Wenn gar nichts anderes mehr geht im Wahlkampf, gibt es immer noch die Charakterprobe, die Stunde der Moralapostel und Tugendwächter. Gibt es irgendwo einen Fettnapf? War der Kandidat in seinem Leben schon einmal sexistisch? Gibt es einen heuchlerischen Ausrutscher? War er (oder sie) gar rassistisch? Manuel Hagel, CDU-Spitzenkandidat in Baden-Württemberg, hat vor acht Jahren auf recht pubertäre Weise von Schülerinnen geschwärmt, die er gerade in einer Schule getroffen hatte. Ein sexistisches Vergehen, für das er sich entschuldigen sollte? Andreas Stoch, SPD-Spitzenkandidat, wollte nach dem Besuch einer „Tafel“ seinen Fahrer eine Pastete kaufen lassen. Ein Vergehen? Stoch hat sich entschuldigt. Für was eigentlich? Eine fast übermenschliche Sache Über Cem Özdemir, Spitzenkandidat der Grünen, ließe sich sicher auch etwas finden, was der schwäbischen Ehrbarkeit widerstrebt. Tugendhaft zu sein, ist zwischen Korntal und Tübingen eine fast schon übermenschliche Sache. Die Kulturgeschichte hat da offenbar selbst in der linkesten Seele ihre Spuren hinterlassen. Die Ironie der Geschichte ist, dass dadurch den Grünen und manch rechtsradikaler Partei der Aufstieg erleichtert wurde. Moralischer Rigorismus begünstigt eben die Drift nach links wie nach rechts. Dass dabei gerne an andere Maßstäbe angelegt werden, die für einen selbst nicht gelten, sieht man täglich an der AfD.
