FAZ 20.01.2026
08:42 Uhr

Krieg in der Ukraine: Klitschko: 600.000 Menschen haben Kiew verlassen


Seit dem russischen Angriff am 9. Januar +++ Ukraine fasst mutmaßlichen russischen Kriegsverbrecher +++ Wieder Angriffe auf Energieanlagen in Kiew und Odessa +++ alle Neuigkeiten im Liveblog

Krieg in der Ukraine: Klitschko: 600.000 Menschen haben Kiew verlassen

Bei ukrainischen Drohnenangriffen auf den Süden Russlands sind nach offiziellen Angaben acht ⁠Menschen verletzt worden. In ​der Republik Adygeja sei ein Wohnhaus getroffen worden, teilte ⁠Gouverneur Murat Kumpilow auf ‍Telegram mit. Sieben der ‍Verletzten, darunter ein Kind, würden im Krankenhaus behandelt. In der benachbarten Region ⁠Krasnodar sei nach Angaben von Gouverneur Wenjamin ​Kondratjew ​ein weiteres Wohnhaus beschädigt ‌und die Bewohner in ‍Sicherheit gebracht worden. Eine ukrainische Stellungnahme ‍liegt zunächst nicht ⁠vor.

Nach den schweren russischen Angriffen sind dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj zufolge mehr als eine Million Verbraucher allein in Kiew ohne Strom. Mehr als 4.000 Hochhäuser in der Dreimillionenstadt seien ohne Heizung, sagte er in seiner abendlichen Videobotschaft. Er forderte den Energieversorger Ukrenergo, die Regierung, regionale Behörden und Stadtverwaltungen - dabei explizit die der Hauptstadt - auf, jede Stunde an der Energieversorgung zu arbeiten. Selenskyj kritisierte außerdem erneut die Flugabwehr. Die Arbeit der Luftstreitkräfte gegen die Kampfdrohnen der ursprünglich iranischen Bauart Schahed sei unbefriedigend, sagte er. Die Arbeit der Luftstreitkräfte müsse anders organisiert werden. Darüber sei mit Verteidigungsminister Mychajlo Fedorow gesprochen worden, führte er aus und kündigte Konsequenzen an. 

In der Ukraine sind das ehemalige Atomkraftwerk Tschernobyl und andere atomare Anlagen in der radioaktiv verseuchten Sperrzone um das AKW wieder am Stromnetz. „Das Kraftwerk ist mit den notwendigen Treibstoffvorräten und funktionierenden Reservestromquellen für den Fall neuer (russischer) Angriffe ausgestattet“, versicherte das Energieministerium in Kiew in einer Mitteilung. Die Strahlungswerte um die Industrieanlagen und im Sperrgebiet seien innerhalb der Normen. 

Für den Unterhalt der ukrainischen Armee sind nach Angaben der Regierung innerhalb der nächsten zehn Jahre mehrere Hundert Milliarden Euro notwendig. „Wenn sich die Situation nicht ändert, das heißt das aggressive Verhalten Russland bezüglich Europas und der Welt, dann kann das in den nächsten zehn Jahren bis zu 700 Milliarden US-Dollar (gut 600 Milliarden Euro) kosten“, sagte der für die EU- und NATO-Integration zuständige ukrainische Vizeregierungschef Taras Katschka bei einer Diskussionsveranstaltung beim Weltwirtschaftsforum in Davos. Wirtschaftsminister Olexij Sobolew zufolge handelt es sich bei der Summe um Verteidigungsausgaben, die nicht im ukrainischen Etat festgeschrieben sind – und somit von außerhalb kommen müssen. Den dazu kommenden ukrainischen Anteil aus dem Haushalt an den Verteidigungsausgaben der kommenden zehn Jahre bezifferte er auf umgerechnet 425 Milliarden Euro.

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat die Schaffung einer gemeinsamen Armee der Ukraine und Europas mit ​bis zu drei Millionen Soldaten vorgeschlagen. Er habe das Thema angesichts der Bedrohung durch Russland bereits im vergangenen Jahr angesprochen, sagt Selenskyj in einem Onlinechat mit Journalisten. Russland plant, seine Streitkräfte bis zum Jahr 2030 auf 2,5 Millionen Soldaten aufzustocken. 

