FAZ 28.01.2026
14:20 Uhr

Krieg in der Ukraine: Kreml-Berater: Lehnen Treffen zwischen Selenskyj und Putin nicht grundsätzlich ab


Trump will wohl direkte Gespräche zwischen Kiew und Moskau +++ Gespräche zwischen Russland, der Ukraine und den USA werden am Sonntag fortgesetzt +++Vier Tote nach russischem Drohnenangriff auf Passagierzug in Charkiw +++ alle Neuigkeiten im Liveblog

Krieg in der Ukraine: Kreml-Berater: Lehnen Treffen zwischen Selenskyj und Putin nicht grundsätzlich ab

Die Gespräche zwischen ​Russland, der Ukraine und den USA über einen Waffenstillstand sollen am Sonntag dieser Woche fortgesetzt werden. Gastgeber für die Beratungen sei wieder Abu Dhabi, meldete die staatliche russische Nachrichtenagentur Interfax unter Berufung auf das Präsidialamt in Moskau. Am Freitag und Samstag vergangener Woche fand die erste Runde dieser trilateralen Gespräche in Abu Dhabi, der Hauptstadt der Vereinigten Arabischen Emirate, statt. Diese Beratungen wurden auf Expertenebene abgehalten. 

Die Ukraine braucht nach den Worten von Außenminister Johann Wadephul eine realistische Perspektive, der Europäischen Union beitreten zu können. Dies sei „eine der entscheidenden Sicherheitsgarantien“ für das Land, sagte Wadephul zu Beginn einer Regierungsbefragung im Bundestag. „Das mag per heute weit entfernt erscheinen, aber es liegt nach wie vor im Kerninteresse auch Deutschlands und von uns Europäern, dafür zu sorgen, dass dieses Land seinen Kampf gegen den russischen Aggressor gewinnen kann, ​dass es nicht unterliegt“, sagte der Minister. „Und ich glaube, eine dauerhafte Friedensarchitektur in Europa setzt voraus, dass die Ukraine eine faire Chance hat, zur Europäischen Union beizutreten.“ 

In einem Abkommen mit den Vereinigten ​Staaten über den Wiederaufbau der Ukraine nach dem Krieg gibt es dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj zufolge ​Punkte, die noch eingehender besprochen werden müssen. Das Wiederaufbauabkommen ist Teil eines umfassenderen Plans zur Beendigung des ⁠fast vierjährigen Krieges mit ​Russland. „Die Zusammenarbeit mit der amerikanischen Seite schreitet aktiv voran, und ⁠auf ukrainischer Seite arbeiten wir mit maximaler Effizienz“, ‍schreibt Selenskyj auf der ‍Online-Plattform X.

Ein Gericht in Lettland hat einen prorussischen Aktivisten unter anderem wegen Aktivitäten zur Anstiftung zu nationalem und ethnischem Hass zu einer Haftstrafe verurteilt. Der 69 Jahre alte Mann muss dem noch nicht rechtskräftigen Urteil zufolge für zehn Jahre ins Gefängnis, wie die lettische Zeitung „Latvijas Avize“ berichtete. Demnach wurde er von den Richtern auch für Aktionen gegen die Unabhängigkeit, Souveränität, territoriale Integrität und nationale Sicherheit Lettlands für schuldig befunden.Der Mann soll im Februar 2025 bei einer Konferenz einer kremlnahen russischen Organisation in Moskau, an der er online teilgenommen hatte, Desinformationen sowie unwahre Behauptungen verbreitet haben. So habe der Angeklagte etwa behauptet, dass in Lettland ein Völkermord an Russen verübt werde, und zu dessen Beendigung eine russische Invasion des Baltikums als mögliche Lösung genannt. In dem im Osten an Russland und Belarus grenzenden Lettland lebt eine große russischstämmige Minderheit. Wegen der russischen Invasion in die Ukraine vor fast vier Jahren sieht sich auch der Baltenstaat von Russland bedroht. Als Reaktion verschärfte die Regierung in Riga unter anderem die Aufenthaltsregelungen für Russen. 

