FAZ 30.01.2026
09:39 Uhr

Krieg in der Ukraine: Russland setzt Angriffe trotz von Trump verkündeter Waffenruhe fort


US-Präsident sprach von Zusage Putins wegen „außergewöhnlicher Kälte“ +++ Tote bei russischen Drohnenangriffen auf Saporischschja +++ Selenskyj kritisiert Kiews Bürgermeister +++ alle Neuigkeiten im Liveblog

Krieg in der Ukraine: Russland setzt Angriffe trotz von Trump verkündeter Waffenruhe fort

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat in einem Gespräch mit Journalisten auf die Aussage des Kreml-Beraters Juri Uschakow, Selenskyj könne nach Moskau kommen, wenn er mit Putin sprechen wolle, reagiert. \"Natürlich ist es mir unmöglich, Putin in Moskau zu treffen\", so Selenskyj. Es wäre dasselbe wie ein Treffen mit Putin in Kiew. \"Ich kann ihn auch nach Kiew einladen. Ich lade ihn öffentlich ein, wenn er sich traut, natürlich.\" Putin hatte bisher direkte Treffen mit Selenskyj stets abgelehnt, zuletzt etwa mit der Begründung, dieser sei nicht mehr legitimer Präsident der Ukraine. Tatsächlich ist Selenskyjs reguläre Amtszeit im vergangenen Frühjahr abgelaufen, doch erlaubt das Kriegsrecht in der Ukraine keine Wahlen, weshalb er nach wie vor rechtmäßig im Amt ist. Selenskyj sagte der \"Ukrainska Prawda\" zufolge, die Ukraine wolle \"konstruktiv ein echtes Ende des Krieges vereinbaren\", weshalb jedes ernstgemeinte Format für sein Land geeignet sei. Zugleich bezweifle er jedoch ernsthafte Absichten Putins. \"Ich habe immer gesagt: Ich bin bereit für jedes Format, um den Krieg zu beenden, das funktioniert.\" Doch in Moskau oder Belarus sei das schlichtweg nicht möglich, \"denn das sind Staaten, von denen einer ein Aggressor ist, der einen Krieg gegen uns begonnen hat, weiter führt und uns tötet, und das andere Land sein Partner dabei ist\". Zuvor hatte der ukrainische Außenminister Andrij Sybiha erklärt, dass Selenskyj bereit sei, sich persönlich mit Putin zu treffen, um zwei entscheidende Fragen für ein Kriegsende zu klären: die Frage nach der Zukunft des Donbas, den Russland komplett für sich beansprucht, sowie nach Sicherheitsgarantien für die Ukraine, die Russland bisher ablehnt. 

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat sich für die Unterstützung seines Landes durch Deutschland bedankt und Kanzler Friedrich Merz gelobt. „Friedrich demonstriert echte Führungsstärke und ich schätze unsere Koordination sehr“, schrieb er bei Telegram Bezug nehmend auf ein Telefonat der beiden. Deutschland habe sein Land seit den ersten Kriegstagen unterstützt. Insbesondere die Lieferungen von Luftabwehrsystemen der Typen Patriot und Iris-T seien wichtig für den Schutz des ukrainischen Luftraums. Auch die nun geleistete Hilfe bei der Überwindung der Energiekrise sei wichtig, schrieb er.

