FAZ 28.11.2025
12:46 Uhr

Kritik an Gesellschaftswissenschaften: „Die Zeitenwende ist an Frankfurt vorbeigegangen“


Einst prägten Adorno, Horkheimer und Habermas intellektuelle Debatten. In den aktuellen Diskussionen über Sicherheit und Strategie ist von Frankfurter Forschern wenig zu hören. Woran liegt das?

Kritik an Gesellschaftswissenschaften: „Die Zeitenwende ist an Frankfurt vorbeigegangen“

Für Wilhelm Hennis waren Politologen wie Hausärzte: Sie befragten, schrieb er 1998, das politische Gemeinwesen „immer wieder auf seinen Status, seine Konstitution, seine Verfassung im weiteren Sinn“. Hennis, eine Koryphäe der deutschen Politologie, verstand sein Fach als „praktische Wissenschaft“. Die Zeitenwende stellt das auf die Probe. Seit Beginn des russischen Großangriffs auf die Ukraine 2022 ist klar: Deutschland muss sicherheitspolitisch erwachsen werden. Das hat auch Folgen für die Universitäten. Besonders die einst ruhmreichen Frankfurter Gesellschaftswissenschaften ringen mit der neuen Herausforderung. Sind sie, um in Hennis’ Bild zu bleiben, noch in der Lage, relevante Befunde zu erheben, vielleicht sogar im Sinne des Gemeinwohls therapeutisch zu wirken? Horkheimer und Adorno konnten „eine öffentliche Wucht“ entwickeln In der alten Bundesrepublik war Frankfurt ein Zentrum der Zeitdiagnostik: Dort wirkte in den Sechzigerjahren die Frankfurter Schule mit ihrer Kritischen Theorie und maßgeblichen Intellektuellen wie Max Horkheimer und Theodor W. Adorno, später Jürgen Habermas und Oskar Negt. Sie prägten Debatten und formten den Zeitgeist der Achtundsechzigerbewegung mit: antiautoritär und machtkritisch, emanzipatorisch und aufklärerisch. Mit Blick auf diese Hochzeiten stellt der Politikwissenschaftler Gunther Hellmann von der Goethe-Universität fest: „Die Frankfurter Schule hat in vielerlei Hinsicht nicht mehr die Prominenz, die sie früher mal hatte.“ Herfried Münkler sieht das ähnlich: Horkheimer und Adorno hätten die Fähigkeit gehabt, „eine öffentliche Wucht“ zu entwickeln. „Die gibt es nicht mehr“, sagt der 74 Jahre alte Politologe. Münkler kennt die Goethe-Universität gut: Er hat dort studiert, wurde bei Iring Fetscher promoviert und hat als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Fachbereich Gesellschaftswissenschaften gearbeitet. Inzwischen ist Münkler einer der einflussreichsten Politologen der Republik. Er hat Kanzler beraten und Bestseller geschrieben. Was ist mit dem Institut für Sozialforschung? Außer dem Uni-Fachbereich widmet sich in Frankfurt das 1923 gegründete Institut für Sozialforschung den Gesellschaftswissenschaften. Seit 2021 wird es von dem Soziologen Stephan Lessenich geleitet. Münkler hält ihn für einen „tüchtigen Organisator“. Gleichwohl, sagt er, sei das Institut für Sozialforschung „in der öffentlichen Debatte zu wenig sichtbar“. Unter Lessenichs Vorgänger Axel Honneth sei das anders gewesen. Es gehe darum, sich zu den großen Fragen der Sozialforschung und deren politischer Relevanz zu positionieren: Verteidigung der Demokratie, Probleme der operativen Politik, Umbau des Sozialstaats. Politologieprofessor Hellmann möchte mit seinem Urteil über andere Fächer vorsichtig bleiben. Lessenich sei ein renommierter und „sehr aktiver“ Soziologe. Er bearbeite andere Felder als der Philosoph Honneth. Lessenich sei in praktischen Fragen der Soziologie sogar präsenter als dieser, meint Hellmann: „Er wird in gehobenen Intellektuellenmilieus und aktivistischen Kreisen mit seinen Büchern wahrgenommen.“ So veröffentlichte Lessenich im Jahr 2022 das Buch „Nicht mehr normal – Gesellschaft am Rande des Nervenzusammenbruchs“. Darin zeichnet er das Bild einer Gesellschaft, die im permanenten Krisenmodus verharre: Auf Finanz- und Migrationskrise folgten Pandemie und Ukrainekrieg; zudem verschärft sich die Klimakrise. Zu den Themen Aufrüstung, Wehrdienst, Cybersicherheit oder dem bundesrepublikanischen Pazifismus, der unter Rechtfertigungsdruck steht, war aus dem Institut für Sozialforschung zuletzt allerdings wenig zu vernehmen – Lessenich wollte sich auf F.A.Z.