Bei russischen Angriffen in der Region Kiew sind nach ukrainischen Angaben zwei Menschen getötet worden. Ein Mann und eine Frau seien bei den Angriffen auf das Dorf Bilohorodka südöstlich der russischen Hauptstadt getötet worden, erklärte der Leiter der Militärverwaltung der Region Kiew, Mykola Kalaschnyk, am Mittwochmorgen im Onlinedienst Telegram. Vier weitere Menschen seien medizinisch versorgt worden.

Viele Menschen in Russland sehen sich einer Umfrage zufolge von ausländischen Feinden umzingelt, während sie ihr eigenes Land als Opfer betrachten. Dies sei eine Folge der unablässigen antiwestlichen Propaganda, sagte der russische Soziologe Lew Gudkow vom unabhängigen Lewada-Zentrum Moskau in Berlin bei der Vorstellung seiner Ergebnisse. Im Auftrag der deutschen Sacharow-Stiftung hat das in Russland als Auslandsagent eingestufte Institut die Weltsicht der Russen nach vier Jahren Ukraine-Krieg erforscht. In den mehr als 30 Jahren seit dem Ende der Sowjetunion habe Russland nur sechs Jahre lang keinen Krieg geführt, sagte Gudkow. Er sprach von einer „Militarisierung des Bewusstseins“.Unter den mehr als 1600 Befragten sahen 62 Prozent Polen und Litauen als feindselige Länder, gefolgt von Großbritannien (57 Prozent), Deutschland (50 Prozent), Schweden (40 Prozent). Die USA wurden überwiegend als Konkurrent eingestuft (53 Prozent). Auf die Frage nach fünf befreundeten Ländern wurden am häufigsten Belarus, China, Kasachstan, Indien und Nordkorea genannt - mit Ausnahme von Indien repressiv bis diktatorisch regierte Staaten.

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj ist laut seinem Außenminister bereit, mit Blick auf ein Ende des russischen Angriffskriegs direkt mit Kremlchef Wladimir Putin über heikle Fragen zu verhandeln. Im Ringen um eine Friedenslösung seien die sensibelsten Fragen noch nicht geklärt, sagte Chefdiplomat Andrij Sybiha in einem Interview mit dem ukrainischen Portal „Jewropejska Prawda“. Dabei gehe es um Gebietsfragen und das russische besetzte Atomkraftwerk in Saporischschja. Um diese Fragen zu klären, sei Selenskyj bereit, sich mit Putin zu treffen, sagte Sybiha.

Polens Außenminister Radoslaw Sikorski hat den US-Milliardär Elon Musk aufgerufen, das zu seinem Raumfahrtunternehmen SpaceX gehörende Satellitennetzwerk Starlink für Russland zu sperren. „Weshalb verhindern Sie nicht, dass die Russen Starlink nutzen, um ukrainische Städte anzugreifen?“, schrieb Sikorski am Dienstag im Onlinenetzwerk X an Musk gerichtet. „Mit Kriegsverbrechen Geld zu verdienen schadet Ihrer Marke“, fügte der Minister hinzu. Starlink wird vom US-Raumfahrtunternehmen SpaceX betrieben und ermöglicht auch abgelegenen Regionen, in denen die Kommunikationsinfrastruktur nicht funktioniert, einen Zugang zum Internet.Sirkorski, der auch Vize-Ministerpräsident der pro-ukrainischen Regierung Polens ist, reagierte mit seinem Aufruf auf einen Beitrag des in den USA ansässigen Instituts für Kriegsstudien (ISW), wonach die russische Armee Starlink nutzt, um Angriffe tief im Inneren der Ukraine auszuführen. „Die russischen Streitkräfte nutzen zunehmend Starlink-Satellitennetzwerke, um die Reichweite ihrer BM-35-Angriffsdrohnen zu vergrößern und Mittelstreckenangriffe im Inneren der Ukraine durchzuführen“, erklärte das ISW. Eine mit Starlink verbundene BM-35-Drohnen habe vermutlich eine Reichweite von 500 Kilometern, was den größten Teil der Ukraine, ganz Moldau und einige Regionen Polens, Rumäniens und Litauens in Reichweite dieser Drohnen bringe, wenn sie aus Russland oder der russische besetzten Ukraine gestartet werden, hieß es weiter. Nach Angaben des ukrainischen Geheimdienstes wurden die Starlink-Terminals der russischen Armee über inoffizielle Kanäle wie etwa Importe aus Drittländern beschafft und nicht durch einen offiziellen Verkauf durch das Unternehmen Musks. Der Milliardär hatte im Februar 2024 dementiert, dass Starlink-Terminals an Russland verkauft worden seien.