Die Ukraine arbeitet nach eigenen Angaben mit dem Raumfahrtunternehmen ​SpaceX von Elon Musk zusammen, um den Einsatz des Satelliten-Internetsystems Starlink durch Russland zu unterbinden. Dies sagte der ukrainische Verteidigungsminister Mychajlo Fedorow. Zuvor hatte die Regierung in Kiew erklärt, Starlink-Terminals an russischen Langstreckendrohnen gefunden zu haben, die für Angriffe ​genutzt wurden.Ein Berater Fedorows hatte im Laufe der Woche Bilder in sozialen Medien veröffentlicht, die Trümmer russischer Langstreckendrohnen mit Starlink-Terminals zeigen sollen. Ihm zufolge könnte Russland ​das System zur Steuerung von Drohnen eingesetzt haben, die am Dienstag einen ukrainischen Personenzug trafen. Bei dem Angriff wurden fünf Menschen getötet. „Wir sind SpaceX-Präsidentin Gwynne Shotwell und Elon Musk persönlich für die schnelle Reaktion ⁠dankbar“, schrieb Fedorow auf dem Kurznachrichtendienst Telegram. ​Eine Stellungnahme von SpaceX lag zunächst nicht vor.Der kürzlich berufene Berater Serhij Beskrestnow erklärte am Donnerstag, es ⁠habe bereits hunderte Fälle gegeben, in denen Russland mit Starlink ausgestattete Drohnen gegen die Ukraine eingesetzt ‍habe. „Die Komplexität dieses ‍Prozesses liegt darin, dass Starlink nicht mit Mitteln der elektronischen Kriegsführung unterdrückt werden kann“, schrieb er. Eine Lösung sei daher nur über SpaceX möglich. Musk hatte den Starlink-Dienst 2022 kurz nach Beginn ⁠der russischen Invasion für die Ukraine freigeschaltet. Das ukrainische Militär ist für die Kommunikation auf ​dem Schlachtfeld und ​die Steuerung eigener Drohnen auf zehntausende ‌Starlink-Terminals angewiesen. SpaceX hatte im Februar 2024 erklärt, keine ‍Geschäfte mit der russischen Regierung oder deren Militär zu machen. 

Angesichts der humanitären Lage in der Ukraine hat die EU weitere Hilfen für das Land in Höhe von insgesamt 195 Millionen Euro angekündigt. Dies teilte die EU-Kommission mit. Davon sollen 50 Millionen Euro an das staatliche Energieunternehmen Naftogaz gehen, um das Energiesystem zu unterstützen; 145 Millionen Euro sind als humanitäre Hilfe vorgesehen. Letztere sollen unter anderem für Unterkünfte, Nahrungsmittel sowie Zugang zu Wasser und Gesundheitsversorgung aufgewandt werden.  

Litauen wird zur Stärkung seiner Verteidigungsfähigkeit zwölf Brückenlegepanzer vom Typ Leguan im Wert von rund 210 Millionen Euro kaufen. Dies sei vertraglich mit dem Hersteller KNDS Deutschland vereinbart worden, teilten das Verteidigungsministerium des baltischen EU- und NATO-Staats und das Unternehmen mit.Die Brückenbausysteme, die auf Fahrgestelle der Leopard-2-Panzer montiert werden, werden demnach jeweils mit zwei 14-Meter-Brücken und einer 26-Meter-Brücke ausgestattet. Der Vertrag umfasse weiter auch Ersatzteile, Schulungen für Bediener und Mechaniker und Spezialwerkzeuge, hieß es.Nach Angaben des Verteidigungsministers Robertas Kaunas werden die Brückenlegepanzer die Mobilität und taktische Flexibilität der litauischen Armee auf dem Gefechtsfeld deutlich erhöhen. „Die gepanzerten Fahrzeuge können bei Bedarf natürliche und künstliche Hindernisse schnell überwinden, was in der modernen Kriegsführung von entscheidender Bedeutung ist. Diese Anschaffung stärkt die Verteidigung sowohl Litauens als auch der gesamten NATO-Ostflanke“, sagte er. Litauen grenzt an die russische Exklave Kaliningrad und Belarus. Die Regierung in Vilnius rüstet wegen des russischen Kriegs gegen die Ukraine seine Armee massiv auf und wird unter anderem Kampfpanzer vom Typ Leopard 2 aus Deutschland beziehen. Künftig wird dort eine gepanzerte Brigade der Bundeswehr fest stationiert sein. 

Die EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas hat angesichts der fortgesetzten russischen Angriffe auf das ukrainische Energienetz inmitten des Winters vor fatalen Folgen gewarnt. „Es ist ein sehr harter Winter, und die Ukrainer leiden sehr. Es droht eine humanitäre Katastrophe“, sagte Kallas am Donnerstag vor einem Treffen der EU-Außenminister in Brüssel. Russland bombardiere die Ukrainer weiter in dem Bestreben, „sie frieren zu lassen, bis sie kapitulieren“. 

