FAZ 21.01.2026
12:02 Uhr

Krieg in der Ukraine: Festnahmen in Brandenburg wegen Hilfe für prorussische Milizen


Putin trifft laut Kreml am Donnerstag US-Gesandten Witkoff +++ Hilfsorganisationen: Leid der Bevölkerung übersteigt „schlimmste Befürchtungen“ +++ Mehr als 600.000 Kiewer haben die Stadt verlassen +++ alle Neuigkeiten im Liveblog

Krieg in der Ukraine: Festnahmen in Brandenburg wegen Hilfe für prorussische Milizen

In Berlin ist eine Frau mit deutscher und ukrainischer Staatsangehörigkeit festgenommen worden, die für einen russischen Geheimdienst gearbeitet haben soll. Ihrem Kontaktmann habe Ilona W. unter anderem Informationen mit Bezug zum Ukrainekrieg verschafft, teilte die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe am Mittwoch mit. Sie soll sich auch an frühere Mitarbeiter aus dem Geschäftsbereich des Bundesverteidigungsministeriums gewandt haben, die sie persönlich kannte.Am Mittwoch wurden ihre Wohnung und die Wohnungen von zwei weiteren Beschuldigten in Brandenburg, Rheinland-Pfalz und Bayern durchsucht. Die beiden anderen Beschuldigten sind den Angaben zufolge auf freiem Fuß.W. wird vorgeworfen, für einen Geheimdienst einer fremden Macht tätig gewesen zu sein. Sie soll Hintergrundinformationen über Teilnehmer hochkarätiger politischer Veranstaltungen zusammengestellt und sich über Standorte der Rüstungsindustrie, Drohnentests und geplante Lieferungen von Drohnen an die Ukraine informiert haben. Sie sollte dem Ermittlungsrichter des Bundesgerichtshofs vorgeführt werden, der über die Untersuchungshaft entscheidet. 

Der amerikanische Sondergesandte Steve Witkoff reist nach eigenen Angaben am Donnerstag zu einem Treffen mit dem russischen Präsidenten ​Wladimir Putin nach Moskau. Der Schwiegersohn des amerikanischen Präsidenten Donald Trump, Jared Kushner, werde ihn begleiten, sagt Witkoff dem Sender CNBC. Das ⁠Treffen finde auf Wunsch der ​russischen Seite statt. „Ich denke, das ist eine wichtige Aussage von ihrer Seite.“ ⁠Die russische Führung hatte vergangene Woche mitgeteilt, sie bereite ‍den Empfang von Witkoff ‍und Kushner für Friedensgespräche zur Ukraine vor, nannte aber keinen Termin. Nun bestätigt das Präsidialamt in Moskau das Treffen ⁠am Donnerstag. Der ukrainische Chefunterhändler Rustem Umjerow hatte vergangene Woche erklärt, die ​Gespräche ​mit US-Vertretern würden fortgesetzt. ‌Es gehe dabei um eine Lösung für ‍den seit fast vier Jahren andauernden Krieg mit Russland. ‍Die Gespräche sollen diese ⁠Woche beim Weltwirtschaftsforum im schweizerischen Davos stattfinden. 

Mehrere Hilfsorganisationen haben vor einer weiteren Verschlimmerung der humanitären Situation in der Ukraine gewarnt und mehr Hilfe für die Zivilbevölkerung angemahnt. „2025 war das tödlichste Jahr für Zivilistinnen und Zivilisten in der Ukraine seit der Eskalation des Krieges vor rund vier Jahren“, erklärte die internationale Hilfsorganisation Help in Bonn. So seien im vergangenen Jahr rund 2400 Zivilisten durch die Angriffe getötet und fast 12.000 verletzt worden. Das seien fast 30 Prozent mehr als im Vorjahr gewesen.Derzeit träfen besonders die Angriffe auf zivile Energie- und Heizinfrastruktur die Bevölkerung hart. „Die Attacken auf das ukrainische Energiesystem nehmen immer mehr zu. Die Folgen sind dramatisch: Stromausfälle, eingeschränkte Wasser- und Heizversorgung und damit zusätzliche Risiken für die betroffenen Menschen, insbesondere bei aktuell bis zu minus 25 Grad Celsius“, sagte der Help-Landesdirektor in der Ukraine, Oleksandr Novykov.Auch die Hilfsorganisation Care verweist auf die dramatische Lage. „Das Leid der Zivilbevölkerung in der Ukraine übersteigt inzwischen unsere schlimmsten Befürchtungen. Nacht für Nacht werden Energie- und Heizsysteme angegriffen - gezielt jene Infrastruktur, die Menschen am dringendsten brauchen, um bei eisigen Temperaturen zu überleben“, erklärte der Care-Länderdirektor in der Ukraine, Michael McGrath. Die Zivilbevölkerung bezahle derzeit „den höchsten Preis dieses Krieges“. Deshalb dürfe die internationale Gemeinschaft nicht wegsehen.Die Hilfsorganisation Malteser hob die seelischen Folgen der andauernden Angriffe durch Russland hervor. „Unsere Psychologinnen und Psychologen warnen, dass sich der psychische Zustand der Menschen zunehmend verschlechtert“, sagte der Programmmanager von Malteser International in der Ukraine, Philipp Gliesche. „Stress wird, vor allem im Osten des Landes und der Hauptstadt, nicht mehr als akute Reaktion auf bestimmte Ereignisse wahrgenommen, sondern als permanenter Hintergrund des Lebens.“ 

