FAZ 27.02.2026
10:11 Uhr

Krieg in der Ukraine: Wie lange lässt sich dieses Leben aushalten?


In Kiew trotzt eine Familie dem Krieg, der Kälte und den Stromausfällen. Mit Kindern, Haustieren und sieben Minischweinen zieht sie ins eigene Piggy Café. Diese Bilder dokumentieren ihren Alltag.

Krieg in der Ukraine: Wie lange lässt sich dieses Leben aushalten?

Als die Familie Davydenko nachts fröstelnd in Wintermänteln und Mützen aufwachte, unter mehreren Lagen Bettdecken vergraben, war klar: Sie mussten ihre Wohnung in Kiew verlassen. Systematische russische Angriffe auf das ukrainische Energienetz seit Oktober des vergangenen Jahres hatten dazu geführt, dass ihre Wohnung im zwölften Stock seit acht Tagen ohne Strom war. Die Heizung funktionierte seit fast zwei Wochen nicht mehr. In derselben Zeit fielen die Temperaturen nachts auf bis zu minus 20 Grad Celsius. Die Eltern Yuliia und Denys, beide 40, packten ihre Sachen. Mit dabei waren ihre drei kleinen Kinder, zwei Katzen und zwei Hunde. Sie suchten einen anderen Ort zum Schlafen. Die Wahl fiel auf das familieneigene Piggy Café Kyiv. Dort gibt es Strom aus einem Generator, und es ist beheizt. Die Kunden des Cafés dürfen die sieben kleinen Schweine streicheln, um ein wenig von den Belastungen des Krieges abzuschalten. Wenn der letzte Gast gegangen ist und das Café schließt, rollen Yuliia und Denys Matratzen aus. Auf dem Boden richten sie Schlafplätze her für Maksym (11), Tymofiy (6) und die zweijährige Tochter Stephanie. „Der Punkt, an dem wir entscheiden würden, Kiew wieder zu verlassen, wäre, wenn russische Truppen zehn bis zwölf Kilometer vor der Stadt stehen“, sagte Yuliia. Die Davydenkos hatten das Land zu Beginn der Invasion verlassen, als russische Truppen 2022 auf die Hauptstadt vorrückten. Seit ihrer Rückkehr aus Europa sind sie entschlossen, zu bleiben. Solcher Trotz ist in Kiew und in der Ukraine weitverbreitet. Viele Bewohner sagen, sie würden ihr Land niemals verlassen. Diese Haltung stärkt Präsident Wolodymyr Selenskyjs Kurs gegen maximalistische russische Forderungen in den laufenden Friedensgesprächen. Abends streifen Katzen, Hunde und Schweine durch das Café, bis sie sich in ihre eigenen Schlafplätze zurückziehen. Manchmal kuscheln sie sich auch zur Familie. Der eisigen Kälte trotzen Doch der klirrenden Kälte entkommt man kaum. Sie kriecht in alles hinein. In der Wohnung im nordöstlichen Kiewer Stadtteil Trojeschtschyna, in die die Familie alle paar Tage zurückkehrt, braucht Wäsche Tage zum Trocknen. Selbst dann fühlt sie sich noch klamm an. Oft ist es zu kalt, um sich auf die Toilette zu setzen. An Duschen ist nicht zu denken. Bei einem jüngsten Besuch betrug die Temperatur in der Küche zwei Grad Celsius. An der Innenseite des Fensters bildete sich Eis. Während das Paar sprach, war ihr Atem sichtbar. Als kleine Belohnung gönnten sich die Davydenkos einen Saunabesuch. Die Kinder waren begeistert, für sie hat der Umbruch immer noch etwas von einem Abenteuer. „Maksym gefällt das“, witzelte Denys über ihre neue Realität. „Er sagt sogar: Zu Hause müssen wir Hausarbeit machen. Jetzt gibt es kein Abwaschen, kein Putzen, kein Gassi-Gehen. Darüber freut er sich.“ Zu Hause kann die Familie keine richtigen Mahlzeiten kochen. Im Café gibt es Kakao mit Marshmallows und Essen zum Mitnehmen. Mit ihrem eigenen Geschäft und dem ganztägigen Unterricht für die Söhne geht es den Davydenkos besser als vielen in Kiew. Angriffswellen der vergangenen vier Monate ließen Hunderttausende ohne Strom und Wasser zurück. Für die drei Millionen Einwohner ist es der härteste Winter seit Beginn des Krieges. Manche verlassen die Stadt. Andere sind gezwungen, zu Hause bei Temperaturen knapp über dem Gefrierpunkt auszuharren. Wieder andere kommen bei Freunden unter oder in großen beheizten Zelten, die in der Stadt aufgestellt wurden. Russland bestreitet, Zivilisten gezielt anzugreifen, und erklärt, die Raketen- und Drohnenangriffe dienten dazu, das ukrainische Militär zu schwächen. Dennoch haben die Angriffe hohe zivile Opferzahlen verursacht. Größere Bombardements? „Keine große Sache“. Russische Angriffe auf das ukrainische Stromnetz sind nicht neu. Doch in diesem Winter ist das Ausmaß größer, und die Temperaturen sind niedriger. Nach einem besonders schweren Angriff am 20. Januar verloren 5635 Wohnblöcke, fast die Hälfte aller Wohnanlagen in Kiew, die Heizversorgung. Das zeigen Daten des Infrastrukturministeriums. Zeitweise seien rund eine Million Kunden gleichzeitig vom Netz getrennt gewesen, sagte eine Quelle aus der Branche. Das Grundstück der Davydenkos liegt nur vier Kilometer von einem großen Wärmekraftwerk entfernt. Es gehört seit dem Herbst 2025 zu den wichtigsten Zielen russischer Angriffe. Trotz der intensiveren Bombardements hofft die Familie auf Besserung und stellt sich zugleich auf Schlimmeres ein. „Keine große Sache“, sagte Yuliia, als sie nach ihrem Plan gefragt wurde. „Wir stellen einen Holzofen auf.“ Zuletzt feuerte Russland in einem der größten Einzelangriffe des Krieges 71 Raketen und 450 Drohnen auf die Ukraine. Ein Großteil dieser Feuerkraft richtete sich erneut gegen Kiews Energiesystem. Yuliia und Denys sagten, sie seien vom Lärm der Explosionen und klirrenden Fensterscheiben aufgewacht. Auch im Café fiel die Heizung aus.