US-Verteidigungsexperten gehen von mindestens 400.000 getöteten Soldaten im Ukraine-Krieg aus. Mit mindestens 325.000 toten Soldaten habe die russische Seite die deutlich höheren Verluste, heißt es in einem am Dienstag veröffentlichten Bericht der US-Denkfabrik Center for Strategic and International Studies (CSIS). Auf ukrainischer Seite wurden demnach bis zum Ende des vergangenen Jahres mindestens 100.000 Soldaten getötet. Hinzu kämen Hunderttausende Verletzte und Vermisste: Auf russischer Seite sind es den CSIS-Schätzungen zufolge mindestens 900.000 Menschen. Mindestens 400.000 Menschen wurden demnach auf ukrainischer Seite verletzt oder werden vermisst. Bis zum Frühling würden vermutlich Zehntausende weitere Soldaten auf beiden Seiten getötet und verletzt.

Bei einem Drohnenangriff auf einen Passagierzug im Gebiet Charkiw im Osten der Ukraine sind laut Präsident Wolodymyr Selenskyj mindestens vier Menschen getötet worden. Nach vier weiteren werde noch gesucht, zwei seien verletzt worden, schrieb Selenskyj in sozialen Medien. „Es gibt und es kann keine militärische Rechtfertigung geben, um Zivilisten in einem Zugwaggon zu töten“, sagte er. In jedem Land würde ein solcher Angriff als Terrorismus gewertet werden, schrieb Selenskyj auf der Plattform X. Er forderte mehr Druck auf Russland und dass es für seine Taten bestraft werden müsse. Auch in seiner abendlichen Videobotschaft verlangte er mehr Druck auf die russische Ölindustrie, mit der Moskau seinen Angriffskrieg finanziert.Selenskyj zufolge waren mehr als 200 Passagiere in dem angegriffenen Zug. Zuvor hatte der ukrainische Minister für Regionalentwicklung, Olexij Kuleba, von 291 Passagieren gesprochen, die regionale Staatsanwaltschaft sprach von mehr als 155 Passagieren. Drei Drohnen der ursprünglich iranischen Bauart Schahed schlugen Kuleba zufolge vor der Lokomotive und in einem Passagierwaggon ein. Der Zug war demnach auf der Strecke Barwinkowe-Lwiw-Tschop in Richtung Westen unterwegs.Schon in der Vergangenheit hatte es nach russischen Angriffen immer wieder auch Tote und Schäden im Zugverkehr und an Bahnhöfen der Ukraine gegeben.

