FAZ 28.01.2026
06:21 Uhr

Krieg in der Ukraine: Ukrainischer Außenminister: Selenskyj ist zu Treffen mit Putin bereit


Vier Tote nach russischem Drohnenangriff auf Passagierzug in Charkiw +++ Selenskyj: „Keine militärische Rechtfertigung“ +++ Umfrage: Viele Russen fühlen sich von Feinden umzingelt +++ alle Neuigkeiten im Liveblog

Krieg in der Ukraine: Ukrainischer Außenminister: Selenskyj ist zu Treffen mit Putin bereit

Bei russischen Angriffen in der Region Kiew sind nach ukrainischen Angaben zwei Menschen getötet worden. Ein Mann und eine Frau seien bei den Angriffen auf das Dorf Bilohorodka südöstlich der russischen Hauptstadt getötet worden, erklärte der Leiter der Militärverwaltung der Region Kiew, Mykola Kalaschnyk, am Mittwochmorgen im Onlinedienst Telegram. Vier weitere Menschen seien medizinisch versorgt worden.

Viele Menschen in Russland sehen sich einer Umfrage zufolge von ausländischen Feinden umzingelt, während sie ihr eigenes Land als Opfer betrachten. Dies sei eine Folge der unablässigen antiwestlichen Propaganda, sagte der russische Soziologe Lew Gudkow vom unabhängigen Lewada-Zentrum Moskau in Berlin bei der Vorstellung seiner Ergebnisse. Im Auftrag der deutschen Sacharow-Stiftung hat das in Russland als Auslandsagent eingestufte Institut die Weltsicht der Russen nach vier Jahren Ukraine-Krieg erforscht. In den mehr als 30 Jahren seit dem Ende der Sowjetunion habe Russland nur sechs Jahre lang keinen Krieg geführt, sagte Gudkow. Er sprach von einer „Militarisierung des Bewusstseins“.Unter den mehr als 1.600 Befragten sahen 62 Prozent Polen und Litauen als feindselige Länder, gefolgt von Großbritannien (57 Prozent), Deutschland (50 Prozent), Schweden (40 Prozent). Die USA wurden überwiegend als Konkurrent eingestuft (53 Prozent). Auf die Frage nach fünf befreundeten Ländern wurden am häufigsten Belarus, China, Kasachstan, Indien und Nordkorea genannt - mit Ausnahme von Indien repressiv bis diktatorisch regierte Staaten.

Polens Außenminister Radoslaw Sikorski hat den US-Milliardär Elon Musk aufgerufen, das zu seinem Raumfahrtunternehmen SpaceX gehörende Satellitennetzwerk Starlink für Russland zu sperren. „Weshalb verhindern Sie nicht, dass die Russen Starlink nutzen, um ukrainische Städte anzugreifen?“, schrieb Sikorski am Dienstag im Onlinenetzwerk X an Musk gerichtet. „Mit Kriegsverbrechen Geld zu verdienen schadet Ihrer Marke“, fügte der Minister hinzu. Starlink wird vom US-Raumfahrtunternehmen SpaceX betrieben und ermöglicht auch abgelegenen Regionen, in denen die Kommunikationsinfrastruktur nicht funktioniert, einen Zugang zum Internet.Sirkorski, der auch Vize-Ministerpräsident der pro-ukrainischen Regierung Polens ist, reagierte mit seinem Aufruf auf einen Beitrag des in den USA ansässigen Instituts für Kriegsstudien (ISW), wonach die russische Armee Starlink nutzt, um Angriffe tief im Inneren der Ukraine auszuführen. „Die russischen Streitkräfte nutzen zunehmend Starlink-Satellitennetzwerke, um die Reichweite ihrer BM-35-Angriffsdrohnen zu vergrößern und Mittelstreckenangriffe im Inneren der Ukraine durchzuführen“, erklärte das ISW. Eine mit Starlink verbundene BM-35-Drohnen habe vermutlich eine Reichweite von 500 Kilometern, was den größten Teil der Ukraine, ganz Moldau und einige Regionen Polens, Rumäniens und Litauens in Reichweite dieser Drohnen bringe, wenn sie aus Russland oder der russische besetzten Ukraine gestartet werden, hieß es weiter. Nach Angaben des ukrainischen Geheimdienstes wurden die Starlink-Terminals der russischen Armee über inoffizielle Kanäle wie etwa Importe aus Drittländern beschafft und nicht durch einen offiziellen Verkauf durch das Unternehmen Musks. Der Milliardär hatte im Februar 2024 dementiert, dass Starlink-Terminals an Russland verkauft worden seien.

