FAZ 27.01.2026
13:22 Uhr

Krieg in der Ukraine: Tote und Verletzte in Odessa


Wieder russische Angriffe auf die Ukraine in der Nacht +++ EU-Staaten beschließen endgültigen Verzicht auf russisches Gas spätestens von Ende 2027 an +++ alle Neuigkeiten im Liveblog

Krieg in der Ukraine: Tote und Verletzte in Odessa

Der ukrainische Präsident Wolodomyr Selenskyj hat bekräftigt, dass sein Land im kommenden Jahr EU-Mitglied werden will. „Der Beitritt der Ukraine zur Europäischen Union ist eine der wichtigsten Sicherheitsgarantien nicht nur für uns, sondern für ganz Europa\", schrieb er am Dienstag bei Telegram. „Deshalb sprechen wir von einem konkreten Zeitpunkt – 2027 – und zählen auf die Unterstützung unserer Position durch unsere Partner.\" Zuvor hatte er mit dem österreichischen Bundeskanzler Christian Stocker telefoniert. Dabei sei es auch um die Energiesituation in der Ukraine gegangen. Selenskyj dankte Österreich dafür, dass es in der vergangenen Woche Mittel zur Unterstützung des ukrainischen Energiesektors bereitgestellt habe. Außerdem habe er Stocker über das Treffen der ukrainischen, amerikanischen und russischen Delegationen in den Vereinigten Arabisch Emiraten informiert. 

Angesichts der anhaltenden russischen Angriffe auf die Energieversorgung sichert sich die Ukraine finanzielle Unterstützung aus Europa für Gaskäufe. Über Instrumente der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung sollen 85 Millionen Euro für die Beschaffung zusätzlicher Gasmengen bereitgestellt werden, teilt Energieminister Denys Schmyhal auf der Plattform X mit. Die Arbeiten zur Sicherung der entsprechenden Finanzhilfe von einem europäischen Land seien fast abgeschlossen, fügt er ​hinzu.

Russland hat einen Abzug der ukrainischen Truppen aus dem Donbass als Möglichkeit für ein Kriegsende bezeichnet. „Ein Rückzug aus dem Donbass ist der Weg zum Frieden für die Ukraine\", schreibt der Sondergesandte des russischen Präsidenten Wladimir Putin, Kirill Dmitrijew, auf der Plattform X. Russland kontrolliert rund 90 Prozent des Donbass-Gebiets in der Ostukraine. ​Ein Hauptstreitpunkt der Verhandlungen über ein Kriegsende ist Putins Forderung, dass die Ukraine die unter ihrer Kontrolle verbliebenen Teile der Region abtritt. Putin hat wiederholt gedroht, Russland werde den Rest mit Gewalt einnehmen, sollte die ​Ukraine das Gebiet nicht aufgeben.

Die USA knüpfen Sicherheitsgarantien für die Ukraine einem Zeitungsbericht zufolge offenbar an einen Gebietsverzicht. ​Die US-Regierung habe dies der Ukraine entsprechend signalisiert, berichtet die „Financial Times“ unter Berufung auf acht mit den ​Gesprächen vertraute Personen. Demnach würde ein Friedensabkommen wahrscheinlich die Abtretung der Donbas-Region an Russland erfordern. Washington habe zudem in Aussicht gestellt, der ⁠Ukraine mehr Waffen zu ​liefern, falls sich Kiew aus den noch kontrollierten Teilen der Ostukraine zurückziehe.

Russland greift die ukrainische Großstadt Charkiw mit Drohnen und Raketen ​an. In der Stadt und der umliegenden Region fällt nach offiziellen Angaben ⁠bei 80 ​Prozent der Bevölkerung der Strom aus. Getroffen werden demnach ⁠neben der Energie-Infrastruktur auch Wohnhäuser, ‍eine Schule und ‍ein Kindergarten. Zwei Menschen werden verletzt, wie der Gouverneur der Region, Oleh Synjehubow, ⁠mitteilt. Auch aus der Stadt ​Krywyj Rih ​wird der Einschlag ‌einer Drohne in einem ‍Hochhaus gemeldet. Eine russische Stellungnahme liegt ‍zunächst nicht ⁠vor.

