FAZ 06.01.2026
08:50 Uhr

Krieg in der Ukraine: Ehemalige Außenministerin Kanadas wird Beraterin von Selenskyj


Chrystia Freeland zieht sich aus dem kanadischen Parlament zurück +++ Merz: Ukraine„am Rand einer humanitären Energiekrise“ +++ Russische Angriffe auf Kiew +++ alle Neuigkeiten im Liveblog

Krieg in der Ukraine: Ehemalige Außenministerin Kanadas wird Beraterin von Selenskyj

In den Gesprächen über einen Waffenstillstand in der Ukraine will sich Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) für umfassende Sicherheitsgarantien für das von Russland angegriffene Land einsetzen. „Wir wollen einen Waffenstillstand, der die Souveränität der Ukraine wahrt“, schrieb Merz in einem Brief an die Abgeordneten der schwarz-roten Koalition, welcher der Nachrichtenagentur AFP am Dienstag vorlag. Eine Waffenruhe müsse deshalb „mit Sicherheitsgarantien der USA und Europas unterlegt“ werden.Merz nimmt am Dienstagnachmittag in Paris an einem Treffen zum weiteren Vorgehen im Ukraine-Konflikt teil. Dort werden unter anderem auch der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj sowie der US-Sondergesandte Steve Witkoff erwartet.Die Bemühungen um einen Waffenstillstand fänden „unter schwierigen Bedingungen“ statt, betonte Merz in dem Brief zu den Herausforderungen für die Koalition im neuen Jahr, der das Datum vom Sonntag trägt. „Russland zeigt nur geringe Verhandlungsbereitschaft, Präsident Selenskyj ringt um die Einigkeit der Ukrainer, und die transatlantische Zusammenarbeit hat sich tiefgreifend verändert.“ 

Bei einem ​ukrainischen Drohnenangriff in der russischen Region Twer wird nach offiziellen ⁠Angaben ​ein Mensch getötet. Zwei weitere Menschen werden verletzt, ⁠teilt das ‍Büro des Gouverneurs mit. ‍Trümmerteile der Drohne schlagen demnach in einer Wohnung im ⁠neunten Stock eines Gebäudes in ​der ​Stadt Twer ein ‌und lösen ein ‍Feuer aus. Anwohner werden ‍evakuiert.

Zur Abstimmung des weiteren Vorgehens im Ukraine-Konflikt werden Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU), der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj und mehrere weitere Staats- und Regierungschefs am Dienstagnachmittag in Paris erwartet. Aus den USA reisen der Sondergesandte Steve Witkoff und der Schwiegersohn von Präsident Donald Trump, Jared Kushner, zu dem Treffen der sogenannten Koalition der Willigen an. Die Staaten stehen an der Seite der Ukraine, die sich seit dem 24. Februar 2022 gegen den russischen Angriffskrieg wehrt.  In den Gesprächen werde es um die anhaltende Unterstützung für die Ukraine und die Fragen nach einem Erreichen eines Waffenstillstandes gehen, hieß es in Berlin. Nach ukrainischen Informationen hatten nationale Sicherheitsberater der Koalition sowie Vertreter von EU und Nato bereits am Samstag über Sicherheitsgarantien für Kiew, „Ansätze für den Friedensplan“ sowie den weiteren Zeitplan beraten. 

Außenminister Johann Wadephul (CDU) hat vor dem Gipfel zum Ukrainekrieg an diesem Dienstag in Paris hervorgehoben, dass Litauen sich auf den zugesagten Aufbau der deutschen Brigade im Land verlassen könne. Offen bleibt jedoch, ob die Bundeswehr sich an einem Sicherungseinsatz in der Ukraine beteiligen könnte. Dazu Matthias Wyssuwa und Stefan Locke: 

Die Ukraine befindet sich nach Angaben ​von Kanzler Friedrich Merz „am Rand einer humanitären Energiekrise“. Das geht aus einem der Nachrichtenagentur Reuters vorliegenden Schreiben des Kanzlers an die Regierungsfraktionen von CDU/CSU und SPD hervor. Russlands Präsident Wladimir Putin strebe im vierten Kriegswinter keinen Waffenstillstand an, sondern habe die bisher schwersten Angriffe auf die zivile Infrastruktur in der Ukraine befohlen. Merz wirft der russischen Führung deshalb Kriegsverbrechen vor. Die Bundesregierung strebe ein Ende des Krieges an, heißt es in dem Schreiben weiter. Das sei aber nur möglich, wenn es für die Ukraine diesmal wirklich Sicherheitsgarantien der USA und Europas gebe.

Die litauischen Behörden untersuchen derzeit eine weitere Beschädigung an einem Unterseekabel in der Ostsee. Der Leiter der litauischen Notfallbehörde, Vilmantas Vitkauskas, sagte am Montag vor Journalisten, das betreffende Kabel verbinde Litauen mit dem benachbarten Lettland. „Wir prüfen, welche mögliche Konsequenzen dieser Vorfall haben könnte“, sagte Vitkauskas. Es sei noch zu früh, um eine Aussage über eine mögliche Beteiligung Russlands zu treffen.Der Schaden sei erstmals am Freitag bemerkt worden, sagte der Behördenchef. Auch die Behörden in Lettland untersuchten den Vorfall. Die lettische Regierungschefin Evika Silina erklärte am Sonntag, die Kommunikation in Lettland sei durch den Vorfall nicht beeinträchtigt worden. Der Kabel-Betreiber, das schwedische Unternehmen Arelion, teilte mit, die Reparaturarbeiten und Nachforschungen zur Ursache für die Beschädigung seien im Gange.Zuletzt hatten sich Schäden an Unterseekabeln in der Ostsee gehäuft: Am 3. Dezember war ein Kabel zwischen Estland und Finnland durchtrennt worden, am 30. Dezember ein Kabel zwischen Schweden und Estland. Seit Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine vor fast vier Jahren sind in der Ostsee immer wieder wichtige Telekommunikations- und Stromkabel beschädigt worden. Fachleute gehen davon aus, dass es sich um hybride Angriffe im Auftrag Russlands handelt.Als mutmaßlicher direkter Verursacher der Kabelschäden gilt die sogenannte Schattenflotte von oft veralteten und unter fremder Flagge fahrenden Schiffen, mit denen Russland das im Zuge des Ukrainekriegs verhängte Öl-Embargo umgeht. 

