FAZ 19.11.2025
21:22 Uhr

Krieg in der Ukraine: USA verhandeln offenbar mit Russland über neuen Ukraine-Plan


Russland dementiert neue Vorschläge +++ Auslieferung von Nord-Stream-Verdächtigem erlaubt +++ Mindestens 25 Tote bei russischen Angriffen auf westukrainische Stadt +++ alle Neuigkeiten im Liveblog

Krieg in der Ukraine: USA verhandeln offenbar mit Russland über neuen Ukraine-Plan

Der Ukraine-Sondergesandte von US-Präsident Donald Trump will sein Amt im Januar niederlegen. Keith Kellogg habe Vertrauten mitgeteilt, dass er die Regierung verlassen wolle, berichtet die Nachrichtenagentur Reuters unter Berufung auf vier Insider. Sein Abgang wäre ein Verlust für die Regierung in Kiew, da der pensionierte Generalleutnant als wichtiger Fürsprecher der Ukraine in der Trump-Regierung galt. Europäische Diplomaten schätzten ihn als offenes Ohr in einer Regierung, die zeitweise Moskaus Sicht auf die Ursprünge des Ukraine-Krieges zuneigte. Kellogg war Medienberichten zufolge in Konflikt mit dem US-Friedensbeauftragten Steve Witkoff geraten, der einen neuen Friedensplan vorantreibt, der Gebietsabtretungen der Ukraine vorsieht.

Die Ukraine hat erstmals einen russischen Kommandeur als Verdächtigen für einige der Tötungen im Kiewer Vorort Butscha im Jahr 2022 identifiziert. Der Zugführer der 76. Luftlandedivision sei für 17 Tötungen und vier Fälle von Misshandlungen verantwortlich, die von Truppen unter seinem Kommando begangen wurden, teilte die internationale Rechtsstiftung Global Rights Compliance unter Berufung auf ukrainische Ermittlungsunterlagen mit. Dies sei ein entscheidender Schritt zur Aufklärung der Befehlskette hinter den Massenhinrichtungen von Zivilisten, erklärte der stellvertretende ukrainische Generalstaatsanwalt Andrij Leschtschenko.Den Ermittlungen zufolge habe der Kommandeur seinen Truppen befohlen, Personen zu jagen und zu töten, die als Unterstützer der ukrainischen Streitkräfte galten. Nach den Tötungen habe er angeordnet, einige Leichen zu verbrennen, um die Verbrechen zu verschleiern. Der Mann befinde sich nicht in ukrainischem Gewahrsam. Bei der Rückeroberung Butschas Ende März 2022 nach einmonatiger russischer Besatzung hatten ukrainische Truppen Leichen auf den Straßen gefunden. Mehr als 450 Tote wurden aus Massengräbern geborgen, Hunderte weitere Menschen starben in der Region. Bislang hatten ukrainische Staatsanwälte nur gegen einfache Soldaten ermittelt, nicht gegen Kommandeure. Der Kreml bezeichnete die Ereignisse von Butscha als Inszenierung und Fälschung.

US-Präsident Donald Trump kommt nach Ansicht des ukrainischen Staatschefs Wolodymyr Selenskyj eine entscheidende Rolle im Bemühen um ein Ende des russischen Angriffskriegs zu. 

Inmitten von Nachrichten über einen neuen amerikanisch-russischen Plan für ein Ende des über dreieinhalbjährigen Kriegs führt eine US-Militärdelegation Gespräche in Kiew. Der ukrainische Verteidigungsminister Denys Schmyhal berichtete von einem Treffen mit Daniel Driscoll, dem für das Heer zuständigen Staatssekretär im US-Verteidigungsministerium. Die Ukraine sei für die USA ein verlässlicher Partner, sagte Schmyhal nach eigenen Angaben. Er stellte den Gästen neue Entwicklungen der ukrainischen Drohnentechnik vor, wie er auf Telegram schrieb.Neben dem Zivilbeamten Driscoll gehören der Delegation nach US-Medienberichten drei Generäle und andere Offiziere an. Sie sollen auch mit Präsident Wolodymyr Selenskyj sprechen, der am Mittwochabend von einer mehrtägigen Auslandsreise in die Ukraine zurückkehrte.