Wolodymyr Selenskyj hat in seiner abendlichen Videobotschaft angesichts der massiven Schäden an der Energieinfrastruktur durch die russischen Angriffe die Flugabwehr zu einem besseren Schutz der Anlagen aufgefordert. „Die Führung der Luftstreitkräfte muss beim Schutz deutlich schneller reagieren“, sagte Selenskyj. Er habe dies bei einem Treffen mit dem Verteidigungsminister und den Kommandeur der Luftstreitkräfte erklärt. Im ganzen Land gibt es massive Strom- und Heizungsausfälle. Die Lage sei nicht nur in der Hauptstadt Kiew schwierig, sondern unter anderem auch in den Regionen Charkiw, Saporischschja, Dnipropetrowsk, Tschernihiw und Sumy. „Klar, in Kiew gibt es jetzt die meisten Herausforderungen“, sagte Selenskyj. „Ein Großteil der Häuser hat keine Heizung, darunter auch solche, die schon seit langer Zeit ohne Heizung sind.“ Die bisherigen Ergebnisse seien nicht ausreichend, kritisierte der Präsident. „Ich erwarte von den Kiewer Behörden, dass sie ihre Arbeit verstärken – viele Städte und Gemeinden sind bereit zu helfen“, sagte er. „Ich habe die Regierung beauftragt, zusätzliche Ressourcen bereitzustellen.“ Es brauche auch mehr Wärmestellen.Selenskyj traf sich in Kiew auch mit seiner Delegation, die am Freitag und Samstag unter US-Vermittlung in Abu Dhabi direkte Verhandlungen mit der russischen Seite geführt hatte. „Nach langer Zeit gab es wieder ein Treffen mit den Amerikanern und Russen. Wir haben verschiedene Fragen eher militärischer Natur besprochen – Maßnahmen zur Beendigung des Krieges“, sagte Selenskyj. Dabei sei es auch um die Kontrolle und Überwachung eines möglichen künftigen Waffenstillstands gegangen, sagte er. Vorläufig sei geplant, dass sich die Teams erneut am nächsten Sonntag treffen. „Es wäre gut, wenn dieses Treffen vorgezogen werden könnte“, sagte Selenskyj. Russland dürfte den Verhandlungsprozess nicht für seine Zwecke nutzen, nötig sei vielmehr Druck auf Moskau, den Krieg zu beenden. „Die Partner dürfen das nicht vergessen“, sagte Selenskyj.

Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius sieht nur noch ​wenig Spielraum für Deutschland zur Unterstützung der Ukraine bei der Luftabwehr. Nach einem Treffen mit seinem litauischen Kollegen Robertas Kaunas am Montag in Berlin forderte er die Verbündeten auf, ​ihrerseits mehr zu tun. Deutschland habe bei der Luftverteidigung „überproportional viel getan“, sagte Pistorius. So seien mehr als ein Drittel ​der eigenen „Patriot“-Systeme abgegeben worden. „Mehr geht nicht, weil wir selber warten auf Ersatzlieferungen.“ Bei den „Iris-T“-Systemen sei Deutschland der einzige Lieferant und rüste die Ukraine ⁠kontinuierlich aus. Dies reiche ​angesichts der massiv gestiegenen russischen Angriffe jedoch nicht aus. „Deswegen wäre es gut, wenn ⁠der eine oder andere noch etwas findet und liefern kann, um ‍die Ukraine ‍zu unterstützen.“Der Aufbau der deutschen Brigade in Litauen schreite voran, sagte Pistorius weiter. Derzeit seien 500 Angehörige der Brigade permanent vor Ort. ⁠Ende Januar würden zwei in Deutschland stationierte Bataillone der Brigade unterstellt. ​Nach Fertigstellung der ​Infrastruktur in Litauen sollen ‌sie dorthin verlegt werden. Im Februar werde ‍zudem die multinationale Battlegroup unterstellt, womit dann rund 1800 Brigadeangehörige in Litauen ‍Dienst leisten würden. „Wir sind ⁠im Zeitplan“, sagte Pistorius. 

