FAZ 01.02.2026
11:45 Uhr

Krieg in der Ukraine: Selenskyj: Gespräche zwischen Moskau und Kiew verschoben


Treffen in Abu Dhabi sollen Mittwoch und Donnerstag stattfinden +++ Tote nach russischem Angriff vor neuer Gesprächsrunde +++ Pistorius: „Keine Anzeichen dafür, dass Russland ernsthaft Frieden will“ +++ alle Neuigkeiten im Liveblog

Krieg in der Ukraine: Selenskyj: Gespräche zwischen Moskau und Kiew verschoben

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj wirft Russland vor, gezielt die Logistik und Verbindungen zwischen Städten und Gemeinden zu zerstören. In der ​vergangenen Woche habe das russische Militär mehr als 980 Angriffsdrohnen, fast 1100 lenkbare Fliegerbomben und zwei Raketen gegen die Ukraine eingesetzt, schreibt ​Selenskyj auf der Plattform X. Dies zeige, wie wichtig der Schutz des Luftraums weiterhin sei. 

Bei einem russischen Drohnenangriff in der Stadt Dnipro sind nach Behördenangaben in der Nacht zwei Menschen getötet worden. Ein Mann und eine Frau starben, wie Militärgouverneur Olexander Hanscha mitteilte. Es sei ein Feuer ausgebrochen. Ein Haus sei zerstört, zwei weitere Gebäude seien beschädigt worden. Die ukrainischen Luftstreitkräfte meldeten insgesamt 90 russische Drohnenangriffe im Land, insgesamt habe es gut ein Dutzend Einschläge gegeben.Russen und Ukrainer haben für diesen Sonntag eine neue Verhandlungsrunde in Abu Dhabi über ein Ende des Krieges angekündigt. Nach russischen Angaben sind diesmal keine US-Vermittler dabei. Eine Friedensvereinbarung ist bisher nicht in Sicht. 

Ukrainer und Russen wollen heute in den Vereinigten Arabischen Emiraten ihre vor einer Woche begonnenen direkten Verhandlungen über eine Beendigung des Krieges wieder aufnehmen. Der Kreml in Moskau und der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj bestätigten den Termin in der Hauptstadt Abu Dhabi zwar, nannten aber – wie in der vergangenen Woche – weder einen genauen Ort noch einen Zeitpunkt. Vor einer Woche liefen die Gespräche unter Ausschluss der Öffentlichkeit und unter Vermittlung der USA mit ihrem Chefunterhändler Steve Witkoff. Diesmal verhandeln die Kriegsparteien ohne US-Vertreter.Witkoff traf sich indes am Samstag in Miami mit Kreml-Unterhändler Kirill Dmitrijew. Der Russe teilte bei X mit, es habe ein konstruktives Treffen mit der US-Delegation gegeben. Er habe auch produktive Gespräche mit einer Arbeitsgruppe zu den amerikanisch-russischen Wirtschaftsbeziehungen geführt. 

Die Ukraine bereitet sich nach Angaben von Präsident Wolodymyr Selenskyj auf weitere Gespräche über ein Ende des russischen Angriffskriegs in der kommenden Woche vor. „Wir rechnen mit Treffen in der kommenden Woche und bereiten uns darauf vor“, sagte Selenskyj am Samstag in seiner abendlichen Videoansprache. Selenskyjs Äußerungen könnten darauf schließen lassen, dass ein bisher für Sonntag geplantes Treffen in Abu Dhabi möglicherweise verschoben wird.„Wir stehen in ständigem Kontakt mit den USA und warten auf Details zu den bevorstehenden Treffen“, sagte Selenskyj. „Die Ukraine ist bereit, in allen Arbeitsformaten mitzuwirken. Es ist wichtig, dass diese Treffen stattfinden und zu konkreten Ergebnissen führen“, fügte der Präsident hinzu. 