Ukrainische Unterhändler haben sich am Rande des Weltwirtschaftsforums in Davos mit Sicherheitsberatern ​aus Deutschland, Frankreich und Großbritannien getroffen. Weitere Treffen mit Partnern zu Sicherheitsgarantien, der wirtschaftlichen Entwicklung und dem Wiederaufbau der Ukraine seien geplant, teilt der ukrainische Chefunterhändler Rustem Umjerow auf dem Kurznachrichtendienst Telegram mit. Die Gespräche sind Teil der Bemühungen der Regierung in Kiew, eine breite internationale Unterstützung für ihre Friedensvorstellungen zu gewinnen. Auch der russische Sondergesandte Kirill Dmitrijew ist in Davos eingetroffen. Insidern zufolge will der Chef des russischen Staatsfonds sich in Davos mit US-Vertretern treffen. 

In der Ukraine hat das stillgelegte Atomkraftwerk Tschernobyl der Internationalen Atomenergiebehörde zufolge nach weitreichenden Militäraktivitäten seine gesamte externe Stromversorgung verloren. Mehrere für die nukleare Sicherheit wichtige Umspannwerke seien von den Militäraktivitäten betroffen, teilt die IAEA auf der Plattform X mit. Zudem seien auch Stromleitungen zu einigen anderen Atomkraftwerken in Mitleidenschaft gezogen worden. Ukrainischen Behörden zufolge hatte Russland in der Nacht auf Dienstag wieder einen massiven Drohnen- und Raketenangriff auf die Ukraine gestartet. In Tschernobyl ereignete sich 1986 der weltweit schwerste Atomunfall. Der letzte aktive Reaktor des AKW wurde im Jahr 2000 stillgelegt. 

Auch die Ukraine ist Präsident Wolodymyr Selenskyj zufolge zur ​Teilnahme an dem von US-Präsident Donald Trump geplanten globalen Friedensrat eingeladen worden. Diplomaten befassten sich derzeit mit der Einladung, sagt Selenskyj. Er könne es sich jedoch nur schwer vorstellen, gemeinsam mit Russland in diesem oder einem anderen Gremium zu sein, äußerte er in einem Whatsapp-Chat mit Medienvertretern. Trump hatte auch den russischen Präsidenten Wladimir Putin zu dem Friedensrat eingeladen, der sich nach dem Willen des US-Präsidenten nach dem Gazakrieg auch mit anderen weltweiten Konflikten befassen soll. Insgesamt hat Trump rund 60 Staats- und Regierungschefs eingeladen. 

Der UN-Menschenrechtskommissar Volker Türk äußert sich empört über die „grausamen“ russischen Angriffe auf die ukrainische Energieinfrastruktur. Diese hätten die Heizungsversorgung für Hunderttausende von Familien unterbrochen, sagte Türk. „Die Zivilbevölkerung trägt die Hauptlast dieser Angriffe. Sie können nur als grausam bezeichnet werden. Sie müssen aufhören.“ Angriffe auf Zivilisten und zivile Infrastruktur seien ein klarer Bruch der Kriegsregeln. Die Temperaturen in Teilen der Ukraine seien unter den Gefrierpunkt gefallen, so Türk. Kinder und ältere Menschen gehörten zu den am stärksten gefährdeten Personen. 

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat über eine Teilnahme am Weltwirtschaftsforum (WEF) in Davos noch nicht entschieden. Grund sei, dass seitens der USA noch nicht klar sei, ob es zu einem substanziellen Treffen mit Präsident Donald Trump kommen werde, sagt ein Regierungsvertreter in Kiew. Die Ukraine sei bereit, Dokumente über Sicherheitsgarantien oder zur Förderung des Wohlstands zu unterzeichnen, sollten die USA dazu bereit sein. In einem Beitrag auf der Plattform X schrieb ein Axios-Reporter zuvor, Selenskyj ​reise nach massiven russischen Luftangriffen vorerst nicht nach Davos. Selenskyj könnte dem Bericht zufolge jedoch nach Davos reisen, falls es zu einem bilateralen Treffen mit Trump kommt, um ein Abkommen zum Wohlstand des Landes zu unterzeichnen. 