Außenminister Johann Wadephul (CDU) hat nach den Ukraine-Gesprächen zwischen Vertretern der Ukraine, Russlands und der USA in Abu Dhabi eine fehlende Kompromissbereitschaft Russlands angeprangert. Nach den Verhandlungen am Wochenende habe er hauptsächlich „ein stures Beharren Russlands in der entscheidenden territorialen Frage“ vernommen, sagte Wadephul bei einem Besuch in der lettischen Hauptstadt Riga. Die Voraussetzung für einen belastbaren Friedensschluss zwischen der Ukraine und Russland sei, „dass Russland überhaupt eine Bereitschaft zum Friedensschluss“ zeige, sagte der Außenminister bei einer Pressekonferenz. Wenn von Seiten Russlands „keine Beweglichkeit vorhanden ist, habe ich die Befürchtung, dass die Verhandlungen noch lange dauern können“, fügte er hinzu. „Deswegen müssen wir in Europa uns jetzt darauf einstellen, dass wir weiter gefordert sind, die Ukraine zu unterstützen.“  Wadephul forderte außerdem ein schärferes Vorgehen gegen die sogenannte russische Schattenflotte, mit der Moskau versucht, Sanktionen gegen seine Ölverkäufe zu umgehen. Das internationale Seerecht müsse dringend novelliert werden, sagte der CDU-Politiker in Riga. Das aktuelle Recht verhindere, gegen Schiffe und die Hintermänner vorzugehen. „Es kann nicht sein, dass uns hier einseitig dauerhaft die Hände gebunden sind.“ Es sei „sehr viel mehr Effektivität in der Bekämpfung dieser Schattenflotte“ nötig, verlangte Wadephul. Zwar werde gegen die Schiffe und deren Hintermänner schon in den Sanktionspaketen auf EU-Ebene vorgegangen. Es müsse aber einen vertieften Austausch unter den Ostseepartnern geben. Zudem müsse man auch gegen Schiffe vorgehen können, deren Flaggenstatus unklar sei – wo also unklar ist, in welchem Land die Tanker gemeldet sind. „Wir müssen jetzt alle Möglichkeiten des Seerechtes nutzen, derartige Schiffe zu stoppen“, sagte der Bundesaußenminister.

Das ukrainische Militär hat nach eigenen Angaben in der Nacht die Ölraffinerie Slawjansk Eko in der südrussischen Region Krasnodar angegriffen. Kampfdrohnen hätten das Gelände der Anlage getroffen, ​teilte die Armee über den Kurznachrichtendienst Telegram mit. Im Zielgebiet seien Explosionen zu hören gewesen. Ersten Informationen zufolge seien Teile einer Ölverarbeitungsanlage getroffen worden.

Zum Schutz ​kritischer Unterwasser-Infrastruktur richtet der finnische Grenzschutz gemeinsam mit anderen Ostsee-Anrainern und der EU-Kommission ein maritimes Überwachungszentrum ein. Dieses Zentrum ​solle im Finnischen Meerbusen entstehen, teilte die Behörde am Montag mit. Die zuständigen ​Stellen müssten in der Lage und befugt sein, in den Hoheitsgewässern und der ausschließlichen Wirtschaftszone ⁠einzugreifen.Der ​Ostseeraum ist seit dem russischen Einmarsch in die Ukraine im ⁠Februar 2022 in erhöhter Alarmbereitschaft. Hintergrund ‍sind mehrere Vorfälle, ‍bei denen Stromkabel, Telekommunikationsverbindungen und Gaspipelines beschädigt wurden. Die NATO hat ihre Präsenz in ⁠der Ostsee inzwischen mit Fregatten, Flugzeugen und ​Drohnen ​verstärkt. 

Die EU hat ein Importverbot für russisches Gas ab 2027 beschlossen. Die Europaminister der 27 Mitgliedstaaten gaben am Montag in Brüssel final grünes Licht für den Plan, nach dem spätestens zum 1. November 2027 kein Gas mehr aus Russland in die EU eingeführt werden darf. Die Umweltorganisation Greenpeace forderte unterdessen den vollständigen Ausstieg aus fossilen Brennstoffen. Der Zeitplan der EU sieht vor, in einem ersten Schritt den Abschluss neuer Gas-Verträge mit Russland zu verbieten. Das Verbot greift sechs Wochen nach Inkrafttreten des vereinbarten Gesetzes, voraussichtlich also im Frühjahr.Rund ein Drittel ihrer russischen Importe beziehen europäische Abnehmer aus kurzfristigen Verträgen, die einfacher kündbar sind. Diese Lieferungen sollen dem Gesetzentwurf zufolge ebenfalls 2026 enden: zum 25. April für LNG und zum 17. Juni für Pipeline-Gas.