Der Kreml-Gesandte Kirill Dmitriew hat auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos in der Schweiz eigenen Angaben zufolge „konstruktive“ Gespräche mit den amerikanischen Gesandten über eine Beendigung des Kriegs in der Ukraine geführt. „Die Treffen sind konstruktiv, und immer mehr Menschen erkennen, dass Russlands Position richtig ist“, behauptete Dmitriew am Dienstag nach einem Treffen mit dem US-Sondergesandten Steve Witkoff und dem Präsidenten-Schwiegersohn Jared Kushner.Dmitriew hatte zuvor im Onlinedienst X erklärt, dass er in Davos eingetroffen sei, und dazu ein Friedenstauben-Emoji gepostet. Er hatte für die russische Regierung bereits im Dezember an Gesprächen in Florida mit Kushner und Witkoff über die Zukunft der Ukraine teilgenommen.

Nach einem russischen Luftangriff sind in Teilen der ukrainischen Hauptstadt Kiew Strom, ​Heizung und Wasserversorgung ausgefallen. Bewohner hätten bei Temperaturen unter dem Gefrierpunkt in Notzelten Schutz gesucht, hieß es. Ganze Wohnblöcke seien ⁠ohne Strom. Eine ​russische Stellungnahme zu dem Angriff lag zunächst nicht vor.

Bei ukrainischen Drohnenangriffen auf den Süden Russlands sind nach offiziellen Angaben acht ⁠Menschen verletzt worden. In ​der Republik Adygeja sei ein Wohnhaus getroffen worden, teilte ⁠Gouverneur Murat Kumpilow auf ‍Telegram mit. Sieben der ‍Verletzten, darunter ein Kind, würden im Krankenhaus behandelt. In der benachbarten Region ⁠Krasnodar sei nach Angaben von Gouverneur Wenjamin ​Kondratjew ​ein weiteres Wohnhaus beschädigt ‌und die Bewohner in ‍Sicherheit gebracht worden. Eine ukrainische Stellungnahme ‍liegt zunächst nicht ⁠vor.

Nach den schweren russischen Angriffen sind dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj zufolge mehr als eine Million Verbraucher allein in Kiew ohne Strom. Mehr als 4000 Hochhäuser in der Dreimillionenstadt seien ohne Heizung, sagte er in seiner abendlichen Videobotschaft. Er forderte den Energieversorger Ukrenergo, die Regierung, regionale Behörden und Stadtverwaltungen - dabei explizit die der Hauptstadt - auf, jede Stunde an der Energieversorgung zu arbeiten. Selenskyj kritisierte außerdem erneut die Flugabwehr. Die Arbeit der Luftstreitkräfte gegen die Kampfdrohnen der ursprünglich iranischen Bauart Schahed sei unbefriedigend, sagte er. Die Arbeit der Luftstreitkräfte müsse anders organisiert werden. Darüber sei mit Verteidigungsminister Mychajlo Fedorow gesprochen worden, führte er aus und kündigte Konsequenzen an. 

Rund jeder sechste Bewohner der ukrainischen Hauptstadt Kiew ist dem Aufruf von Bürgermeister Vitali Klitschko zur vorübergehenden Evakuierung gefolgt: 600.000 der 3,6 Millionen Einwohner hätten die Stadt seit dem 9. Januar verlassen, sagte Klitschko am Dienstag in einem Interview mit der Nachrichtenagentur AFP. „Nicht jeder hat die Möglichkeit, die Stadt zu verlassen, aber momentan schrumpft die Bevölkerung.“ Angesichts der verschärften russischen Angriffe auf die ukrainische Energieinfrastruktur hatte Klitschko zur vorübergehenden Evakuierung aufgerufen.Nach einem russischen Angriff in der Nacht zum Dienstag war bei fast der Hälfte der Wohnungen in Kiew bei zweistelligen Minusgraden Strom und Heizung ausgefallen. „Die Temperatur liegt bei fast minus 20 Grad und Putin nutzt dies, um den Widerstand zu brechen“, kritisierte Klitschko.Am 9. Januar hatte die russische Armee ihren bislang heftigsten Angriff auf die Energieinfrastruktur der ukrainischen Hauptstadt ausgeführt. Zahlreiche Kiewer hatten tagelang keinen Strom. In einem außergewöhnlichen Appell hatte Bürgermeister Klitschko die betroffenen Bürger aufgerufen, die Stadt nach Möglichkeiten vorübergehend zu verlassen. 