Ein russischer Angriff trifft abermals Zivilisten weit hinter der Front. Gleichzeitig wirbt Selenskyj in Ankara um stärkeren Druck auf Moskau, während Berichte über vertrauliche Kontakte zwischen Washington und dem Kreml kursieren, berichtet unser Korrespondent Stefan Locke aus Warschau:

Italiens oberstes Gericht hat den Weg für die Auslieferung des mutmaßlichen Drahtziehers der Anschläge auf die Nord-Stream-Gasleitungen in der Ostsee frei gemacht. Der Kassationshof in Rom entschied, dass der Ukrainer an die deutschen Behörden übergeben werden darf. Dies teilte der Anwalt des Beschuldigten Serhij K. mit.Festgenommen wurde er im Sommer während eines Familienurlaubs an der Adria.  Serhij K. bestreitet die Vorwürfe bis heute. Zwischenzeitlich war er wegen vermeintlich schlechter Behandlung im Hungerstreik. Der Kassationshof wird seine Entscheidung erst später schriftlich begründen. Der italienische Anwalt des Ukrainers, Nicola Canestrini, sagte zu der Auslieferung: „So groß die Enttäuschung auch ist: Ich vertraue auf einen Freispruch in Deutschland.“Deutschland hatte zuvor die Auslieferung von Serhij K. wegen des Anschlags auf die Nord-Stream-Gasleitungen beantragt. Die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe wirft dem 49 Jahre alten ehemaligen Hauptmann der ukrainischen Streitkräfte vor, als Drahtzieher maßgeblich für die Anschläge auf die russischen Nord-Stream-Gasleitungen am 26. September 2022 verantwortlich zu sein. Wie sich der mutmaßliche Drahtzieher zuvor gegen die Auslieferung wehren wollte, lesen Sie hier.

Vor dem Hintergrund schwerer russischer Angriffe auf die Ukraine hat der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan Kiew und Moskau zu einer Fortsetzung von Verhandlungen in Istanbul aufgefordert. Die Gespräche seien vor dem Hintergrund „zermürbender Auswirkungen des Krieges für beide Seiten“ wichtig, sagte Erdogan bei einer gemeinsamen Pressekonferenz mit seinem ukrainischen Amtskollegen Wolodymyr Selenskyj in Ankara. Selenskyj pflichtete Erdogan in der Frage von Verhandlungen bei. „Wir hoffen auf die Stärke der türkischen Diplomatie und dass sie in Moskau verstanden wird.“ Ohne konkreter zu werden, erwähnte der Ukrainer, dass „viele Prozesse aktiv sind“. Kiew bemühe sich auch den Gefangenenaustausch mit Russland wieder aufzunehmen. „Wir hoffen, bis Ende des Jahres die Austausche wieder aufzunehmen“, sagte Selenskyj. Eigenen Angaben zufolge wollte Selenskyj in der Türkei Gespräche für eine Wiederbelebung der Verhandlungen mit Russland zur Beendigung des Krieges führen. 

Russlands langjähriger Staatschef Wladimir Putin ist nach eigenen Angaben bei bester Gesundheit. Er habe sich kürzlich im Krankenhaus durchchecken lassen, sagte er vor dem Hintergrund anhaltender Spekulationen über seinen Zustand laut russischen Medien beim Besuch einer Ausstellung. „Gott sei Dank war alles gut“, erklärte der 73-Jährige in Moskau. Die Untersuchungen hätten zwei Tage in Anspruch genommen.

Als Reaktion auf den Sprengstoffanschlag auf eine Bahnstrecke will Polen seine Armee zur Bewachung der kritischen Infrastruktur einsetzen. Im Rahmen der Operation „Horizont“ sollen sich 10.000 Soldaten gemeinsam mit Angehörigen anderer uniformierter Dienste an der Überwachung wichtiger Objekte beteiligen, um Sabotageakten entgegenzuwirken, sagte Verteidigungsminister Wladyslaw Kosiniak-Kamysz. Die polnische Regierung beschuldigt russische Geheimdienste, hinter einem Sprengstoffanschlag auf die Bahnstrecke von Warschau nach Lublin zu stecken. In der Nähe der Ortschaft Mika rund hundert Kilometer südöstlich von Warschau waren am Samstag bei einer Explosion die Gleise zerstört worden. Weil ein Zugführer die Beschädigung bemerkte und meldete, wurde niemand verletzt. An der gleichen Strecke wurden noch weitere Beschädigungen festgestellt.

Bundeskanzler Friedrich Merz hat die massive Verschärfung russischer Angriffe auf die Infrastruktur in der Ukraine scharf verurteilt. „Das hat mit militärischen Zielen gar nichts mehr zu tun. Das ist ein reiner Terrorkrieg gegen die Zivilbevölkerung der Ukraine“, sagte der CDU-Politiker bei einem Treffen mit dem schwedischen Ministerpräsidenten Ulf Kristersson in Berlin.Merz rief die europäischen Partner zu einer Einigung über die Verwendung russischer Vermögenswerte im Dezember auf. „Das ist unser stärkster Hebel, um Moskau an den Verhandlungstisch zu bewegen und diesen schrecklichen Krieg perspektivisch zu beenden“, sagte er – und dankte dem schwedischen Gast für dessen Unterstützung in der Sache. 

