FAZ 24.11.2025
15:33 Uhr

Kritik am Kulturstaatsminister: Windbeutel Weimer


Fragwürdiges Geschäftsmodell des Erhard-Gipfels, Selbstvermarktung als Germanist, Desinteresse an der Kulturpolitik: Die Zwischenbilanz des Kulturstaatsministers fällt äußerst bescheiden aus.

Kritik am Kulturstaatsminister: Windbeutel Weimer

Friedrich Merz findet, alle Vorwürfe gegen Wolfram Weimer, seinen Kulturstaatsminister, hätten sich als falsch erwiesen. Womöglich kennt er sie nicht, wenn er das denkt. Was Wolfram Weimer vorgehalten wird, ist die Art, wie er seine Tätigkeit als Medienunternehmer ausgeübt hat. Es fing damit an, dass eine seiner Zeitschriften sich Texte von angeblichen Autoren ohne deren Wissen angeeignet hat und suggerierte, sie schrieben für Weimers Organ, was Georg Simmel schon deshalb nicht tun konnte, weil er seit mehr als hundert Jahren tot ist. Viele noch lebende Autoren wussten ebenfalls nichts von ihren Beiträgen zu „The European“, laut eigener Reklame ein „großes europäisches Debattenmagazin“. Man habe die Fremdtexte „dokumentiert“, war die Erklärung, fehlende Quellenangaben bedauere man. Ein anderer Erwerbszweig von Weimer war die Ausrichtung eines Ludwig-Erhard-Gipfels. Hier wurden Unternehmen gegen die Zahlung erheblicher Summen – von 80.000 Euro für Intensivvernetzung war die Rede – Kontakte zu Spitzenpolitikern angeboten. Das ist, wie Friedrich Merz zu Recht sagt, ein gängiges Geschäftsmodell. Wenn er hinzufügt, da werde nichts verkauft, müsste er aber schon das Preisniveau erklären. Gängig und legal, aber auch anständig? Ob das Geschäftsmodell auch ein anständiges ist, das für Politik qualifiziert, steht überdies dahin. Niemand „von ganz links und ganz rechts“ (Merz) hat Weimer eine illegale Tätigkeit unterstellt, insofern ist der Hinweis, sie sei rechtmäßig gewesen, wohlfeil. Merkwürdig war jedenfalls, dass die Weimer Media Group die F.A.Z. als Medienpartner einer ihrer Konferenzen auf deren Internetseite bezeichnete. Denn diese Partnerschaft war erfunden, eine weitere Windbeutelei der Firma des Ministers. Eine Luftnummer war auch seine Behauptung, er habe mit der Bayerischen Staatsregierung schon über eine Außenstelle von Harvard gesprochen, die der von Donald Trump drangsalierten Universität eine Art Exil ermögliche. Auch das eine Erfindung. Bayerns Kultusminister Markus Blume (CSU) zeigte sich wenig amüsiert. Wenn Wolfram Weimer sich vor Schriftstellern und Geisteswissenschaftlern wiederholt als Germanist vorstellt, gehört das zum selben Repertoire situationsabhängiger Selbstvermarktung. Er hat die Disziplin im Nebenfach studiert, aber weder jemals etwas zu ihr beigetragen noch etwas anderes über deutsche Literatur geschrieben als die ulkigen Sätze seines „konservativen Manifests“, Novalis („Religion ist der große Orient in uns“) habe das Abendland gegenüber dem islamischen Orient kontrastiert. Weimer kennt die Sachen eben oft nur vom Hörensagen, zitiert gern falsch und ohne Anführungszeichen, bewegt sich aber in einem Milieu, in dem er damit durchkommt. Zu den „Zehn Geboten der neuen Bürgerlichkeit“, die er als Moses des Konservatismus in seinem Manifest vorträgt, gehörte Distanz zum Aufschneidertum jedenfalls nicht. Das mag man ihm durchgehen lassen, Politik ist ein schwieriges Geschäft. Weimer hat keine Basis in Partei und Fraktion, gibt darum vielleicht kompensatorisch den Intellektuellen. Sprüche aber bestimmen bislang auch seine Kulturpolitik. Weder in Sachen Restitutionsgesetz noch in der Frage der Finanzierung der Bayreuther Festspiele, noch auch in Bezug auf die Nürnberger NS-Kongresshalle ist seit seinem Amtsantritt vor sieben Monaten irgendetwas von Belang geschehen. Er interessiere sich nicht, heißt es von Nahestehenden. Anders als seine Amtsvorgänger verzichtet er auf Antrittsbesuche bei wichtigen Trägern der Kulturpolitik. Längst schütteln viele von ihnen die Köpfe. Vereinbarte Gespräche werden kurzfristig abgesagt, Finanzierungszusagen zurückgezogen, eine kulturpolitische Agenda hat Weimer nicht. Sein Gedenkstättenkonzept hat er von der wenig glücklichen Vorgängerin abgeschrieben, minus Kolonial- und Vertriebenengeschichte. Der Koalitionsvertrag, heißt es, sei ihm „Schnee von gestern“. Stattdessen rühmt er sich einer Expansion des Bundeskulturetats, was nicht zu Bescheiden nachrangiger Abteilungen passt, es sei kein Geld vorhanden. Verlässlich ist das alles nicht. Dem in Jahren aufgebauten Ruf des „Bundeskulturministeriums“ schadet es. Auf der Habenseite von Wolfram Weimer stehen bislang vor allem Redensarten und in eigener Sache Ausredensarten.