FAZ 31.12.2025
14:57 Uhr

Krieg in der Ukraine: Selenskyj in Neujahrsansprache: Friedensabkommen „90 Prozent fertig“


Moskau will Zweifel an angeblichem Angriff auf Putins Residenz zerstreuen +++ Medienbericht: Bis zu 15.000 europäische Soldaten könnten in Ukraine entsandt werden +++ alle Neuigkeiten im Liveblog

Krieg in der Ukraine: Selenskyj in Neujahrsansprache: Friedensabkommen „90 Prozent fertig“

Die Ukraine hat nach Militärangaben mit deutscher Hilfe zwei weitere leistungsstarke Flugabwehrsysteme vom Typ Patriot erhalten. Die Waffen seien bereits zum Schutz ukrainischer Städte und wichtiger Infrastruktur in Einsatz, teilte das Verteidigungsministerium in Kiew mit. Nach Angaben des Verteidigungsministers Denys Schmyhal sei dies möglich geworden „dank der jüngsten Vereinbarungen mit der deutschen Regierung“.Das Bundesverteidigungsministerium hatte im vergangenen August die schrittweise Lieferung von Komponenten für zwei Patriot-Systeme angekündigt. Deutschland werde im Gegenzug von den USA bevorzugt und schnell mit Patriots der neuesten Generation beliefert, hieß es damals. Norwegen kündigte im Sommer an, die Lieferung der zwei Systeme an Kiew finanziell zu unterstützen. 

Bei einem ukrainischen Drohnenangriff auf ​ein Hotel und ein Café in der Region Cherson sind ⁠nach Angaben ​des von Russland eingesetzten Gouverneurs Wladimir Saldo mindestens 24 ⁠Personen getötet worden. Mehr ‍als 50 weitere ‍Personen seien verletzt worden, teilt Saldo auf Telegram mit. Der ⁠Angriff habe sich in dem Küstenort ​Chorly ​ereignet. Zum ‌Zeitpunkt des Angriffs hätten in ‍dem Hotel und dem ‍Cafe Neujahrsfeierlichkeiten stattgefunden. 

Donald Trump soll vom CIA-Chef John Ratcliffe über die Erkenntnisse unterrichtet worden sein. Am selben Tag teilte der US-Präsident dann überraschend einen sehr Putin-kritischen Artikel.

Inmitten der Verhandlungen um ein Ende des Ukraine-Kriegs hat Donald Trump überraschend einen sehr russlandkritischen Artikel auf seiner Plattform Truth Social geteilt. Das Boulevardblatt „New York Post“ stellt in dem Stück Kremlchef Wladimir Putin als eigentliche Hürde auf dem Weg zum Frieden dar und geht hart mit ihm ins Gericht. Unter anderem heißt es dort, jeder Angriff auf Putin sei „mehr als gerechtfertigt“. „Wir brauchen seine Krokodilstränen nicht, stattdessen sollte der Druck erhöht werden“. Es wird dafür plädiert, dass Russland keine weiteren Zugeständnisse gemacht werden sollten, sondern ein härteres Vorgehen nötig sei. Kiew habe seinen Teil beigetragen – nun liege es an Putin, zu handeln. Der US-Präsident verbreitet regelmäßig Artikel von Medien, die ihm nahestehen. In manchen Fällen kommentiert er sie – dies war beim vorliegenden Stück nicht der Fall. In der Vergangenheit war Trump immer wieder Russlandnähe vorgeworfen worden, unter anderem, weil er zeitweise kremlnahe Positionen übernommen hatte.

Die FDP-Verteidigungspolitikerin Marie-Agnes Strack-Zimmermann hat davor gewarnt, den russischen Angaben über einen ukrainischen Drohnenangriff auf eine Residenz von Präsident Wladimir Putin zu glauben. „99,9 Prozent der Nachrichten, die aus dem Kreml kommen, sind Lug und Trug“, sagte die Vorsitzende des Verteidigungsausschusses im EU-Parlament den Zeitungen der Funke Mediengruppe. Putins „menschenverachtende Geschichte“ über den angeblichen Drohnenangriff gehöre „in die Tonne“, fügte sie hinzu.

