FAZ 05.03.2026
10:01 Uhr

Kritik an Erziehung: Lasst uns Eltern doch in Ruhe!


Wer heutzutage Kinder hat, ist nirgendwo sicher vor Kritik und Vorwürfen. Sogar für die bedrängten Demokratien Europas werden Eltern mitverantwortlich gemacht. Geht’s noch? Diskutieren Sie live mit unserem Autor im Leserforum.

Kritik an Erziehung: Lasst uns Eltern doch in Ruhe!

Es gibt zwei Vorwürfe, die der aktuellen Elterngeneration oft gemacht werden. Erstens: Sie sind Helikoptereltern, Perfektionisten, übertreiben es maßlos mit ihrer Fürsorge, vergessen dabei ihre eigenen Bedürfnisse und schaden so am Ende sich selbst und ihren Kindern. Zweitens: Sie hängen nur am Handy, setzen ihre Kinder vor Tablets, kümmern sich nicht um Erziehung – und schaden so ihren Kindern. Beides zusammen kann nicht stimmen. Aber die Vorwürfe richten sich nicht an unterschiedliche Milieus – ich selbst habe beide schon gehört, sogar kurz nacheinander. Vergangenes Jahr habe ich eine Glosse darüber geschrieben, wie schwierig es ist, nachts sein Kind im Bett abzulegen, nachdem man es draußen in einer Trage zum Einschlafen gebracht hat. Eine Entwicklungspsychologin schrieb mir daraufhin: „Die Aktion draußen, falls es nicht ein Fake ist, ist völlig unproduktiv.“ Ich solle das Kind einfach ablegen, streicheln, ihm gut zureden und darauf vertrauen, dass es bald einschlafe – vor allem Letzteres sei wichtig: „Dann fällt das Kind in einen tiefen Schlaf, und Sie können es in sein Bett legen.“ Das Kind schläft also nur so schlecht, weil ich mich so stresse. „Darf ich Ihnen etwas sagen, als Psychologin?“ Ein anderes Mal war mein Kind krank, wie immer hatte meine Partnerin nachts die Hauptlast zu tragen, aber auch ich trug das hustende Baby durch die Gegend. Irgendwann saß ich um drei Uhr nachts mit dem Kind im Arm im dunklen Auto auf dem Beifahrersitz, damit in der Wohnung wenigstens mal eine Stunde Ruhe herrschte. Ich fror und fand es unheimlich; schlafen konnte ich nicht. Am nächsten Morgen musste ich mich „Kind krank“ melden, ich trug das Kind weiter durch die Straßen, bis es sich auf einem Spielplatz tatsächlich mal kurz in eine Schaukel setzen ließ. Halleluja! Ich atmete auf, dankbar für ein paar Minuten Pause, schubste das Kind an und holte mein Handy raus: Kurz nach der Arbeit schauen und dann ein, zwei Artikel über das Weltgeschehen lesen. Ablenkung, eigene Bedürfnisse. Ein gutes Gefühl kam auf: Wenn sich das Kind jetzt zum ersten Mal seit Tagen kurz absetzen lässt, geht es ihm langsam besser. Hinzu kam Stolz: wieder eine Herausforderung gemeistert! In dem Moment trat eine ältere Frau auf mich zu: „Entschuldigung, darf ich Ihnen etwas sagen, als Psychologin?“ Ich hatte schon eine Ahnung, was kommt, trotzdem sagte ich: „Ja, bitte.“ „Ihr Kind möchte Kontakt mit Ihnen aufnehmen . . .“ Ich bin nicht stolz drauf, aber mehr konnte die Frau, die nur Gutes wollte, nicht sagen. Ich unterbrach sie mit meiner ganzen aufgestauten Aggression der letzten Tage, berichtete von den Anstrengungen der vergangenen 74 Stunden und bat sie, sich um ihren eigenen Kram zu kümmern. Eingeschüchtert ging sie weiter. Mein kurzes Gefühl der Entspannung war dahin, stattdessen war ich wütend und hatte ein schlechtes Gewissen. Wird zu viel erklärt und zu wenig verboten? Wie passt es zusammen, dass einem von der älteren Generation immer stolz erzählt wird, dass man früher die Kinder einfach auf der Party in die Ecke gelegt habe („ihr macht euch zu verrückt“), aber wenn man mal eine Minute aufs Handy schaut, während das Kind schaukelt, rollen alle mit den Augen? Wieso wird man belächelt, wenn man versucht, Kleinkinder möglichst lange von Süßigkeiten fernzuhalten, obwohl mittlerweile jedes vierte Kind in Deutschland übergewichtig ist? Wieso