Mehrere Flugobjekte aus Richtung Belarus sind nach Angaben der polnischen Armee in den Luftraum über Polen eingedrungen. Nach Analysen des Flugverhaltens und der Geschwindigkeit habe es sich dabei höchstwahrscheinlich um Ballons gehandelt, die vom Wind getragen wurden, wie das Oberkommando der Streitkräfte auf der Plattform X mitteilte. Der Grenzschutz bestätigte auf X, dass es sich bei den ersten untersuchten Objekten um Schmugglerballons handele. Der Vorfall ereignete sich den Angaben der Armee zufolge am Mittwoch zu nächtlicher Stunde. In der östlichen Region Podlachien gab es vorübergehend Einschränkungen für die zivile Luftfahrt. Eine Gefahr für die Sicherheit des Landes bestand demnach nicht. 

Bei russischen Drohnenangriffen in der südukrainischen Region Saporischschja sind nach Angaben des Regionalgouverneurs drei Menschen getötet worden. Zwei Frauen und ein Mann hätten bei den Angriffen auf Wohnhäuser in der Stadt Wilnjansk in der Nacht zum Donnerstag ihr Leben verloren, ein weiterer Mann sei verwundet worden, erklärte Regionalgouverneur Iwan Fedorow im Onlinedienst Telegram. Die Angriffe hätten Häuser zerstört und Brände ausgelöst.Am Dienstag und Mittwoch hatten russische Angriffe auf die Ukraine nach Angaben aus Kiew 16 Menschen getötet. Sechs Menschen verloren bei einem Drohnenangriff auf einen Passagierzug in Charkiw ihr Leben.

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat nach den Blackouts in Kiew wegen russischer Luftangriffe abermals die Stadtverwaltung der ukrainischen Hauptstadt um Bürgermeister Vitali Klitscho kritisiert: „Die Ausrüstung hätte schon vor dem Winter besorgt und gekauft werden müssen\", sagte Selenskyi in einer Videosansprache. „Die Stadtverwaltung von Kiew sollte jetzt um ein Vielfaches schneller agieren, um den Menschen wenigstens im Februar das Leben zu erleichtern.\" Klitschko gilt als politischer Konkurrent Selenskyjs.Russische Angriffe mit Drohnen, Raketen und Marschflugkörpern zu Jahresbeginn haben die Energieversorgung Kiews hart getroffen. Die Heizung ist bei starken Frosttemperaturen in tausenden Wohnblocks ausgefallen, auch Strom gibt es nur stundenweise. Nach Angaben Selenskyjs gibt es Hinweise darauf, dass Moskau eine neue schwere Angriffswelle plant.

Bundeskanzler Friedrich Merz hat abermals einen schnellen Beitritt der Ukraine zur Europäischen Union abgelehnt. „Ein Beitritt zum 1. Januar 2027 ist ausgeschlossen. Es geht nicht“, sagte der CDU-Vorsitzende nach Beratungen der Spitzen von SPD und Union im Kanzleramt in Berlin. Jedes Land, das zur EU gehören wolle, müsse zunächst die sogenannten Kopenhagener Kriterien erfüllen, sagte Merz. Dieser Prozess dauere in der Regel einige Jahre.Dennoch ist es Merz zufolge aber wichtig, dass die Ukraine eine Perspektive hat, die den Weg zum Beitritt ebnet. „Wir können auf dem Weg dorthin die Ukraine langsam heranführen an die Europäische Union. Das ist immer möglich, aber ein so schneller Beitritt geht einfach nicht\", sagte Merz. 

Die Gebietsfragen rund um das im Osten der Ukraine gelegene Donezk sind laut US-Außenminister Marco ​Rubio der letzte verbliebene Streitpunkt bei den Verhandlungen zur Beendigung des Ukraine-Kriegs. Dies sagte Rubio vor einem Senatsausschuss. Es handele sich um ein „sehr schwieriges“ Thema, sagte der US-Außenminister. Bei den Folgegesprächen werde es womöglich abermals eine US-Beteiligung geben. Doch die bisher von US-Präsident Donald Trump geschickten Gesandten, Steve Witkoff und Jared Kushner, nähmen daran nicht mehr teil. 