US-Verteidigungsexperten gehen von mindestens 400.000 getöteten Soldaten im Ukraine-Krieg aus. Mit mindestens 325.000 toten Soldaten habe die russische Seite die deutlich höheren Verluste, heißt es in einem am Dienstag veröffentlichten Bericht der US-Denkfabrik Center for Strategic and International Studies (CSIS). Auf ukrainischer Seite wurden demnach bis zum Ende des vergangenen Jahres mindestens 100.000 Soldaten getötet. Hinzu kämen Hunderttausende Verletzte und Vermisste: Auf russischer Seite sind es den CSIS-Schätzungen zufolge mindestens 900.000 Menschen. Mindestens 400.000 Menschen wurden demnach auf ukrainischer Seite verletzt oder werden vermisst. Bis zum Frühling würden vermutlich Zehntausende weitere Soldaten auf beiden Seiten getötet und verletzt.

Bei einem Drohnenangriff auf einen Passagierzug im Gebiet Charkiw im Osten der Ukraine sind laut Präsident Wolodymyr Selenskyj mindestens vier Menschen getötet worden. Nach vier weiteren werde noch gesucht, zwei seien verletzt worden, schrieb Selenskyj in sozialen Medien. „Es gibt und es kann keine militärische Rechtfertigung geben, um Zivilisten in einem Zugwaggon zu töten“, sagte er. In jedem Land würde ein solcher Angriff als Terrorismus gewertet werden, schrieb Selenskyj auf der Plattform X. Er forderte mehr Druck auf Russland und dass es für seine Taten bestraft werden müsse. Auch in seiner abendlichen Videobotschaft verlangte er mehr Druck auf die russische Ölindustrie, mit der Moskau seinen Angriffskrieg finanziert.Selenskyj zufolge waren mehr als 200 Passagiere in dem angegriffenen Zug. Zuvor hatte der ukrainische Minister für Regionalentwicklung, Olexij Kuleba, von 291 Passagieren gesprochen, die regionale Staatsanwaltschaft sprach von mehr als 155 Passagieren. Drei Drohnen der ursprünglich iranischen Bauart Schahed schlugen Kuleba zufolge vor der Lokomotive und in einem Passagierwaggon ein. Der Zug war demnach auf der Strecke Barwinkowe-Lwiw-Tschop in Richtung Westen unterwegs.Schon in der Vergangenheit hatte es nach russischen Angriffen immer wieder auch Tote und Schäden im Zugverkehr und an Bahnhöfen der Ukraine gegeben.

Nach Ungarn will auch die Slowakei den von der ​EU beschlossenen Einfuhrstopp für russisches Gas gerichtlich anfechten. Man wolle dagegen vorgehen, dass der Beschluss mit qualifizierter Mehrheit angenommen worden sei, kündigte Ministerpräsident Robert Fico am Dienstag an. Das Importverbot war so ausgestaltet worden, dass keine Einstimmigkeit nötig war, ​um es gegen den Widerstand von Ungarn und der Slowakei beschließen zu können. „Wir werden die Verletzung der Grundsätze der Subsidiarität und der Verhältnismäßigkeit beanstanden“, erklärte ​Fico. Dabei werde sich die Slowakei mit Ungarn abstimmen. Wann die Slowakei die Klage genau einreichen werde, sagte er nicht.Ungarn hatte bereits direkt nach der EU-Abstimmung am Montag angekündigt, vor dem ⁠Europäischen Gerichtshof (EuGH) gegen das Importverbot zu ​klagen. Beide Länder, die auf ihre Abhängigkeit von russischen Energielieferungen verweisen und trotz des Ukraine-Kriegs engere Beziehungen ⁠zu Moskau pflegen, hatten gegen den Importstopp gestimmt. Bulgarien hatte sich enthalten. Die EU will ‍die Gasgeschäfte mit ‍ihrem früheren Hauptlieferanten beenden und Russland eine wichtige Einnahmequelle zur Finanzierung des Kriegs gegen die Ukraine entziehen. Das Gesetz sieht vor, den Import von russischem Flüssigerdgas (LNG) bis Ende 2026 und ⁠den Bezug von Pipeline-Gas bis Ende 2027 einzustellen.„Ich hoffe, dass bis zu diesem ​Verbot der Krieg ​vorbei ist und alle zur Vernunft kommen“, ‌sagte Fico. Er hatte die Pläne wiederholt als ‍Energie-„Selbstmord“ bezeichnet und erklärt, der Transitstopp werde sein Land jährlich bis zu 500 ‍Millionen Euro kosten. 