Estlands Außenminister Margus Tsahkna hat die jüngsten Äußerungen des früheren Bundeskanzlers Gerhard Schröder und Warnungen vor einer „Dämonisierung“ Russlands scharf kritisiert. Aufrufe, ein Land, das den brutalsten Krieg in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg führt, nicht zu dämonisieren, seien „schlichtweg entsetzlich“, schrieb Tsahkna auf der Plattform X. Gleiches gelte für die Andeutungen auf eine erneute Zusammenarbeit im Energiebereich mit Russland.Schröder hatte zuvor Russlands Angriffskrieg auf die Ukraine in einem Gastbeitrag für die „Berliner Zeitung“ als völkerrechtswidrig bezeichnet, aber zugleich nachgeschoben: „Ich bin aber auch gegen die Dämonisierung Russlands als ewiger Feind.“ Auch plädierte der SPD-Politiker, der seit Jahren wegen seiner langjährigen Freundschaft zum russischen Präsidenten Wladimir Putin und Tätigkeiten für russische Öl- und Gaskonzerne in der Kritik steht, für die Wiederaufnahme von Energielieferungen aus dem Land.In einer weiteren Mitteilung seines Ministeriums bezeichnete Tshakna die Äußerungen Schröders als „heimtückischen Versuch“, Europa zu spalten. Damit solle es vom aktuellen Kurs des Drucks auf Russland abgebracht und zu alten Fehlern zurückgeführt werden. „Russlands umfassende Aggression gegen die Ukraine ist die direkte Folge jahrelanger Beschwichtigungspolitik und jahrzehntelanger Überzeugung, Handel könne Aggressionen eindämmen“, schrieb der estnische Außenminister. „Wandel durch Handel ist gescheitert“. Es gebe kein Zurück.

Lettlands Verfassungsschutz warnt vor einer immer stärkeren Bedrohung durch Russland. Die von Russland ausgehenden Sicherheitsrisiken nähmen in Europa deutlich zu, schreibt die Behörde in ihrem Jahresbericht für 2025. Zugleich stelle Russland derzeit keine direkte militärische Bedrohung für das baltische EU- und Nato-Land dar. Einige Anzeichen wie die russischen Narrative und Propaganda über Lettland deuteten aber auf mögliche langfristige Pläne hin, heißt es weiter. Nach Einschätzung des lettischen Verfassungsschutzes hat sich Moskaus Wahrnehmung des Westens als existenzielle Bedrohung verschärft. Russland sehe sich bereits in einer direkten Konfrontation mit dem Westen - nicht nur in der Ukraine, sondern auch global und ideologisch. Diese Wahrnehmung erhöhe das Risiko von Fehlkalkulationen und bedeute eine deutliche Zunahme der Sicherheitsrisiken für Europa, heißt es im Bericht.Russland hat 2025 nach Angaben des Geheimdienstes nicht nur seine gegen den Westen gerichteten Aktivitäten fortgesetzt und Sabotageakte und Desinformationskampagnen durchgeführt. Auch habe es den Willen und die Bereitschaft gezeigt, Cyberangriffe auf industrielle Steuerungssysteme in Lettland und westlichen Ländern durchzuführen. Dies ziele darauf ab, Unsicherheit und Misstrauen in der Bevölkerung erzeugen und die Einheit des Westens bei der Unterstützung der Ukraine zu untergraben.

Die EU-Staaten haben den vollständigen Importstopp von Gas aus Russland bis spätestens Ende 2027 endgültig beschlossen. Demnach soll die Einfuhr von russischem Gas über Pipelines schrittweise und ab spätestens 1. November 2027 komplett eingestellt werden, inklusive langfristiger Verträge. 24 der 27 EU-Staaten stimmten in Brüssel für eine entsprechende Verordnung, somit wurde die notwendige Mehrheit erreicht. Unterhändler der Mitgliedsstaaten und des Europaparlaments hatten im Dezember die Verordnung ausgehandelt, die nun final bestätigt wurde. Die Abgeordneten des EU-Parlaments gaben bereits grünes Licht. Einer Analyse der EU-Kommission zufolge bedeutet der Komplettverzicht auf russisches Gas kein Risiko für die Versorgungssicherheit. Auf dem Weltmarkt gebe es genügend andere Anbieter, hieß es im vergangenen Jahr aus Brüssel. Verbraucher müssten sich demnach keine großen Sorgen über steigende Gaspreise machen. Die Kommission hatte den nun beschlossenen Einfuhrstopp vorgeschlagen.