In Kiew haben russische Luftangriffe in der Nacht zum Dienstag abermals die zivile Infrastruktur schwer getroffen. Das gesamte linke Ufer des Dnipro, wo mehr als eine Million Menschen leben, ist ohne Strom, Wärme und Wasser, teilte Bürgermeister Vitali Klitschko mit. Die Stadt hat Wärmezelte aufgestellt, wo sich die Menschen zumindest zeitweise aufwärmen können. Zudem rattern vor vielen Gebäuden Notstromaggregate, um eine Mindestversorgung mit Energie zu gewährleisten. Mehr als 335.000 Haushalte waren gegen 9.30 Uhr nach Angaben des Energiekonzerns DTEK infolge des russischen Angriffs in Kiew ohne Strom. Für 162.000 Haushalte gebe es inzwischen wieder Elektrizität. 173.000 Haushalte in der ukrainischen Hauptstadt seien von der Energieversorgung noch abgeschnitten. 

Russland hat die Ukraine nach Angaben aus Kiew in der ​Nacht mit mehr als 300 Drohnen angegriffen. Zudem sei eine erhebliche Zahl ballistischer Raketen und Marschflugkörper eingesetzt worden, schreibt der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj auf der Onlineplattform X. Erst einen Tag zuvor habe die Ukraine Luftverteidigungsraketen erhalten, was zur Stärkung der ​Abwehr beigetragen habe. Es würden aber dringend weitere Lieferungen benötigt. „Die Partner dürfen in dieser Hinsicht nicht nachlassen – Luftverteidigungsraketen sind ein echter Schutz für die Menschen.“ Der ukrainischen Luftwaffe zufolge wurden insgesamt 372 Drohnen, eine Antischiffsrakete des Typs Zirkon, 15 Marschflugkörper des Typs Ch-101 und 18 ballistische Raketen gegen die Ukraine eingesetzt. 342 Objekte wurden demnach abgefangen.

Nach dem neuen russischen Luftangriff hat der ukrainische Außenminister Andrij Sybiha dringend um weitere Unterstützung für sein Land gebeten. Es sei ein „barbarischer Schlag“ gewesen, der ein Weckruf für die ⁠Staats- und Regierungschefs beim Weltwirtschaftsforum in Davos sein müsse, schreibt Sybiha ​auf der Onlineplattform X. „Wir brauchen dringend zusätzliche Energiehilfe, Flugabwehr und Abfangraketen sowie Sanktionsdruck auf Moskau.“ Er verwies darauf, dass in der Hauptstadt Kiew wegen des Angriffs Tausende ⁠Wohnhäuser bei eisigen Temperaturen ohne Heizung seien. Bürgermeister Vitali Klitschko zufolge sind fast 6000 mehrstöckige Wohnhäuser betroffen.  Kurz darauf telefonierte er nach eigenen Angaben mit der EU-Außenbeauftragten Kaja Kallas, um über notwendige Hilfe zu sprechen. 

Russland hat erneut mit massiven Luftangriffen die Energieversorgung in der ​Ukraine attackiert. Dabei wurde im Kiewer Gebiet ein Mann getötet, wie Regionalgouverneur Mykola Kalaschnyk mitteilt. Zudem seien dort zwei ​Tankstellen beschädigt worden. In der Hauptstadt selbst fiel nach Angaben von Bürgermeister Vitali Klitschko in Tausenden Gebäuden die Heizung aus. Davon seien fast 6000 mehrstöckige Wohnhäuser betroffen. Bei dem ⁠Großteil der Gebäude sei die ​Wärmeversorgung nach einem früheren Angriff vom 9. Januar gerade erst wiederhergestellt worden. Zudem sei es ⁠zu Störungen bei der Strom- und Wasserversorgung gekommen. Auch in der südlichen Schwarzmeerregion Odessa ‍wurde den ‍Behörden zufolge eine Energieanlage beschädigt. In der Hafenstadt Tschornomorsk habe zudem eine Drohne ein mehrstöckiges Wohngebäude getroffen. Zu Opfern gab es zunächst keine Angaben. In der ⁠westlichen Region Winnyzja wurde demnach ebenfalls eine Anlage der kritischen Infrastruktur attackiert.