Der ukrainische Präsident Wolodomyr Selenskyj hat bekräftigt, dass sein Land im kommenden Jahr EU-Mitglied werden will. „Der Beitritt der Ukraine zur Europäischen Union ist eine der wichtigsten Sicherheitsgarantien nicht nur für uns, sondern für ganz Europa\", schrieb er am Dienstag bei Telegram. „Deshalb sprechen wir von einem konkreten Zeitpunkt – 2027 – und zählen auf die Unterstützung unserer Position durch unsere Partner.\" Zuvor hatte er mit dem österreichischen Bundeskanzler Christian Stocker telefoniert. Dabei sei es auch um die Energiesituation in der Ukraine gegangen. Selenskyj dankte Österreich dafür, dass es in der vergangenen Woche Mittel zur Unterstützung des ukrainischen Energiesektors bereitgestellt habe. Außerdem habe er Stocker über das Treffen der ukrainischen, amerikanischen und russischen Delegationen in den Vereinigten Arabisch Emiraten informiert. 

Angesichts der anhaltenden russischen Angriffe auf die Energieversorgung sichert sich die Ukraine finanzielle Unterstützung aus Europa für Gaskäufe. Über Instrumente der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung sollen 85 Millionen Euro für die Beschaffung zusätzlicher Gasmengen bereitgestellt werden, teilt Energieminister Denys Schmyhal auf der Plattform X mit. Die Arbeiten zur Sicherung der entsprechenden Finanzhilfe von einem europäischen Land seien fast abgeschlossen, fügt er ​hinzu.

Russland hat einen Abzug der ukrainischen Truppen aus dem Donbass als Möglichkeit für ein Kriegsende bezeichnet. „Ein Rückzug aus dem Donbass ist der Weg zum Frieden für die Ukraine\", schreibt der Sondergesandte des russischen Präsidenten Wladimir Putin, Kirill Dmitrijew, auf der Plattform X. Russland kontrolliert rund 90 Prozent des Donbass-Gebiets in der Ostukraine. ​Ein Hauptstreitpunkt der Verhandlungen über ein Kriegsende ist Putins Forderung, dass die Ukraine die unter ihrer Kontrolle verbliebenen Teile der Region abtritt. Putin hat wiederholt gedroht, Russland werde den Rest mit Gewalt einnehmen, sollte die ​Ukraine das Gebiet nicht aufgeben.

Bei neuen russischen Luftangriffen auf die Ukraine sind mindestens zwei Menschen getötet und zwei Dutzend weitere  verletzt worden. Ziel der Angriffe war wieder vor allem die Energieversorgung, wie die Behörden am Dienstag mitteilten. Allein in der südlichen Hafenstadt Odessa seien mehr als 20 Menschen verletzt worden, darunter sechs Kinder und eine schwangere Frau. Am Mittag fanden die Rettungskräfte zwei Männer unter Trümmern, die nur noch tot geborgen werden konnten.In der nordöstlichen Großstadt Charkiw sei durch die nächtlichen Angriffe bei eisigen Temperaturen großflächig der Strom ausgefallen. ​Hier habe es zwei Verletzte gegeben. Auch in der südlichen Region Mykolajiw und Lwiw im Westen nahm Russland demnach Energieinfrastruktur ins Visier. Dabei wurde in Mykolajiw ein Mensch verletzt. Die russische Armee habe insgesamt 165 Drohnen eingesetzt, teilte das ukrainische ​Militär mit. Davon seien 135 von der Luftabwehr abgefangen worden.Rund 80 Prozent der Stadt und der Region Charkiw seien ohne Strom, teilte Regionalgouverneur Oleh Synjehubow auf dem Kurznachrichtendienst Telegram mit. Das Energiesystem sei schwer beschädigt worden. Die ständige Gefahr weiterer Luftangriffe erschwere die Reparaturarbeiten. Auch zwei Schulen seien beschädigt worden. In der Schwarzmeerstadt Odessa ⁠wurde dem Stromversorger DTEK zufolge eine Energieanlage erheblich beschädigt. Die Reparaturarbeiten würden ​länger dauern. Nach Angaben der Behörden wurden zudem Dutzende Wohngebäude, eine Kirche, ein Kindergarten und eine Schule beschädigt. Brände seien ausgebrochen.

Die USA knüpfen Sicherheitsgarantien für die Ukraine einem Zeitungsbericht zufolge offenbar an einen Gebietsverzicht. ​Die US-Regierung habe dies der Ukraine entsprechend signalisiert, berichtet die „Financial Times“ unter Berufung auf acht mit den ​Gesprächen vertraute Personen. Demnach würde ein Friedensabkommen wahrscheinlich die Abtretung der Donbas-Region an Russland erfordern. Washington habe zudem in Aussicht gestellt, der ⁠Ukraine mehr Waffen zu ​liefern, falls sich Kiew aus den noch kontrollierten Teilen der Ostukraine zurückziehe.