In der Ukraine ist es am Samstag zu massiven Stromausfällen gekommen – verantwortlich war nach Regierungsangaben eine „technische Störung“. Diese sei am Morgen an den Hauptstromleitungen zwischen Rumänien, Moldau und der Ukraine aufgetreten. In der Folge stand erstmals seit Beginn des russischen Angriffskrieges 2022 die U-Bahn in Kiew komplett still. Erst am Abend war die Stromversorgung in der Hauptstadt wiederhergestellt. Auch im Nachbarland Moldau kam es zu massiven Stromausfällen.Es hätten wegen der „technischen Störung“ am Morgen Not-Stromabschaltungen stattgefunden, um die Kernkraftwerke des Landes zu entlasten, erklärte Energieminister Denys Schmyhal im Onlinedienst Telegram. Diese seien nötig gewesen, um Schäden an den Anlagen zu verhindern. Fast 3.500 Häuser in verschiedenen Stadtteilen der Millionenmetropole sind ohne Heizung. „Die Stadt, die Versorgungsbetriebe und die Energieversorger versprechen, die Situation in Bezug auf die Wärme bis morgen früh so weit wie möglich zu beheben. Aber das Tempo muss schneller sein“, sagte Selenskyj. 

Der russische Wirtschaftsgesandte Kirill Dmitrijew, der für sein Land auch an den Verhandlungen über ein Ende des Ukraine-Kriegs teilnimmt, führt derzeit neue Gespräche mit US-Vertretern in Florida. Dies will die Nachrichtenagentur AFP am Samstag aus Verhandlungskreisen erfahren haben. Die Gespräche haben demnach um 8.00 Uhr begonnen. Angaben über den Inhalt der Gespräche und die Mitglieder der Verhandlungsdelegationen wurden nicht gemacht.Dmitrijew hatte seinerseits kurz zuvor im Onlinenetzwerk Instagram mitgeteilt, dass er „zurück in Miami“ sei. Weitere Angaben machte der Wirtschaftsgesandte des russischen Präsidenten Wladimir Putin nicht. Die Gespräche in Florida finden nur einen Tag vor geplanten neuen Treffen zwischen Vertretern Kiews und Moskaus in Abu Dhabi statt. Beide Seiten wollen in der Hauptstadt der Vereinigten Arabischen Emirate ihre von den Vereinigten Staaten vermittelten Gespräche über den Ukraine-Krieg fortsetzen. Sie hatten am vergangenen Wochenende erstmals direkt miteinander über den amerikanischen Plan zur Beendigung der Kämpfe gesprochen. Hauptstreitpunkt bei den Verhandlungen ist die Forderung Moskaus nach einem Rückzug der Ukraine aus der Region Donezk, der von Kiew entschieden abgelehnt wird. 

Das ehemalige Atomkraftwerk Tschernobyl war ​am Samstag nach Angaben der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) kurzzeitig von der externen Stromversorgung abgeschnitten. Der Anschluss sei inzwischen wiederhergestellt, teilte IAEA-Chef Rafael Grossi auf der Plattform X ​mit. Aufgrund technischer Probleme im Stromnetz hätten zudem andere ukrainische Kernkraftwerke ihre Leistung vorübergehend gedrosselt. Direkte Auswirkungen ​auf die nukleare Sicherheit seien nicht zu erwarten, die Gesamtlage bleibe jedoch prekär, erklärte Grossi weiter.Das Kraftwerk liegt etwa 110 ⁠Kilometer nördlich der Hauptstadt Kiew ​und war am 26. April 1986 Schauplatz der weltweit schwersten zivilen Atomkatastrophe. ⁠Damals explodierte der vierte Reaktorblock, wodurch eine radioaktive Wolke ‍über weite Teile ‍Europas zog. Die Anlage ist inzwischen vollständig stillgelegt, nachdem der Reaktor im Dezember 2000 abgeschaltet worden war. Über der Ruine ⁠wurde 2016 eine neue Schutzhülle errichtet. Russland übernahm nach ​Beginn seiner ​Invasion im Februar 2022 die ‌Kontrolle über die Anlage, zog ‍dann im März wieder ab. 

Russland hat nach einem erklärten vorübergehenden Verzicht auf den Beschuss von Energieanlagen dem Verteidigungsministerium zufolge seine Angriffe auf andere Ziele fortgesetzt. Es seien von den ukrainischen Streitkräften genutzte Objekte der Verkehrsinfrastruktur und Munitionsdepots beschossen worden, teilte das russische Ministerium mit.Die ukrainischen Luftstreitkräfte meldeten, dass Russland in der Nacht zum Samstag 85 Drohnen eingesetzt habe. Über Einschläge in Energieanlagen war demnach zunächst nichts bekannt. Auch Russland berichtete von abgewehrten ukrainischen Angriffen. Es seien unter anderem 47 Drohnen und vier Gleitbomben abgeschossen worden. Zu Schäden machte das Ministerium wie immer keine Angaben.Russen und Ukrainer wollen an diesem Sonntag in Abu Dhabi ihre am vergangenen Wochenende nach langer Zeit wieder aufgenommenen direkten Verhandlungen über ein mögliches Ende des Krieges fortsetzen. Russland erklärte sich nach einer Bitte von US-Präsident Donald Trump bereit, wegen der extremen Kälte und der ohnehin großen Schäden von neuen Angriffen auf die Energieinfrastruktur zeitweilig abzusehen. 

