Wenn ein nachdenklicher Mensch wie Juri Knorr solche Worte wählt, sind sie zum einen wohlgesetzt und zum anderen Ausweis dafür, dass er tatsächlich kochte – auch wenn man das seinem Gesicht nicht ansah: „Natürlich brodelt es in einem, wenn man da draußen sitzt und nicht helfen kann.“ Knorr, 25 Jahre alt, hatte eine starke erste Halbzeit gespielt, am Ende fünf Tore aus acht Versuchen erzielt, war mutig, frisch, wirkte dem Druck gewachsen. Dann ließ ihn Bundestrainer Alfred Gíslason aber weite Strecken der zweiten Halbzeit zuschauen, wie sich die deutsche Handball-Nationalmannschaft in eine missliche Lage bugsierte. Juri Knorr übt deutliche Kritik an Alfred Gíslason Nach dem 27:30 (17:13) gegen Serbien am Samstagabend muss Spanien am Montagabend (20.30 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Handball-EM, im ZDF und bei DYN) mit wenigstens drei Toren Unterschied bezwungen werden. Misslingt das, wäre die Europameisterschaft in Dänemark, Schweden und Norwegen für die Auswahl des Deutschen Handballbundes (DHB) schon nach der Vorrunde beendet. Er habe Angst und Negativität wahrgenommen, sagte Spielmacher Knorr darüber hinaus, und: „Wir werden es nicht alleine schaffen. Wir werden es nicht schaffen, wenn einige Leute 60 Minuten durchspielen.“ Das war keine Spitze, das war deutliche Kritik an Gíslason – so deutlich, wie sie in seinen fünf Jahren als Chefcoach niemand zuvor öffentlich äußerte. Gíslason begründete Knorrs geringe Spielzeit später mit Abwehr-Angriffwechseln. Die Abwehrqualitäten Julian Kösters, den er Knorr vorgezogen hatte, sind bekannt. Vorn allerdings wechselten sich bei Köster Licht und Schatten ab (zwei Tore aus fünf Versuchen). Tatsächlich reihte der erfahrene Isländer in dieser zweiten Vorrundenpartie eine Reihe fataler Fehlentscheidungen aneinander. Sicher, trotz dieser hätten es seine Spieler besser machen können. Doch statt Hilfe von der Bank kam diesmal Ballast – in der krassesten Form zwei Minuten vor dem Ende, als Knorr gerade das 26:26 geworfen hatte, ihm der Auszeit-Buzzer aber dazwischenkam, gedrückt vom Trainer: „Das geht leider auf meine Kappe“, sagte Gíslason. Nach dem Videobeweis entschieden die ungarischen Schiedsrichter auf „kein Tor“. Diese Szene war sinnbildlich für eine missratene zweite Halbzeit; die Deutschen verloren sie gegen eine ballsichere serbische Mannschaft mit 10:17, die sich auf ihren Spielmacher Lazar Kukic (Szeged), die erfahrenen Kreisläufer Dragan Pechmalbec (Veszprem) und Mijajlo Marsenic und Torwart Dejan Milosavljev (beide Berlin) verlassen konnten. Sie sind in vielen Champions-League-Partien gestählt, während das deutsche Spiel ohne Knorr holperte und stolperte: zu frühe Abschlüsse, Stürmerfouls, allgemeine Hektik. „Wir haben vorn unsere Linie verloren“, sagte der Hannoveraner Renars Uscins (sechs Tore aus zwölf Versuchen). Das lag auch an ihm – und an Gíslason, der seinen diesmal guten Gespannpartner Franz Semper nach starken Minuten wieder draußen ließ. In diesem Herninger Samstagabend-Krimi versuchte Gíslason, die Breite seines Kaders zu nutzen und alle ins Turnier zu bringen, auch Torwart David Späth und Linksaußen Rune Dahmke. Als das Momentum Mitte der zweiten Halbzeit zu den Serben wechselte, saßen jedoch beide wieder auf der Bank. Gíslason probierte auch Marko Grgic aus. Doch der Emporkömmling aus Flensburg braucht Vertrauen. Er ist kein Joker. Das Unheil nahm seinen Lauf, als die Deutschen nach überzeugenden 30 Minuten verpassten, bei Ballbesitz mehr aus der 17:13-Halbzeitführung zu machen. Im ersten Durchgang hatte Miro Schluroff Energie, Aggressivität und Tore eingebracht (letztlich sechs Treffer bei sieben Versuchen). Doch zum Start des zweiten Durchgangs vergaben Uscins, Köster, Dahmke. Es war atemraubend ungeschickt, wie die deutsche Mannschaft Serbien zurück ins Spiel holte: Nach 42 Minuten stand es 20:20. Jeder weiß, dass die Handballprofis vom Balkan gut ausgebildet sind, technisch vollwertig. Aber jede und jeder weiß auch, dass die Serben es gern laufen lassen, wenn der Rückstand aussichtslos wird. Diesen Stoß verpassten die Deutschen – und boten in den Schlusssekunden Anschauungsunterricht, wie man es nicht macht. Zwar hatte Gíslason in der serbischen Auszeit 13 Sekunden vor Schluss daran erinnert, dass jedes Tor zähle. Aber in offener Manndeckung lief sein Team zwei Sekunden vor dem Ende ins womöglich fatale 30. Gegentor, statt hinten geordnet zu decken und die Niederlage bei 27:29 zu halten: So aber würde sie trotz eines maßgeschneiderten Sieges über Spanien mit null Punkten in die Hauptrunde gehen, sollte Serbien zuvor erwartungsgemäß die sieglosen Österreicher bezwungen haben. Eine Konstellation, die zumindest Kapitän Johannes Golla 20 Minuten nach der Schlusssirene in der Interviewzone fremd war: „Serbien war vorn und hinten stark. An solch einem Tag ohne unser Optimum ist solch eine Niederlage die logische Konsequenz. Wir fallen nicht aus allen Wolken, denn es ist nur das eingetreten, was wir vorher ausgesprochen haben – dass wir in der Vorrunde verlieren können. Das war heute nicht gut. Aber die Welt geht nicht unter. Wir müssen Spanien schlagen.“ Golla ging davon aus, dass ein Sieg reichen würde. Das passte ins Bild dieses schlimmen deutschen Auftritts vor mehr als 9000 erwartungsfrohen und auch hinterher positiven Menschen; der größten Kulisse, die die „Jyske Bank Boxen“ je ohne dänische Teilnahme im Handball erlebt hat.
