FAZ 30.09.2026
07:59 Uhr

Kritik an Gen-Entdeckung: KI-Agentenheere mischen die klugen Köpfe auf


Dank automatisierter KI-Agenten preschen die Techkonzerne immer rabiater mit spektakulären Entdeckungen vor. Die Frage ist, was wirklich von ihnen kommt. Der zweite Fall von möglichem Ideendiebstahl verärgert Forscher.

Kritik an Gen-Entdeckung: KI-Agentenheere mischen die klugen Köpfe auf

Was die KI-Mächtigen im Silicon Valley derzeit im Schilde führen, lässt sich auch aus ihren Schilderungen vor dem UN-Sicherheitsrat kaum seriös herleiten. Tag für Tag strapazieren sie ihre und die Glaubwürdigkeit anderer, auch der Wissenschaften. Nehmen wir Dario Amodei, Chef von Anthropic. Am selben Tag, als der ehemalige Biophysiker vergangene Woche aus Anlass der UN-Generalversammlung wieder einmal vieldeutig über die Gefahren von KI-Biowaffen sinnierte, gab sein Unternehmen auf der sozialen Plattform X die Entdeckung eines „bis dahin völlig unbekannten Enzym-Systems“ bekannt, das sogleich in eine historische Reihe mit der Genschere Crispr-Cas gestellt wurde. Was hier in der Wissenschafts-PR als medizinische Lösung angepriesen wird, könnte dort, im Kontext des Bioterrors, als Problem wieder auftauchen. Natürlich weiß das auch Amodei. Ebenso gut hätte er ahnen können, was das noch nicht begutachtete Manuskript zur Entdeckung seiner Claude-Agenten an Reaktionen auslösen würde. Feng Zhang, einer der Crispr-Schöpfer am MIT, gratulierte zwar artig und zeigte sich „erregt“  von der Arbeit des KI-Agentenkollektivs. Aber die meisten hielten wie die US-Virologin Angela Rasmussen mit harter Kritik nicht zurück: Anthropic habe mit tausend automatisierten Agenten nicht mehr erreicht als mit der existierenden Bioinformatik, so Rasmussen, allerdings „mit dem Hundertfachen an Kosten“. 950 KI-Agenten forschten 21 Stunden Tatsächlich hat zumindest einer der KI-Agenten im Zusammenspiel mit den anderen Agenten in 21 Stunden geschafft, wofür Genforscher bisher Jahre brauchen. Er hat in den riesigen Gendatenbeständen von Bakterienviren – „Jumbo-Phagen“ – die Bauanleitung für eine Reverse Transkriptase gefunden, ein Enzym zum Kopieren von Viren-RNA in DNA, sowie ein begleitendes weiteres Protein und in geringem Abstand davon mehrfach sich wiederholende, repetitive RNA-Tandemelemente. Ein Genkonstrukt, das in der Tat an Crispr-Cas erinnert. Die Anthropic-Autoren bezeichnen es als ART. Damit hat es zwar einen neuen Namen, aber viel mehr biologisch Neues als das, so monierten reihenweise Molekularbiologen, steckt in der Mitteilung nicht drin. Denn weder hat das Anthropic-Team die Funktion dieses Enzymkomplexes in ihrem im Frühjahr aufgebauten Genlabor in der kalifornischen Bay Area untersucht, noch geben die bisher öffentlichen Sequenzen einen Hinweis darauf, was dieser KI-Fund für die Biotechnologie oder Medizin womöglich leisten kann. Stattdessen freuten sich die KI-Autoren wie Nathan Frey auf den sozialen Plattformen über das KI-Innenleben: „Spektakulär“, habe der erfolgreiche Agent an die anderen DNA-Spione geschrieben, sei der Genabschnitt neben der reversen Transkriptase, „ich kann die repetitiven RNA-Elemente mit eigenen Augen sehen ... das ist eine Crispr-ähnliche Anordnung.“ Fragwürdiger Wert der Entdeckung Die Prüfung durch die Molekularbiologen im Anthropic-Team habe dann gezeigt: ein unbekanntes Genkonstrukt. Tatsächlich jedoch meldete sich nun am Wochenende ein junger Bioinformatiker von der Universität Kopenhagen bei der „New York Times“, sein Name ist Mario Rodriguez, er arbeitet offenbar seit mindestens vier Jahren an ebendiesem Enzymsystem. Veröffentlichungen von ihm dazu gibt es nicht. Mit seinen Forschungen hat er bis heute nicht die Funktion und schon gar nicht die Nützlichkeit des Genkonstrukts herausfinden können. Was aber auch daran liegen könnte, dass viele solcher Crispr-verwandter Genfunde eben nicht zu dem erwünschten Ergebnis – ein neues, noch effektiveres Genwerkzeug – führten. Viel entscheidender aber als die Befunde des Kopenhagener Bioinformatikers könnte sein Hinweis sein, dass er seit einiger Zeit mit KIs – auch Anthropics Modellen – arbeitet. Der Fall ähnelt damit frappierend dem seit Wochen diskutierten Open-AI-Erfolg bei der Lösung der Navier-Stokes-Gleichungen – eines sehr alten mathematischen Problems. Ein angesehener New Yorker Mathematiker wirft der KI-Firma vor, mit seinen und den von Kollegen verwendeten Lösungsideen die KI trainiert zu haben. Haben sich die KI-Agenten also womöglich nur geschickt am geistigen Eigentum der Forscher bedient, statt selbst – automatisiert – zu forschen? Auch Bioinformatiker Mestre, der angibt, sich bis dahin für jeden KI-Fortschritt begeistert zu haben, misstraut nun massiv der KI.