In der Ukraine sind das ehemalige Atomkraftwerk Tschernobyl und andere atomare Anlagen in der radioaktiv verseuchten Sperrzone um das AKW wieder am Stromnetz. „Das Kraftwerk ist mit den notwendigen Treibstoffvorräten und funktionierenden Reservestromquellen für den Fall neuer (russischer) Angriffe ausgestattet“, versicherte das Energieministerium in Kiew in einer Mitteilung. Die Strahlungswerte um die Industrieanlagen und im Sperrgebiet seien innerhalb der Normen. 

Für den Unterhalt der ukrainischen Armee sind nach Angaben der Regierung innerhalb der nächsten zehn Jahre mehrere Hundert Milliarden Euro notwendig. „Wenn sich die Situation nicht ändert, das heißt das aggressive Verhalten Russland bezüglich Europas und der Welt, dann kann das in den nächsten zehn Jahren bis zu 700 Milliarden US-Dollar (gut 600 Milliarden Euro) kosten“, sagte der für die EU- und NATO-Integration zuständige ukrainische Vizeregierungschef Taras Katschka bei einer Diskussionsveranstaltung beim Weltwirtschaftsforum in Davos. Wirtschaftsminister Olexij Sobolew zufolge handelt es sich bei der Summe um Verteidigungsausgaben, die nicht im ukrainischen Etat festgeschrieben sind – und somit von außerhalb kommen müssen. Den dazu kommenden ukrainischen Anteil aus dem Haushalt an den Verteidigungsausgaben der kommenden zehn Jahre bezifferte er auf umgerechnet 425 Milliarden Euro.

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat die Schaffung einer gemeinsamen Armee der Ukraine und Europas mit ​bis zu drei Millionen Soldaten vorgeschlagen. Er habe das Thema angesichts der Bedrohung durch Russland bereits im vergangenen Jahr angesprochen, sagt Selenskyj in einem Onlinechat mit Journalisten. Russland plant, seine Streitkräfte bis zum Jahr 2030 auf 2,5 Millionen Soldaten aufzustocken. 

Ukrainische Unterhändler haben sich am Rande des Weltwirtschaftsforums in Davos mit Sicherheitsberatern ​aus Deutschland, Frankreich und Großbritannien getroffen. Weitere Treffen mit Partnern zu Sicherheitsgarantien, der wirtschaftlichen Entwicklung und dem Wiederaufbau der Ukraine seien geplant, teilt der ukrainische Chefunterhändler Rustem Umjerow auf dem Kurznachrichtendienst Telegram mit. Die Gespräche sind Teil der Bemühungen der Regierung in Kiew, eine breite internationale Unterstützung für ihre Friedensvorstellungen zu gewinnen. Auch der russische Sondergesandte Kirill Dmitrijew ist in Davos eingetroffen. Insidern zufolge will der Chef des russischen Staatsfonds sich in Davos mit US-Vertretern treffen. 

In der Ukraine hat das stillgelegte Atomkraftwerk Tschernobyl der Internationalen Atomenergiebehörde zufolge nach weitreichenden Militäraktivitäten seine gesamte externe Stromversorgung verloren. Mehrere für die nukleare Sicherheit wichtige Umspannwerke seien von den Militäraktivitäten betroffen, teilt die IAEA auf der Plattform X mit. Zudem seien auch Stromleitungen zu einigen anderen Atomkraftwerken in Mitleidenschaft gezogen worden. Ukrainischen Behörden zufolge hatte Russland in der Nacht auf Dienstag wieder einen massiven Drohnen- und Raketenangriff auf die Ukraine gestartet. In Tschernobyl ereignete sich 1986 der weltweit schwerste Atomunfall. Der letzte aktive Reaktor des AKW wurde im Jahr 2000 stillgelegt. 

Auch die Ukraine ist Präsident Wolodymyr Selenskyj zufolge zur ​Teilnahme an dem von US-Präsident Donald Trump geplanten globalen Friedensrat eingeladen worden. Diplomaten befassten sich derzeit mit der Einladung, sagt Selenskyj. Er könne es sich jedoch nur schwer vorstellen, gemeinsam mit Russland in diesem oder einem anderen Gremium zu sein, äußerte er in einem Whatsapp-Chat mit Medienvertretern. Trump hatte auch den russischen Präsidenten Wladimir Putin zu dem Friedensrat eingeladen, der sich nach dem Willen des US-Präsidenten nach dem Gazakrieg auch mit anderen weltweiten Konflikten befassen soll. Insgesamt hat Trump rund 60 Staats- und Regierungschefs eingeladen.