Polen hat in der Nacht zum Samstag abermals aus Belarus kommende Flugobjekte in seinem Luftraum entdeckt. Wie das Operative Kommando der Streitkräfte in Warschau mitteilte, ergab eine Analyse der Flugparameter, dass es sich höchstwahrscheinlich um Ballons gehandelt habe. Die Armee betonte, es handele sich um einen weiteren in einer Serie von Zwischenfällen hybriden Charakters im Osten Polens. Die Sicherheit des Luftraums sei nicht direkt gefährdet gewesen. Viele europäische Länder sehen sich hybriden Bedrohungen ausgesetzt, die durch die Kombination militärischer, wirtschaftlicher, geheimdienstlicher oder propagandistischer Mittel zustande kommen. Belarus ist ein enger Verbündeter Russlands. Russland wiederum wird vielfach für hybride Angriffe verantwortlich gemacht. Die Grenzschutzbehörde geht davon aus, dass es sich um Schmuggelballons handelte, mit denen Waren illegal in die EU gebracht werden sollen. Die genauen Umstände würden untersucht, sagte ein Sprecher nach Angaben der Agentur PAP. 

Der russische Präsident Wladimir Putin hat die ​Rüstungsexporte seines Landes trotz des Drucks westlicher Staaten gelobt. Im vergangenen Jahr seien russische Rüstungsgüter in mehr als 30 Länder geliefert worden, sagte Putin am Freitag bei ​einem Treffen im Kreml. Die Einnahmen in ausländischer Währung hätten 15 Milliarden Dollar überschritten. Der Sektor arbeite unter „komplizierten ​Bedingungen“ und stehe unter dem Druck westlicher Länder. „Aber trotz all dieser Versuche wurden unsere Exportverträge im Großen und Ganzen konsequent eingehalten“, sagte Putin. ⁠Afrikanische Länder zeigten dem russischen ​Staatschef zufolge besonderes Interesse an russischen Militärgütern.Russland hatte zuletzt seine Beziehungen zu einer ⁠Reihe von Ländern in Afrika ausgebaut, unter anderem im Bereich ‍der militärischen Zusammenarbeit. Hintergrund ‍ist das verstärkte Engagement Russlands auf dem afrikanischen Kontinent. So setzte die Zentralafrikanische Republik bereits 2018 die russische Söldnergruppe Wagner zur ⁠Abwehr von Rebellengruppen ein. Deren Präsident Faustin-Archange Touadera lud Putin erst ​in diesem Monat ​zu einem Besuch ein. ‌Zudem hat Russland seine Beziehungen zu den ‍Militärregierungen in Mali und Burkina Faso verstärkt. 

Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) hat Russlands Präsident Wladimir Putin „Terror“ gegen die ukrainische Zivilbevölkerung vorgeworfen. Zugleich äußerte er im Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND, Samstagsausgaben) Zweifel an der Friedensbereitschaft des russischen Machthabers. Bislang sehe er „keine Anzeichen dafür, dass Russland ernsthaft Frieden will“.Wenn es darauf ankomme, halte Putin immer an seinen Maximalforderungen fest und zeige sich an keiner Stelle kompromissbereit, kritisierte Pistorius. Während der Friedensgespräche in Abu Dhabi habe er die Ukraine in einer Art und Weise bombardieren lassen wie zuvor kaum in diesem Krieg. „„Das hat nichts mehr mit einer militärischen Auseinandersetzung zu tun. Das ist Terror, der sich ausschließlich gegen die Zivilbevölkerung richtet, in einem Winter mit Temperaturen von minus 20 Grad“, warf Pistorius Putin vor.Skeptisch äußerte sich der Verteidigungsminister daher auch mit Blick auf Putins angebliche Bereitschaft zu einer begrenzten Feuerpause, von der derzeit die Rede sei. „Ich habe große Zweifel, dass die Angriffspause auch nur ansatzweise von Moskau ernst genommen wird“, sagte er den RND-Zeitungen.