Die Zahl der Opfer in dem von Russland am frühen Morgen angegriffenen westukrainischen Ternopil erhöht sich weiter. Behörden sprechen jetzt von mindestens 25 Toten. Landesweit seien rund 80 Menschen bei den massiven Raketen- und Drohnen-Angriffen verletzt worden. 25 Menschen werden noch vermisst. Zu dem Treffer in einem Hochhaus in Ternopil sagt Innenminister Ihor Klymenko im Fernsehen: „Offenbar hat die Feuerwalze vom neunten bis zum ersten Stock unsere Leute verschlungen. Sie hatten keine Zeit, aus ihren Wohnungen zu fliehen, weil alles in Flammen stand.“

Nach russischen Angriffen auf ukrainisches Gebiet nahe der Grenze zu Rumänien haben deutsche Kampfflugzeuge das Eindringen einer Drohne in den Luftraum des NATO-Landes festgestellt. Die Drohne sei etwa acht Kilometer weit in den rumänischen Luftraum eingedrungen und „tauchte etwa zwölf Minuten lang immer wieder auf dem Radar auf“, erklärte das rumänische Verteidigungsministerium am Mittwochmorgen. Es sei kein Bodenkontakt eines Fluggeräts oder von Geschossen gemeldet worden.Die beiden deutschen Kampfflugzeuge kontrollierten nach Angaben aus Bukarest in der Nacht auf Mittwoch den Luftraum des NATO-Landes, als das Signal der Drohnen kurz nach Mitternacht auf ihrem Radar erfasst wurde. Daraufhin seien zwei weitere Kampfflugzeuge der rumänischen Luftwaffe entsandt worden.Die deutsche NATO-Mission erklärte im Onlinedienst X, Eurofighter-Kampfflugzeuge seien im Einsatz gewesen. Nach einer Erfassung der Lage durch die deutschen Flieger habe die rumänische Luftwaffe den Einsatz übernommen.

Nach zwei mutmaßlichen Sabotageakten an einer polnischen Bahnstrecke in Richtung Ukraine hat die polnische Regierung die Schließung des russischen Konsulats in der nördlichen Hafenstadt Danzig angekündigt. Er habe beschlossen, der diplomatischen Vertretung Russlands in Danzig „die Zustimmung zu entziehen“, sagte Polens Außenminister Radoslaw Sikorski am Mittwoch vor Journalisten. Damit bleibt die russische Botschaft in Warschau die einzige diplomatische Vertretung Moskaus in Polen.Der Kreml kündigte angesichts Warschaus Entscheidung ähnliche Schritte an. „Als Gegenmaßnahme wird Russland die diplomatische und konsularische Präsenz Polens in Russland reduzieren“, erklärte russischen Staatsmedien zufolge die Sprecherin des russischen Außenministeriums, Maria Sacharowa.Am Samstag und Montag war eine Eisenbahnstrecke zwischen Warschau und Lublin, über die Hilfslieferungen in die Ukraine transportiert werden, sabotiert worden. In einem Fall hätte ein Zug vermutlich durch eine Stahlvorrichtung an den Schienen zum Entgleisen gebracht werden sollen. Ein Zugführer hatte jedoch Alarm geschlagen. In dem anderen Fall detonierte ein Sprengkörper während der Durchfahrt eines Güterzugs. Verletzt wurde beide Male niemand.Polens Regierungschef Donald Tusk machte zwei von Moskau beauftragte ukrainische Staatsbürger, die „seit langem mit russischen Diensten zusammenarbeiten“, für die beiden Sabotageakte verantwortlich. Auch Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) vermutete russische Verantwortung hinter den Taten. Die Vorfälle stünden im Zusammenhang mit „einer ganze Reihe von Sabotageakten, die wir auch in Deutschland gesehen haben.“ Der Kreml warf den polnischen Behörden „Russenfeindlichkeit“ vor. Polen ist ein wichtiges Drehkreuz für Hilfs- und Waffenlieferungen in die Ukraine. 

Bei einem schweren russischen Luftangriff sind in der Stadt Ternopil im Westen der Ukraine nach Behördenangaben mindestens 19 Menschen getötet worden. Es gebe nach den Angriffen auf Wohnviertel in der Stadt auch mindestens 66 Verletzte, darunter 16 Kinder, wie der Zivilschutzdienst bei Telegram mitteilte. Es seien zwei neunstöckige Gebäude getroffen und beschädigt worden.