Russland greift die ukrainische Großstadt Charkiw mit Drohnen und Raketen ​an. In der Stadt und der umliegenden Region fällt nach offiziellen Angaben ⁠bei 80 ​Prozent der Bevölkerung der Strom aus. Getroffen werden demnach ⁠neben der Energie-Infrastruktur auch Wohnhäuser, ‍eine Schule und ‍ein Kindergarten. Zwei Menschen werden verletzt, wie der Gouverneur der Region, Oleh Synjehubow, ⁠mitteilt. Auch aus der Stadt ​Krywyj Rih ​wird der Einschlag ‌einer Drohne in einem ‍Hochhaus gemeldet. Eine russische Stellungnahme liegt ‍zunächst nicht ⁠vor.

Wolodymyr Selenskyj hat in seiner abendlichen Videobotschaft angesichts der massiven Schäden an der Energieinfrastruktur durch die russischen Angriffe die Flugabwehr zu einem besseren Schutz der Anlagen aufgefordert. „Die Führung der Luftstreitkräfte muss beim Schutz deutlich schneller reagieren“, sagte Selenskyj. Er habe dies bei einem Treffen mit dem Verteidigungsminister und den Kommandeur der Luftstreitkräfte erklärt. Im ganzen Land gibt es massive Strom- und Heizungsausfälle. Die Lage sei nicht nur in der Hauptstadt Kiew schwierig, sondern unter anderem auch in den Regionen Charkiw, Saporischschja, Dnipropetrowsk, Tschernihiw und Sumy. „Klar, in Kiew gibt es jetzt die meisten Herausforderungen“, sagte Selenskyj. „Ein Großteil der Häuser hat keine Heizung, darunter auch solche, die schon seit langer Zeit ohne Heizung sind.“ Die bisherigen Ergebnisse seien nicht ausreichend, kritisierte der Präsident. „Ich erwarte von den Kiewer Behörden, dass sie ihre Arbeit verstärken – viele Städte und Gemeinden sind bereit zu helfen“, sagte er. „Ich habe die Regierung beauftragt, zusätzliche Ressourcen bereitzustellen.“ Es brauche auch mehr Wärmestellen.Selenskyj traf sich in Kiew auch mit seiner Delegation, die am Freitag und Samstag unter US-Vermittlung in Abu Dhabi direkte Verhandlungen mit der russischen Seite geführt hatte. „Nach langer Zeit gab es wieder ein Treffen mit den Amerikanern und Russen. Wir haben verschiedene Fragen eher militärischer Natur besprochen – Maßnahmen zur Beendigung des Krieges“, sagte Selenskyj. Dabei sei es auch um die Kontrolle und Überwachung eines möglichen künftigen Waffenstillstands gegangen, sagte er. Vorläufig sei geplant, dass sich die Teams erneut am nächsten Sonntag treffen. „Es wäre gut, wenn dieses Treffen vorgezogen werden könnte“, sagte Selenskyj. Russland dürfte den Verhandlungsprozess nicht für seine Zwecke nutzen, nötig sei vielmehr Druck auf Moskau, den Krieg zu beenden. „Die Partner dürfen das nicht vergessen“, sagte Selenskyj.

Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius sieht nur noch ​wenig Spielraum für Deutschland zur Unterstützung der Ukraine bei der Luftabwehr. Nach einem Treffen mit seinem litauischen Kollegen Robertas Kaunas am Montag in Berlin forderte er die Verbündeten auf, ​ihrerseits mehr zu tun. Deutschland habe bei der Luftverteidigung „überproportional viel getan“, sagte Pistorius. So seien mehr als ein Drittel ​der eigenen „Patriot“-Systeme abgegeben worden. „Mehr geht nicht, weil wir selber warten auf Ersatzlieferungen.“ Bei den „Iris-T“-Systemen sei Deutschland der einzige Lieferant und rüste die Ukraine ⁠kontinuierlich aus. Dies reiche ​angesichts der massiv gestiegenen russischen Angriffe jedoch nicht aus. „Deswegen wäre es gut, wenn ⁠der eine oder andere noch etwas findet und liefern kann, um ‍die Ukraine ‍zu unterstützen.“Der Aufbau der deutschen Brigade in Litauen schreite voran, sagte Pistorius weiter. Derzeit seien 500 Angehörige der Brigade permanent vor Ort. ⁠Ende Januar würden zwei in Deutschland stationierte Bataillone der Brigade unterstellt. ​Nach Fertigstellung der ​Infrastruktur in Litauen sollen ‌sie dorthin verlegt werden. Im Februar werde ‍zudem die multinationale Battlegroup unterstellt, womit dann rund 1800 Brigadeangehörige in Litauen ‍Dienst leisten würden. „Wir sind ⁠im Zeitplan“, sagte Pistorius.