Nach Ungarn will auch die Slowakei den von der ​EU beschlossenen Einfuhrstopp für russisches Gas gerichtlich anfechten. Man wolle dagegen vorgehen, dass der Beschluss mit qualifizierter Mehrheit angenommen worden sei, kündigte Ministerpräsident Robert Fico am Dienstag an. Das Importverbot war so ausgestaltet worden, dass keine Einstimmigkeit nötig war, ​um es gegen den Widerstand von Ungarn und der Slowakei beschließen zu können. „Wir werden die Verletzung der Grundsätze der Subsidiarität und der Verhältnismäßigkeit beanstanden“, erklärte ​Fico. Dabei werde sich die Slowakei mit Ungarn abstimmen. Wann die Slowakei die Klage genau einreichen werde, sagte er nicht.Ungarn hatte bereits direkt nach der EU-Abstimmung am Montag angekündigt, vor dem ⁠Europäischen Gerichtshof (EuGH) gegen das Importverbot zu ​klagen. Beide Länder, die auf ihre Abhängigkeit von russischen Energielieferungen verweisen und trotz des Ukraine-Kriegs engere Beziehungen ⁠zu Moskau pflegen, hatten gegen den Importstopp gestimmt. Bulgarien hatte sich enthalten. Die EU will ‍die Gasgeschäfte mit ‍ihrem früheren Hauptlieferanten beenden und Russland eine wichtige Einnahmequelle zur Finanzierung des Kriegs gegen die Ukraine entziehen. Das Gesetz sieht vor, den Import von russischem Flüssigerdgas (LNG) bis Ende 2026 und ⁠den Bezug von Pipeline-Gas bis Ende 2027 einzustellen.„Ich hoffe, dass bis zu diesem ​Verbot der Krieg ​vorbei ist und alle zur Vernunft kommen“, ‌sagte Fico. Er hatte die Pläne wiederholt als ‍Energie-„Selbstmord“ bezeichnet und erklärt, der Transitstopp werde sein Land jährlich bis zu 500 ‍Millionen Euro kosten. 

Der ukrainische Präsident Wolodomyr Selenskyj hat bekräftigt, dass sein Land im kommenden Jahr EU-Mitglied werden will. „Der Beitritt der Ukraine zur Europäischen Union ist eine der wichtigsten Sicherheitsgarantien nicht nur für uns, sondern für ganz Europa\", schrieb er am Dienstag bei Telegram. „Deshalb sprechen wir von einem konkreten Zeitpunkt – 2027 – und zählen auf die Unterstützung unserer Position durch unsere Partner.\" Zuvor hatte er mit dem österreichischen Bundeskanzler Christian Stocker telefoniert. Dabei sei es auch um die Energiesituation in der Ukraine gegangen. Selenskyj dankte Österreich dafür, dass es in der vergangenen Woche Mittel zur Unterstützung des ukrainischen Energiesektors bereitgestellt habe. Außerdem habe er Stocker über das Treffen der ukrainischen, amerikanischen und russischen Delegationen in den Vereinigten Arabisch Emiraten informiert. 

Angesichts der anhaltenden russischen Angriffe auf die Energieversorgung sichert sich die Ukraine finanzielle Unterstützung aus Europa für Gaskäufe. Über Instrumente der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung sollen 85 Millionen Euro für die Beschaffung zusätzlicher Gasmengen bereitgestellt werden, teilt Energieminister Denys Schmyhal auf der Plattform X mit. Die Arbeiten zur Sicherung der entsprechenden Finanzhilfe von einem europäischen Land seien fast abgeschlossen, fügt er ​hinzu.

Russland hat einen Abzug der ukrainischen Truppen aus dem Donbass als Möglichkeit für ein Kriegsende bezeichnet. „Ein Rückzug aus dem Donbass ist der Weg zum Frieden für die Ukraine\", schreibt der Sondergesandte des russischen Präsidenten Wladimir Putin, Kirill Dmitrijew, auf der Plattform X. Russland kontrolliert rund 90 Prozent des Donbass-Gebiets in der Ostukraine. ​Ein Hauptstreitpunkt der Verhandlungen über ein Kriegsende ist Putins Forderung, dass die Ukraine die unter ihrer Kontrolle verbliebenen Teile der Region abtritt. Putin hat wiederholt gedroht, Russland werde den Rest mit Gewalt einnehmen, sollte die ​Ukraine das Gebiet nicht aufgeben.