berichten Studien von immer mehr vernachlässigten Kindern – aber das Hauptfeindbild von Konservativen sind Helikoptereltern aus dem Prenzlauer Berg, die sich angeblich zu viel kümmern und ihren Kindern Paprikastücke statt Gummibärchen geben? Immer noch wird in Kolumnen über Lastenrad-Eltern hergezogen, gleichzeitig sind laut UNICEF die Grundbedürfnisse von mehr als einer Million Kindern in Deutschland nicht gedeckt – sie leben in unbeheizten Wohnungen, können sich kein zweites Paar Schuhe oder vollwertige Mahlzeiten leisten. Ist nicht eher das ein Problem als Eltern, die sich angeblich zu viel kümmern? In einem Leitartikel der F.A.Z. über den „Perfektionswahn in der Erziehung“ wurde 2025 kritisiert, dass in Deutschland die Zeit, die Eltern aktiv mit ihrem Nachwuchs verbringen, „erheblich“ gestiegen sei. Schrecklich! Ständig stünden die Bedürfnisse der Kinder im Vordergrund, es werde viel erklärt und wenig verboten. Unfassbar! Und Kindererziehung sei eben nicht nur Sache der Eltern, wie die nächste Generation erzogen werde, habe auch „gesellschaftliche Dimensionen“. Kinder von „intensiven“ Eltern seien später ängstlicher, häufiger deprimiert und unselbständiger. Mit dem Schlitten gegen den Baum In diese Kerbe schlug auch ein Artikel im Politikteil der F.A.S. Anfang Januar. Dort hieß es gar, dass das „Abtrainieren von Risikobereitschaft“ nicht ohne Folgen für die bedrängten Demokratien Europas sei. Früher sei es auf improvisierten Rodelwegen halsbrecherisch zugegangen, schrieb der Autor, heute würden bei fünf Zentimeter Schnee die Schulen geschlossen. „Aber lässt sich ein Staat machen mit einer Jugend, die weich wie Schneeflocken, zart wie Kaschmir und scheu wie ein Häschen ist?“ Dabei hat die Generation, die so stolz darauf ist, ständig mit dem Schlitten gegen den Baum gefahren zu sein, jetzt jahrzehntelang die Geschicke dieses Landes geführt. Nun hinterlässt sie der Jugend vor allem Krisen – und wirft ihr dann noch vor, dass mit ihr kein Staat zu machen sei. Auch für die Wehrpflicht ist die heutige Jugend angeblich zu weich, weil sie in der Kindheit keine Widerstände kennengelernt hat. Bei der Musterung wird man sich bald wundern, wie fit diese Generation in Wirklichkeit ist: Die Fitness- und Kampfsportstudios sind voll, ernährt wird sich ohne Alkohol, aber mit Proteinpräparaten. Auch dafür wird die Jugend verspottet („lebt doch mal richtig“), aber an der Klimmzugstange würde den Alten das Lachen schnell vergehen. Gleichzeitig stimmt es aber, dass Ängste eine größere Rolle spielen als früher. Bei der aktuellen Lage, mit der Jugendliche klarkommen müssen, ist das nachvollziehbar. Wenn nicht der dritte Weltkrieg droht, dann der Klimakollaps, die Messerkriminalität, die KI-Revolution oder die Rentenlücke, überall zu hören und zu lesen. Ältere Generationen warnen und warnen – und geben dann Eltern die Schuld daran, dass deren Kinder immer ängstlicher werden. Während der Pandemie hatten vor allem ältere Menschen zu Recht Angst – und verlangten deswegen von den weniger gefährdeten Jugendlichen, monatelang zu Hause zu bleiben. Auch dabei wurde mit Angst gearbeitet: Du willst doch deine Oma nicht umbringen! Warum geht ihr Weicheier nie ins Risiko? Zwei Jahre später heißt es dann: Warum geht ihr Weicheier nie ins Risiko? Und wenn junge Menschen das machen, ist es auch nicht recht: Jahrelang hieß es, die Jugend hänge nur noch vor Bildschirmen rum, jetzt sind plötzlich die Berge überlaufen von Naturliebhabern, prompt wird geschimpft: Diese Idioten klettern nur wegen eines Selfies in Turnschuhen auf den Montblanc! Was sind die Motive dafür, immer auf Eltern und ihren Kindern herumzuhacken? In dem Erziehungsleitartikel in der F.A.Z. wurde immerhin ein nachvollziehbares Motiv offen genannt – der Wunsch nach Ruhe auf Familienfeiern: „Mit ihrem fehlgeleiteten Perfektionismus erweisen diese Mütter und Väter ihren Kindern also keinen Gefallen – geschweige denn sich selbst oder ihren Gästen an Familienfesten.