Ukrainische Drohnen haben nach offizieller Darstellung aus Kiew ein Treibstofflager in der Region Jaroslawl nordöstlich von Moskau getroffen und in Brand gesetzt. Das teilte der ukrainische Geheimdienst SBU der Agentur Ukrinform mit. Das Terminal „Temp“ in der Stadt Rybinsk gehöre zu den strategischen Reserven Russlands. „Der SBU unterbricht mit chirurgischer Präzision weiterhin die Lieferketten russischer Erdölprodukte sowohl ins Ausland als auch an die Truppen, die die Ukraine angreifen“, wurde ein namentlich nicht genannter Geheimdienstmitarbeiter zitiert.Die Agentur veröffentlichte dazu ein Video, auf dem ein Großbrand hinter verschneiten Häusern zu sehen ist. Die genaue Örtlichkeit dazu war nicht zu erkennen. Von russischer Seite gab es zu dem ukrainischen Bericht keine Angaben. Jaroslawl liegt etwa 280 Kilometer nordöstlich von Moskau und ist mehr als 800 Kilometer von der Ukraine entfernt.

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat in seiner Neujahrsbotschaft den Glauben an den Frieden hervorgehoben. Das auslaufende Jahr sei geprägt gewesen „von der Treue und Standhaftigkeit, den Prinzipien und der täglichen Arbeit der Ukrainer“, teilte er auf Facebook und X mit. „Dieses Jahr wurde möglich dank unserer Verteidiger – denen, die es nicht nur für die Ukraine, sondern für alle verteidigt haben, die Freiheit und Würde schätzen.“Man gehe nun gemeinsam weiter „mit dem, was uns zusammenhält: Erfahrung und Erinnerung, unsere Muttersprache, Hoffnung und Glaube“, teilte Selenskyj mit. Zudem nehme man die Fähigkeit zur Zusammenarbeit und Menschlichkeit in das neue Jahr mit. „Wir glauben an den Frieden, kämpfen dafür und arbeiten dafür“, schloss er seine Botschaft mit den besten Wünschen für das neue Jahr. Selenskyj posierte zusammen mit seiner Ehefrau Olena vor einem festlich geschmückten Weihnachtsbaum.Kremlchef Wladimir Putin hatte in seiner Neujahrsansprache dagegen seinen Glauben an den Sieg im Krieg gegen die Ukraine betont und sich siegessicher gezeigt. „Ich gratuliere unseren Kämpfern und Kommandeuren zum beginnenden Neuen Jahr! Wir glauben an sie und an unseren Sieg“, sagte Putin laut dem von Staatsmedien veröffentlichten Text der aufgezeichneten Videoansprache.Die russischen Soldaten, denen die Ukraine Kriegsverbrechen vorwirft, bezeichnete Putin als „Helden“. „Millionen Menschen in ganz Russland – das versichere ich ihnen! – sind in dieser Silvesternacht bei ihnen. Sie denken an sie, fühlen mit ihnen, hoffen auf sie. Wir sind vereint in unserer aufrichtigen, selbstlosen und treuen Liebe zu Russland“, sagte Putin. Von den Verhandlungen mit den Vereinigten Staaten über eine Beendigung des Krieges oder der Hoffnung auch vieler Russen auf Frieden war aber keine Rede in der Botschaft.

Russland bemüht sich, die Zweifel an der Geschichte vom ukrainischen Drohnenangriff auf Wladimir Putins Residenz im Waldaj-Höhenzug zwischen Moskau und Sankt Petersburg zu zerstreuen. Das Verteidigungsministerium in Moskau veröffentlichte am Mittwoch eine Karte, um zu illustrieren, wie die ukrainischen Streitkräfte die Residenz in der Nacht auf Montag mit insgesamt 91 Langstreckendrohnen hätten angreifen wollen. Abgefeuert worden seien diese in den ukrainischen Grenzgebieten von Tschernihiw und Sumy, sagte ein Militär in Moskau. Über dem russischen Gebiet Brjansk seien 49 der Drohnen abgeschossen worden, über dem Gebiet Smolensk eine und über dem Nowgoroder Gebiet 41. Eingezeichnet waren blaue Linien, die Flugbahnen darstellen sollten – indes gleichermaßen tatsächliche und hypothetische. Denn auch nach rötlich eingezeichneten Abschüssen wurden die Linien weitergeführt, obwohl die jeweiligen Orte teils Hunderte Kilometer südlich der Residenz gelegen haben sollen. Gezeigt wurde auch ein Video von Resten einer Drohne im Schnee, das offenbar in einem Waldstück aufgezeichnet wurde, unklar blieb, wo und wann. In einem anderen Video erzählte ein maskierter Militär von einem Angriff auf ein „geschütztes Objekt auf dem Territorium des Nowgoroder Gebiets im Bezirk Waldaj“. Eingeblendet wurde ein Video, das einen angeblichen Abschuss einer Drohne in der fraglichen Nacht zeigen sollte. Schließlich verbreiteten das Ministerium und Staatsmedien noch ein Video eines angeblichen Zeugen in der Kleinstadt Waldaj, die nahe der Residenz liegt. Der Mann erzählte, er habe zur fraglichen Zeit das „Geräusch von Raketen“ gehört, gemeint waren offenbar Flugabwehrgeschosse. Putins Außenminister, Sergej Lawrow, hatte die Geschichte von einem ukrainischen Angriff auf die Residenz am Montag vor dem Hintergrund des am Sonntag recht harmonisch und ohne Eklat abgelaufenen Treffens des amerikanischen Präsidenten Donald Trump mit dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj in Florida verbreitet. Wenig später erzählte Putin Trump die Geschichte dann in einem Telefonat und der Amerikaner reagierte laut Kreml „schockiert“ darauf. Moskau geht es offenkundig darum, Trump in den Gesprächen über ein hypothetisches Ende des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine zurück zu einem härteren Kurs gegenüber Kiew und dessen europäischen Unterstützern zu bewegen. Man werde herausfinden, was geschehen sei, hatte Trump am Montag gesagt. Weiterer Hintergrund des Briefings des Verteidigungsministeriums, das an Vorgängeraktionen wie etwa zum Abschuss von Flug MH17 im Sommer 2014 über der Ostukraine anknüpft, bei denen jeweils russische Narrative illustriert wurden, dürften Äußerungen des amerikanischen Botschafters bei der NATO sein. Matthew Whitaker hatte am Dienstag Zweifel an der russischen Version geäußert. Man werde der Sache anhand der Aufklärungsdaten „auf den Grund gehen“, sagte Whitaker. Das Wichtigste sei, was die Geheimdienste der USA und ihrer Verbündeten dazu sagten, „ob dieser Angriff stattgefunden hat oder nicht“. Selenskyj hatte von einer „neuerlichen Lüge“ Russlands gesprochen.