-Anfrage hierzu nicht kurzfristig äußern. Überhaupt bleiben die Frankfurter Gesellschaftswissenschaften auf diesen Gebieten erstaunlich blass. Und das, obwohl mehr als 6000 Studenten in diesem Fachbereich der Goethe-Universität eingeschrieben sind und er in internationalen Rankings gut abschneidet. Besonders wenn es um Sicherheits- und Verteidigungspolitik geht, finden in Deutschland inzwischen andere Institutionen Gehör: etwa der Potsdamer Lehrstuhl für Militärgeschichte und sein Inhaber Sönke Neitzel, die Universität der Bundeswehr in München, an welcher der Politologe Carlo Masala lehrt, das Center for Advanced Security, Strategic and Integration Studies in Bonn und das Institut für Sicherheitspolitik der Universität Kiel. Politikwissenschaft habe sich zu sehr auf Habermas eingelassen Für Herfried Münkler ist klar: „Die Zeitenwende ist an Frankfurt irgendwie vorbeigegangen. Die Frankfurter Politikwissenschaft spielt sowohl im fachlichen als auch im öffentlichen Diskurs keine führende Rolle mehr. Das hat sie früher getan, aber das ist vorbei.“ Seiner Ansicht nach hat sich die Politikwissenschaft „viel zu sehr auf die Vorgaben vonseiten des Philosophischen Instituts, also letzten Endes auf Jürgen Habermas, eingelassen“, erklärt er. Die Demokratietheorie habe „Fußnoten zu Habermas“ produziert. Münkler denkt etwa an das Exzellenzcluster „Normative Ordnungen“, das von 2007 bis 2019 gefördert wurde. Daraus ist das Forschungszentrum „Normative Orders“ hervorgegangen. Mit dem ebenfalls in der Stadt ansässigen Leibniz-Institut für Friedens- und Konfliktforschung (PRIF) hätten die Frankfurter einen gewaltigen finanziellen und institutionellen Vorteil. „Daraus haben sie aber wenig gemacht“, findet Münkler. „Letztlich ist es die Bewirtschaftung der habermaßchen Faktizität und Geltung.“ Zwar sei die Leiterin des Peace Research Institute Frankfurt (PRIF), Nicole Deitelhoff, in Nachrichtensendungen und Talkshows präsent. „Allerdings vertritt sie eine ausgewogene Position, also wenig entschieden, wenig dezidiert, immer ein Sowohl-als-auch.“ Ihre eigentliche Kompetenz, die Gesellschaftsberatung, habe die Frankfurter Politologie nicht deutlich gemacht. Es wirke so, als gehe es nur noch um die „Demokratisierung der Demokratie“. Aber längst stehe die Verteidigung der Demokratie auf der politischen Tagesordnung. „Man ist also in die falsche Richtung marschiert.“ „Degenerierung zur Randdisziplin“ Der Vorwurf, dass die Politologie – in Frankfurt wie auch andernorts – an Relevanz verliere, ist nicht neu. Schon 2008 hatte der Politologe Stephan Schlak angemerkt, sein Fach habe sich „durch die Verabsolutierung der Methode und ihrer einseitigen theoretischen Orientierung immer mehr ins öffentliche Abseits manövriert“. Die Politologen Frank Decker und Eckhard Jesse monierten 2016 in der F.A.Z., dass sich das Fach „gesellschaftlich und politisch marginalisiert“ habe. Warum? Zu selbstreferenziell, zu kleinteilig, keine klaren Urteile – ein „Fach ohne Ausstrahlung“. Und Carlo Masala hatte 2017 in der „Zeit“ gewarnt, dass der Politikwissenschaft eine „Degenerierung zur Randdisziplin“ drohe. Münkler zufolge besteht diese Gefahr nach wie vor. „Masala, einige andere Kollegen und ich versuchen, dagegen anzuschreiben und Widerstand zu leisten. Aber auf Dauer sind wir zu wenige“, sagt er. Nun werde die öffentliche Diskussion über strategische Fragen in hohem Maß von Juristen bestimmt. Einstmals laute Stimmen wie Hans-Peter Schwarz seien schon verstummt, Peter Graf von Kielmansegg sei inzwischen recht alt. „Es ist ein dünnes Feld“, sagt der Machtanalytiker Münkler und klingt melancholisch. „Wir erleben den selbst verschuldeten Bedeutungsverlust der Politikwissenschaft.