“ Ruhe gibt es in dieser theoretischen Vorstellung am ehesten, wenn ein Machtwort gesprochen wird, so wie es früher der Patriarch gemacht hat, wegen dem die Kinder nur durchs Haus schleichen durften, wenn er ausnahmsweise mal zu Hause war. Goldene Zeiten! Man könnte die Kinder auf der Familienfeier natürlich auch kurz mal ans Handy setzen, vielleicht um in Ruhe zu essen. Aber halt! Schnell wird man zum Ziel von Artikeln wie dem aus dem Wissenschaftsteil der „Zeit“, in dem es um die Bildschirmzeit von Kindern ging unter der Überschrift: „Tut ihnen das nicht an.“ Untermauert von Studien wurde da 2025 die überraschende These präsentiert: „Je mehr Zeit Eltern mit dem Handy beschäftigt sind, desto weniger reden sie mit ihrem Kind.“ Ach was! Es folgten noch mehr bahnbrechende Erkenntnisse: „Je größer die Stressfaktoren der Mutter (alleinerziehend, krank, arbeitslos), desto stärker der Medienkonsum der Kinder.“ Unglaublich! Diese verantwortungslosen gestressten Alleinerziehenden! Manchmal ist es zu viel, manchmal zu wenig Wie soll all das wirken auf Eltern, die sowieso ständig am Anschlag sind? Ich habe genug vom Genre der Jammernde-Eltern-Texte, auch wenn ich selbst solche Artikel geschrieben habe. Es gibt genug wunderschöne Momente mit Kindern, die den Stress wert sind. Aber wenn man ständig hört, was man alles falsch macht, muss man noch mal darauf hinweisen: Die Belastungen in den ersten Jahren mit kleinen Kindern sind absurd hoch. Viele gesellschaftliche, wirtschaftliche und politische Entwicklungen machen es nicht leichter. Man darf sich deswegen ab und zu mal erlauben, es nicht perfekt zu machen. Wer unter Perfektionismus leidet, lernt in Therapien, im inneren Dialog sanft zu sich selbst zu sein – das ist schwer, wenn von außen ständig hart geurteilt wird. Wir waren mal im Urlaub mit einer Familie im Hotel, deren zwei Kinder beim Essen immer auf Tablets starrten. Es wirkte befremdlich. Meine Freundin meinte aber: „Wer weiß, wie die Nächte der Eltern sind? Vielleicht sind das gerade ihre einzigen friedlichen zehn Minuten.“ Die Haltung: Nicht immer das Schlimmste unterstellen, sondern auch mal davon ausgehen, dass die meisten Eltern das Beste für ihre Kinder wollen – es aber nicht immer schaffen, sich im perfekten Maß zu kümmern. Woher kommt dieses Bedürfnis, das dauernd zu erzählen? Manchmal ist es zu viel, manchmal zu wenig. Manchmal ist man überstreng mit Süßigkeiten, manchmal gibt man dem Betteln nach Süßem zu schnell nach, weil man gerade keine Kraft zum Kämpfen hat. Manchmal kreist man zu viel über seinen Kindern, manchmal schaut man zu lange aufs Handy. Ab und an sollte man davon sprechen, dass das alles völlig in Ordnung ist. Wenn das zu viel verlangt ist, hören wir uns gerne weiter an, wie viel entspannter das früher war, als die Eltern ihre Kinder auf Partys einfach in die Ecke gelegt haben. Ich weiß nicht, wie oft mir das erzählt wurde, seit ich Kinder habe. Ich weiß aber, wie oft ich danach gefragt habe: nie. Woher kommt dieses Bedürfnis, das dauernd zu erzählen? Ihr wart cooler als wir. Wir haben es verstanden. Vielleicht waren aber auch die kinderlosen Partygäste früher cooler. Oder was würden die anderen Gäste heute dazu sagen, wenn am Rande der Tanzfläche reihenweise Babys liegen, so wie es früher ja gewesen sein muss? Sie beschweren sich ja jetzt schon über zu viel Kinderstress auf Familienfeiern. Ach so, ganz vergessen, früher hat man den Kleinen ja noch mehr Grenzen gesetzt: Nicht schreien, Baby, Papa will feiern!