Bei russischen Angriffen auf Odessa sind nach ukrainischen Angaben vier Menschen verletzt worden. Darunter seien drei Kinder, erklärte der Leiter der örtlichen Militärverwaltung am Mittwoch im Onlinedienst Telegram.Die Angriffe erfolgten, nachdem Moskau der Ukraine am Montag einen Drohnenangriff auf eine Privatresidenz von Kreml-Chef Wladimir Putin vorgeworfen hatte. Kiew dementierte die Angaben und erklärte, Moskau habe keine Beweise für den Angriff vorgelegt. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj warf Moskau vor, mit den Anschuldigungen die diplomatischen Bemühungen der USA zur Beendigung des Krieges zu untergraben.

Die russische Armee hat nach ukrainischen Angaben die Region Odessa am Schwarzen Meer mit zahlreichen Drohnen angegriffen. Es seien in der Hafenstadt Odessa zwei mehrstöckige Wohngebäude und die Infrastruktur getroffen und beschädigt worden, vier Menschen, unter ihnen drei Kinder im Alter von sieben Monaten, acht und 14 Jahren, seien verletzt worden, schrieb der Chef der Militärverwaltung der Stadt Odessa, Serhij Lyssak, auf Telegram laut ukrainischen Medien. In einem Hochhaus sei ein Brand ausgebrochen. Der regionale Militärverwalter Oleh Kiper berichtete auf Telegram ebenfalls, die Region Odessa werde massiv mit Drohnen angegriffen. Ziel sei erneut die zivile Energie- und Stromversorgung. In einer Ortschaft der Region seien Lagerhäuser eines Logistikunternehmens in Brand geraten. Informationen über Opfer würden noch geprüft. Die Angaben konnten zunächst nicht unabhängig überprüft werden. 

Mehrere europäische Staaten sind laut einem Medienbericht bereit, sich an der ​Überwachung eines möglichen Waffenstillstands zwischen Russland und der Ukraine zu beteiligen. „Die Pläne dafür, wie die Sicherheitsgarantien für die Ukraine aussehen könnten, sind bereits fertig ausgearbeitet. Sie wurden im Wesentlichen von Militärexperten der britischen und französischen Streitkräfte in Zusammenarbeit mit Brüssel erstellt“, berichtete die Zeitung „Die Welt“ am Mittwoch vorab ​unter Berufung auf EU-Diplomaten.Frankreich und Großbritannien seien demnach offenbar bereit, sogenannte robuste Sicherheitsgarantien abzugeben. Damit seien sie im Notfall auch befähigt, mit Bodentruppen für die Einhaltung des Friedens zu kämpfen. ​Als Größenordnung für den Einsatz europäischer Bodentruppen werde von Diplomaten für die ersten sechs Monate – je nach Einmeldungen der beteiligten Staaten – eine Zahl von „10.000 bis 15.000“ genannt.In Diplomatenkreisen heiße es, Frankreich und Großbritannien seien bereit, sich auch ohne ein ⁠Mandat der Vereinten Nationen oder der Europäischen Union ​an der Überwachung eines Waffenstillstands zu beteiligen, so das Blatt. Beiden Ländern würde eine Einladung der Ukraine genügen. Die Überwachung ⁠des Waffenstillstands aus der Luft und von der See solle von den Nachbarstaaten der Ukraine aus sichergestellt werden. In ‍den Planungen zur Überwachung ‍des Waffenstillstands spiele auch die Türkei eine Rolle. So könne Ankara der Zeitung zufolge die Schwarzmeer-Region überwachen.