Zwölf westliche Staaten warnen eindringlich vor der steigenden Gefahr eines nuklearen Unfalls in der Ukraine. Die täglichen russischen Angriffe auf die Energieinfrastruktur hätten nicht nur Millionen Ukrainer der Winterkälte ausgesetzt, kritisierten die Länder, darunter Deutschland, in einer Sondersitzung der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) in Wien. Überdies sei auch die Wahrscheinlichkeit eines Atomunfalls nahe an die Realität gerückt.Angriffe auf Umspannwerke und zunehmende Schäden am Elektrizitätsnetz gefährdeten die nukleare Sicherheit, hieß es von der Ländergruppe. Sie wies darauf hin, dass für den sicheren Betrieb von Atomkraftwerken eine verlässliche Stromversorgung notwendig sei.Auch IAEA-Chef Rafael Grossi warnte in einer Rede, dass Schäden an Umspannwerken die nukleare Sicherheit untergraben. Russlands Vertreter bei der IAEA, Michail Uljanow, widersprach: „Das ist eine falsche Behauptung“, sagte er. Die ukrainischen Kernkraftwerke könnten mit den russischen Angriffen auf Umspannwerke leicht fertig werden, sagte er zu Journalisten.Kernkraftwerke produzieren zwar selbst Energie, doch für die Kühlung des strahlenden Materials in den Anlagen wird externer Strom verwendet. Im Notfall werden Stromgeneratoren eingesetzt. Fallen die Kühlsysteme aus, droht im schlimmsten Fall eine Kernschmelze.Die Gruppe hatte die Sitzung des IAEA-Gouverneursrates einberufen. Sie umfasst Belgien, Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien, Japan, Kanada, Litauen, Luxemburg, die Niederlande, Portugal und Rumänien. Die Vereinigten Staaten schlossen sich dem Vorstoß nicht an.Der amerikanische Präsident Donald Trump und der russische Machthaber Putin würden ernsthafte „Realpolitik“ betreiben, sagte der russische Diplomat Uljanow in Wien. Die IAEA-Sondersitzung sei hingegen „ohne praktische Bedeutung“. 

Der Kreml hat am Freitag bestätigt, dass US-Präsident Donald Trump „persönlich“ Wladimir Putin gebeten habe, von „Angriffen auf Kiew“ abzusehen, und man dieser Bitte nachkomme. In Sprecher Dmitrij Peskows Darlegung ging es bei der Bitte nicht, wie in der Darstellung Trumps, um die extreme Kälte, unter der die Ukrainer nach den russischen Zerstörungen ihrer Energie- und Wärmeinfrastruktur leiden, ­sondern darum, „günstige Bedingungen dafür zu schaffen, Verhandlungen zu führen“. Vor allem aber war in Peskows Äußerungen nicht mehr von einer ­Woche die Rede, stattdessen soll der russische Angriffsverzicht nur „bis zum 1. Februar“ gelten, bis Sonntag also. Die bisher niedrigsten Temperaturen dieses Winters und überhaupt seit ­Beginn des russischen Überfalls werden in der Ukraine von Sonntag bis Dienstag erwartet, mit bis zu minus 30 Grad.Z-Blogger und Putins Propagandisten hatten auf die Gerüchte über die angebliche „Energie-Waffenruhe“ verstimmt reagiert, sodass deren von Peskow verkündete Kürze Erleichterung hervorrief. „Die Waffenruhe wird übermorgen enden. Ok)“, hieß es etwa am Freitag im Telegram-Kanal der Fernsehscharfmacherin Olga Skabejewa. Die Klammer steht für Belustigung. 

Wladimir Putins Sprecher reagierte auch auf den ukrainischen Präsidenten, der den russischen Herrscher nach Kiew eingeladen hatte, nachdem der Kreml zuvor Wolodymyr Selenskyj unter Bedingungen nach Moskau geladen hatte. Putin habe Selenskyj „nirgendwohin initiativ eingeladen und Selenskyj keinerlei Treffen vorgeschlagen“, sagte Dmitrij Peskow. Vielmehr habe Selenskyj um ein Treffen gebeten. „Und als Antwort hat Präsident Putin ihm geantwortet, ja, wir sind bereit, aber in Moskau.“