zusagen für die dafür nötigen 16 Millionen Euro gibt es offenbar schon – alles privates Geld, von dem Kulturunternehmer in der Uckermark oder der Magdeburger Börde nur träumen können. Die wirtschaftliche Ungleichheit in unserem Land, die sich nach mehr als 30 Jahren Wiedervereinigung weiter verschärft, setzt sich im kulturellen Leben fort. Trenkler betont auch, dass ein Erfolg wie jener der Kronberg Academy sich nicht ohne Weiteres auf andere Kulturinstitutionen übertragen ließe. Ein Haus wie die Oper Frankfurt sei auf diesem Wege nicht zu finanzieren und bedürfe unbedingt der öffentlichen Förderung. Aber: „Die öffentliche Hand müsste private Finanziers stärker umwerben und ihnen dabei auch bieten, was sie ihnen bieten kann: öffentliche Wahrnehmung. Da sehe ich die Zukunft für größere Kulturbauten. Ich weiß nicht, wie wir sonst aus der Überschuldungsspirale unseres Landes herauskommen können.“ Verschärft wird diese finanzielle Not natürlich noch durch den Legitimationsdruck auf die Politik, Formen von Kultur zu fördern, die nur von maximal 20, in der Regel nur sieben bis zehn Prozent der Bevölkerung geschätzt wird. Wie kann Trenkler die Kronberg Academy langfristig absichern, wenn beispielsweise eine Hauptförderin, die Crespo-Stiftung, als Verbrauchsstiftung konzipiert ist und deren Mittel in 14 Jahren aufgebraucht sein werden? Trenkler will das jährliche Einsammeln von Spenden, das sich bewährt habe, ergänzen um den Aufbau eines „Endowments, also eines Zukunftsfonds, dessen Erträge einen Teil der laufenden Kosten werden tragen können“. In Konkurrenz zum Frankfurter Städel, das ganz ähnliche Finanzierungspläne verfolgt, sieht Trenkler die Kronberg Academy dabei nicht, schon allein deshalb, weil ihr Förderkreis international und transkontinental, also keineswegs auf das Rhein-Main-Gebiet beschränkt ist. „Wir erwarten und hoffen“, deutet Trenkler an, „dass der Kronberg Academy über unser internationales Fördernetzwerk vielleicht auch einmal Stiftungen und Vermächtnisse zufließen. Die 100 Millionen Euro, die Philipp Demandt fürs Städel anpeilt, bewegen sich in einer Größenordnung, die auch wir anstreben.“