Im Umland der russischen Hauptstadt Moskau ist nach einem Feuer in einem Umspannwerk die Stromversorgung für mehr als 100.000 Menschen ausgefallen. Einer Mitteilung der Stadtverwaltung von Ramenskoje zufolge ist die Ursache ein Kabelbrand. Allerdings wurde gleichzeitig in der Region ein größerer ukrainischer Drohnenangriff gemeldet. Betroffen von dem Stromausfall sind auch Bewohner der Städte Schukowski und Lytkarino. Die Stadtverwaltung versprach die schnelle Behebung der Schäden.Das russische Militär meldete am Abend den Abschuss von mehr als 100 ukrainischen Drohnen innerhalb von vier Stunden. Der Großteil davon sei in der westrussischen Region Brjansk an der Grenze zur Ukraine abgefangen worden, aber acht Drohnen auch über dem Moskauer Umland. Drei davon seien Richtung Hauptstadt unterwegs gewesen, teilte das Militär mit. Später berichtete Moskaus Bürgermeister Sergej Sobjanin von weiteren abgefangenen unbemannten Flugapparaten. Wegen der Drohnenangriffe mussten auch die Moskauer Flughäfen zeitweise den Betrieb einstellen. Russland beschießt seit Beginn des von Kremlchef Wladimir Putin Anfang 2022 befohlenen Kriegs systematisch das Hinterland des Nachbarn mit Drohnen, Raketen und Marschflugkörpern. Aber auch die Ukraine attackiert inzwischen Objekte — vorwiegend der Öl- und Gaswirtschaft — weit hinter der russischen Grenze. Ziel ist es, die Treibstoffversorgung des russischen Armee und die Kriegsfinanzierung zu erschweren. Die Schäden stehen aber keinem Vergleich zum Ausmaß der Zerstörungen und der Anzahl der Opfer, die russische Angriffe in der Ukraine fordern.

In Estland hat ein Mann eine Säule am Haupteingang des Parlaments des baltischen EU- und Nato-Landes mit einem Symbol für den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine beschmiert. Der estnische Staatsbürger wurde nach Angaben der Polizei auf frischer Tat dabei ertappt, wie er in der Nacht an dem Gebäude in der Hauptstadt Tallinn ein „Z“ anbrachte. Der Buchstabe ist zu einem Symbol für die Unterstützung Russlands geworden — er wurde zunächst von russischen Streitkräften im Kriegsgebiet verwendet und steht für „za pobedu“ („Für den Sieg“). Behördenangaben zufolge wurde der wegen ähnlicher Taten bereits polizeibekannte 32 Jahre alte Mann vom Sicherheitsdienst der Volksvertretung Riigikogu festgenommen. Gegen ihn wurde ein Strafverfahren eingeleitet. In Estland ist die Verwendung des Z-Symbols in der Öffentlichkeit in Reaktion auf Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine verboten worden. Vergehen können juristisch geahndet werden. 

In den Bemühungen um eine Beendigung des russischen Kriegs in der Ukraine soll es nach Angaben aus Kiew Anfang Januar einen weiteren Gipfel geben. Geplant sei zunächst ein Treffen der nationalen Sicherheitsberater aus der „Koalition der Willigen“ am 3. Januar in der Ukraine, schrieb der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj bei Telegram. Kurz darauf, am 6. Januar, sei dann ein weiteres Treffen auf der Ebene der Staatschefs geplant. „Wir sind dem Team von Präsident Trump für die Bereitschaft dankbar, an beiden Formaten teilzunehmen“, fügte er mit Blick auf US-Präsident Donald Trump hinzu. Als „Koalition der Willigen“ verstehen sich westliche Länder, die der Ukraine helfen.Erst am Wochenende hatte Trump Selenskyj in Florida zu Gesprächen über ein Kriegsende empfangen. Obwohl sich beide Seiten anschließend optimistisch zum Fortgang der Verhandlungen gaben, wurden keine konkreten Fortschritte bekannt.