“ Viele Frankfurter Forscher versuchten, dem mit Papieren und Studien entgegenzuwirken, meint Münkler. Er frage sich jedoch, ob sie damit das politische Spitzenpersonal erreichten. Pauschalkritik aus der älteren Generation sei „nicht gerechtfertigt“ Gunther Hellmann sieht das anders. Er beobachte, dass in Teilen der Disziplin „irrationale Irrelevanzängste“ grassierten. „Ich teile die Einschätzung von Münkler und Masala nicht. Im Gegenteil: Gerade durch die Zeitenwende hat die Bedeutung der Politikwissenschaft zugenommen.“ Münklers Äußerungen seien „durchaus herablassend“. „Die Pauschalkritik, besonders aus der älteren Generation, ist nicht gerechtfertigt“, sagt er. Besonders die Frankfurter Politikwissenschaft habe seit vielen Jahren wegen ihrer in der Öffentlichkeit präsenten Friedensforschung „immer eine gewisse Sichtbarkeit“ gehabt. Er denkt dabei an den langjährigen Leiter der Stiftung Friedens- und Konfliktforschung, Harald Müller, einen Experten auf dem Gebiet der nu­klearen Proliferationsfragen, an Rainer Forst, den Direktor des Forschungszen­trums „Normative Ordnungen“, der auch international beträchtliches Ansehen genieße, oder eben spätestens seit Ausbruch des Ukrainekriegs an Nicole Deitelhoff. „Wir brauchen uns in Frankfurt nicht zu verstecken“, meint Hellmann. Gleichwohl, gibt er zu, müsse die Frankfurter Politikwissenschaft auf den Gebieten Strategie und Sicherheitspolitik stärker werden. Hier fehle es aber an Geld und damit an adäquater Ausstattung und Professuren. „Wir müssen an die Strukturen im deutschen Hochschulsystem ran“, fordert er. Ferner fehlt eine strategische Kultur, die auch der Militärhistoriker Neitzel vermisst: „Ich würde mir von der Politikwissenschaft mehr Erklärungen erwarten, wie Sicherheitspolitik funktioniert, warum die sicherheitspolitischen Entscheidungen so und nicht anders getroffen werden.“ Neitzel fordert mehr Analyse aus dem „Maschinenraum der Politik“. Ansonsten müsse sich die Politikwissenschaft, ähnlich wie die Geschichtswissenschaft, sicher die Frage gefallen lassen, ob die Zeitenwende bei ihr angekommen sei. Denkt man Neitzels Überlegungen weiter, könnte dies bedeuten, einige Lehrstühle an Ministerien – wie das Auswärtige Amt oder das Verteidigungsministerium – anzubinden. Eine Forderung, mit der sich viele auf ihre wissenschaftliche Unabhängigkeit bedachte Politologen schwertun dürften. Macht- und militärstrategische Fragen standen für die deutsche Politik während der vergangenen 20 Jahre nicht im Vordergrund: Man profitierte von der regelbasierten Weltordnung und fühlte sich sicher unter dem amerikanischen Schutzschirm. Das hatte laut Münkler Folgen für die Forschung: Man habe sich mit dem institutionellen Gerüst, dem Prozess der Verrechtlichung von Macht sowie den normativen Fragen und deren philosophischer Überhöhung befasst. „Die Fragen nach Macht- und Realpolitik, nach den geopolitischen Rahmenbedingungen, die sich verändert haben, hat die Politikwissenschaft nicht genügend in den Blick genommen.“ Letztlich befindet sich der normative Institutionalismus auf dem Rückzug; ein strategischer Machtrealismus scheint sich aber nur allmählich durchzusetzen. Das zeigt der jüngst erschienene Beitrag von Jürgen Habermas in der „Süddeutschen Zeitung“. Der 96 Jahre alte Philosoph, einst Gegenspieler von Wilhelm Hennis, wirbt abermals für die weitere politische Integration Europas – wenngleich er anerkennt, dass diese noch nie so unwahrscheinlich gewesen sei wie heute. Habermas fürchtet nicht nur den machtpolitischen Bedeutungsverlust Europas in der neuen Weltunordnung, sondern auch den Einflussverlust seines Fachs. In diesen beiden Punkten immerhin ist er sich mit Münkler – bei allen sonstigen weltanschaulichen Unterschieden – einig.