Bundeskanzler Friedrich Merz hat der Ukraine „in diesen besonders schweren Tagen“ weitere Unterstützung ​im Abwehrkampf gegen Russland zugesagt: „Im Rahmen eines Winterpakets haben wir zum Jahreswechsel 2025/2026 zusätzliche 160 Millionen Euro für die Ukraine eingezahlt, in den Ukraine Energy Support Fund“, sagte Merz. Damit könnten dringend benötigte Technologien für die Wärmeversorgung beschafft werden, weil Russland systematisch versuche, die Energieversorgung für die Zivilbevölkerung zu zerstören. Zudem liefere Deutschland Blockheizkraftwerke sowie modulare Kesselanlagen für Kitas, Gesundheitszentren und Schulen, „die in der Ukraine vollkommen rücksichtslos durch Russland attackiert werden“. Die Bundesrepublik sende außerdem Luftverteidigungssysteme, Abfangdrohnen, gepanzerte Fahrzeuge und Munition. „Wir wollen, dass die Kämpfe aufhören\"´, sagte Merz: „Wir wollen, dass Russland am Verhandlungstisch bleibt und dort auch bereit ist, diesen Angriffskrieg im Wege eines verhandelten Friedens zu beenden.“ 

Wenn die russische Führung über ein hypothetisches Treffen Wladimir Putins mit dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj spricht, wird stets klar, dass der Rahmen dafür eine Kiewer Kapitulation sein soll. Das folgt auch aus den Äußerungen von Wladimir Putins außenpolitischem Berater Jurij Uschakow, die Pawel Sarubin, der Putin-Leibreporter des russischen Staatsfernsehens, am Mittwoch verbreitet hat. Die Frage eines solchen Treffens sei „für uns nicht neu“, sagte Uschakow. Sie sei „einige Male“ bei Telefonaten Putins mit dem amerikanischen Präsidenten aufgekommen. Donald Trump „hat uns vorgeschlagen, eine solche Möglichkeit zu erwägen“, sagte Uschakow. Russlands Ansatz bestehe darin, solche Kontakte nie abgelehnt zu haben und sie auch weiterhin nicht abzulehnen, beteuerte Uschakow. Selenskyj hatte sich seit seiner Wahl zum Präsidenten 2019 darum bemüht, Putin zu treffen und mit ihm über ein Ende des damals noch verdeckten russischen Krieges gegen die Ukraine zu sprechen. Putin wollte das aber nicht, ließ seine Leute Ausflüchte verkünden und trieb derweil mit völkerrechtswidrigen Einbürgerungen der Bewohner der sogenannten Volksrepubliken im Donbass deren Anbindung an Russland voran. Uschakow wiederholte nun Moskaus Standardformel, „Kontakte“ zwischen Putin und Selenskyj müssten „gut vorbereitet werden“ und „darauf gerichtet sein, konkrete Resultate zu erzielen“. Dass Moskau darunter eine faktische Unterwerfung der Ukraine versteht, wird spätestens dadurch klar, dass Uschakow an eine vergiftete Einladung Selenskyjs durch Putin aus dem vergangenen September erinnerte. Da hatte Putin dem ukrainischen Präsidenten, dessen Legitimität er bestreitet, ein Treffen angeboten, aber nicht in einem neutralen Drittland, sondern allein in „der Heldenstadt“ Moskau. Alles andere seien „überflüssige Anfragen“ der Ukrainer, stellte Putin klar. Man garantiere „Arbeitsbedingungen und Sicherheit“, und zwar zu „hundert Prozent“. Das wiederholte Uschakow nun. Es soll bei einem solchen Treffen für den Kreml also nicht mehr um Verhandlungen gehen, sondern ein schon vorher verhandeltes Ergebnis besiegelt werden, und zwar in der Hauptstadt der hypothetischen Sieger. Seinerzeit hatte Selenskyj erwidert, Putin versuche mit dem Vorschlag, ein Gipfeltreffen hinauszuzögern. „Die amerikanischen Partner haben mir übermittelt, dass Putin mich nach Moskau eingeladen hat“, sagte er. Das bedeute, dass Putin das Treffen nicht wolle.