„Wir haben immer einen Plan B.“ So hatte sich Miguel López, der Vorstandsvorsitzende des Industriekonzerns Thyssenkrupp, noch im Dezember geäußert. Damals ging es um die Frage, was passieren würde, wenn die Gespräche mit dem indischen Konzern Jindal Steel zur Übernahme von Thyssenkrupps Stahlsparte scheitern würden. Jetzt, rund ein halbes Jahr später, bleibt López wolkig, wenn es um diesen Plan B geht. Er deutet aber an, dass er sich bessere Konditionen für eine Trennung von dem lange Zeit krisengeschüttelten Stahlsegment wünscht, als sie die Inder anscheinend zuletzt bieten wollten. Die Gespräche mit den Interessenten „pausieren“ momentan, wie Thyssenkrupp vor etwas mehr als einer Woche bekannt gegeben hatte. Er sehe aufgrund eigener Sanierungsmaßnahmen und veränderter politischer Rahmenbedingungen „eine neue Werthaltigkeit“ im Stahlgeschäft, sagte López am Dienstag im Zuge der Bekanntgabe der Zahlen für das erste halbe Geschäftsjahr. Der Bereich stehe mittlerweile mit „circa drei Milliarden Euro“ in den Büchern, sagte Thyssenkrupps Finanzvorstand Axel Hamann auf Nachfrage. Im Dezember waren es noch 2,4 Milliarden Euro gewesen. Zukunftsfest aufstellen – „und dann werden wir sehen“ „Die Verselbständigung von Thyssenkrupp Steel Europe bleibt weiterhin das erklärte Ziel“, heißt es offiziell vom Mutterkonzern, doch zur Frage, ob ein Börsengang nach den geplatzten Verkaufsverhandlungen die Alternative sei, sagte López lediglich, man konzentriere sich vorerst auf Maßnahmen, um den Stahl zukunftsfest aufzustellen – „und dann werden wir sehen“. Zugleich betonte er, mit der Familie Jindal „freundschaftlich“ verbunden zu bleiben. Diesen Kurs stützt auch die mächtige Ankeraktionärin, die Essener Krupp-Stiftung, die ihn zuletzt als „folgerichtig“ bezeichnete. Thyssenkrupp Steel plant, seine Stahl-Produktionskapazitäten zu verkleinern: 11.000 der rund 26.000 Stellen in der Sparte sollen eingespart oder ausgelagert werden. López hob positiv hervor, dass der Verkauf der Anteile an den Hüttenwerken Krupp Mannesmann (HKM) an den Konkurrenten Salzgitter kurz bevor stehe. Von dem Geschäft will sich das Unternehmen schon lange trennen. Zudem setzt Thyssenkrupp auf Schutzzölle der EU, die das Unternehmen auf zukünftig höhere Stahlpreise und höheres Kundeninteresse in Europa hoffen lassen. Klare Absage an einen Staatseinstieg Zur möglichen Option eines Verkaufs der Stahlsparte an ein anderes Unternehmen als Jindal sagte López: „Sollte sich jemand melden und Interesse haben, dann werden wir uns immer Angebote anhören.“ Eine deutliche Absage erteilte er einem Staatseinstieg: „Das kann ich mir überhaupt nicht vorstellen.“ Es brauche zwar den Schutz gegen Dumpingstahl aus dem Ausland. Doch jenseits dessen müsse die Stahlindustrie in Europa „in sich selbst wirtschaftlich geführt werden“. In der Vergangenheit hatte Thyssenkrupp schon verschiedene Möglichkeiten ausprobiert, sich von der Stahlsparte zu trennen, die einst das Herzstück des Ruhrgebietskonzerns war. Doch immer vergeblich. Vor den Verhandlungen mit den Indern hatte López ohne Erfolg versucht, das Segment an den tschechischen Investor Daniel Křetínský loszuschlagen. Auch in noch früheren Zeiten waren Fusionsabsichten gescheitert, etwa mit dem indischen Tata-Konzern. Thyssenkrupp soll eine Finanzholding werden López hat dem gesamten Thyssenkrupp-Konzern einen Komplettumbau verordnet. Das Mutterunternehmen soll zur schlanken Finanzholding werden, alle Sparten möchte er nach und nach kapitalmarktfähig aufstellen und ausgliedern, ähnlich wie es im vergangenen Jahr schon mit der Marinesparte TKMS geschah. Nach dem vorerst gescheiterten Stahlverkauf soll nun die Werkstoffhandelssparte Materials Services mit ihren mehr als 15.000 Beschäftigten als Nächstes an der Reihe sein, wie López am Dienstag bestätigte. Es gebe hierfür aber noch keinen Termin. Im Hintergrund allerdings regt sich schon jetzt Widerstand von Arbeitnehmervertretern. Er richtet sich vor allem gegen die Befürchtung, dass als Rechtsform für eine künftig ausgegliederte Werkstoffhandelssparte eine Kommanditgesellschaft auf Aktien (KGaA) gewählt werden könnte. Das jedenfalls mutmaßen die Beschäftigtenvertreter. Gewerkschaften und Betriebsräte fürchten, dadurch geringere Mitspracherechte zu erhalten als bislang. Der zweite Vorsitzende der IG Metall, Jürgen Kerner, der zugleich stellvertretender Aufsichtsratschef von Thyssenkrupp ist, schreibt in einem Flugblatt an die Thyssenkrupp-Mitarbeiter, das der F.A.Z. vorliegt, Thyssenkrupp-Chef López wolle „die Mitbestimmung aushebeln und geht dabei sehr gezielt und strategisch vor“. Eine KGaA habe „entscheidende Nachteile“. Die Gewerkschaften IG Metall und Verdi sowie die Betriebsräte von Thyssenkrupp Materials Services hätten dem Konzern einen Fragenkatalog zum Thema zukommen lassen, heißt es in einem weiteren Flugblatt. López äußerte sich hierzu jedoch am Dienstag nicht. Umsatzprognose leicht gesenkt Im abgelaufenen Geschäftsquartal machten dem Gesamtkonzern Thyssenkrupp weiterhin die niedrigen Stahlpreise zu schaffen. Auch im Autozuliefergeschäft kämpft das Unternehmen, das insgesamt mehr als 90.000 Beschäftigte hat, mit einer schwachen Nachfrage. „Das Umfeld bleibt äußerst anspruchsvoll“, sagte López. Der Quartalsumsatz sank um zwei Prozent auf rund 8,4 Milliarden Euro. Dank der Sparanstrengungen stieg aber der bereinigte operative Gewinn (Ebit) um 179 Millionen Euro auf 198 Millionen Euro. Unterm Strich blieb nach Anteilen Dritter ein kleiner Gewinn von einer Million Euro übrig. Im Vorjahr waren es 155 Millionen Euro gewesen, damals hatte Thyssenkrupp allerdings stark vom Verkauf einer Tochtergesellschaft in Indien profitiert. Nach vorne blickend senkt der Konzern seine Umsatzprognose für das Gesamtjahr leicht, hält jedoch an seinem sonstigen Ausblick fest.