Die russischen ​Streitkräfte haben nach ukrainischen Angaben Charkiw im Nordosten mit Raketen angegriffen. Die Energieinfrastruktur in der nach Kiew zweitgrößten Stadt der Ukraine sei „sehr schwer“ beschädigt worden, teilt Bürgermeister Ihor Terechow mit. Russland führt in diesem Winter eine breit angelegte Angriffskampagne auf das ukrainische Energiesystem. 

US-Präsident Donald Trump geht nicht von einem Angriff der Ukraine auf die Residenz des russischen Präsidenten Wladimir Putin aus. Er glaube nicht, dass dieser Angriff stattgefunden habe, sagte der Republikaner auf eine Nachfrage von Journalisten. Vor einer Woche hatte Trump nach einem Gespräch mit Putin den angeblich geplanten Angriff noch kritisiert.Seit dem 29. Dezember behauptet Russland, dass die Ukraine versucht habe, die Waldai-Residenz Putins mit Kampfdrohnen anzugreifen. Kiew hatte das vehement bestritten. Putin hatte auch Trump über den angeblich geplanten Angriff informiert, der danach etwa sagte: „Das ist nicht gut.“Der US-Geheimdienst CIA hatte dann die Erkenntnis erlangt, dass die Ukraine weder Putin ins Visier genommen noch eine seiner Residenzen angegriffen hat, wie Medien wenige Tage später berichteten. Damit widersprach der Auslandsgeheimdienst den schweren Vorwürfen aus Moskau.Die Ukraine sah in Moskaus Behauptung einen russischen Vorwand, den Krieg trotz laufender Verhandlungen um eine Friedenslösung weiter fortzusetzen und erneut auch Regierungsgebäude in Kiew angreifen zu wollen.

Russland greift die ukrainische Hauptstadt Kiew aus der Luft an. Das teilt Bürgermeister Vitali Klitschko über den ​Kurznachrichtendienst Telegram mit. Die Luftabwehr sei im Einsatz. Klitschko ruft die Bevölkerung auf, in den Schutzräumen zu bleiben.

Ein ukrainischer Drohnenangriff löst ​in der Stadt Jelez in der russischen Region Lipezk ⁠einen Brand ​in einem Industriegebiet aus. Das teilt der Gouverneur ⁠der Region, Igor Artamonow, ‍mit. Verletzte gebe ‍es nicht. In Jelez befindet sich das Batteriewerk Energija, ⁠ein wichtiger Hersteller für ​die russische ​Rüstungsindustrie. Die Ukraine ‌hat das Werk ‍nach eigenen Angaben bereits früher ‍angegriffen.

Die Ukraine greift die russische Hauptstadt Moskau seit Jahresbeginn angeblich ​täglich mit Drohnen an. Das russische Verteidigungsministerium teilte am Montag mit, allein bis Sonntag Mitternacht seien ​57 Drohnen über der Region Moskau zerstört worden. Wegen der Angriffe müssen die Flughäfen in der Hauptstadt nach Angaben der ⁠russischen Luftfahrtbehörde Rosawiazija immer wieder ​vorübergehend schließen. Eine ukrainische Stellungnahme liegt nicht vor. Die Regierung in ⁠Kiew erklärt jedoch seit Längerem, mit solchen Angriffen die russische ‍Militärlogistik und Energieinfrastruktur ‍schwächen zu wollen.

Abermals ist ein Unterseekabel in der Ostsee beschädigt worden — diesmal vor Lettland. „In der Ostsee nahe Liepaja wurde ein Schaden an einem Glasfaserkabel eines privaten Unternehmens entdeckt“, teilte Ministerpräsidentin Evika Silina auf der Plattform X mit. Nach Angaben der lettischen Polizei handelt es sich bei dem mutmaßlichen Verursacher des Schadens um ein Schiff. Die genauen Umstände des Vorfalls, der sich am 2. Januar in lettischen Hoheitsgewässern ereignet habe, seien noch unklar. Nach Auswertung von Informationen der lettischen Marine soll das Schiff zunächst über ein inaktives Kabel gefahren sein und anschließend seinen Kurs auf das nun beschädigte Kabel geändert haben, teilte die Polizei mit. Nach Identifizierung des verdächtigen Schiffs sei eine Untersuchung eingeleitet und die Besatzungsmitglieder seien befragt worden. Dazu seien Ermittler an Bord des Schiffs gegangen, das gegenwärtig im Hafen von Liepaja liege. Das Schiff und seine Besatzung, die mit der Polizei kooperiere, wurden bislang nicht festgesetzt, hieß es weiter. Die Ermittlungen dauerten an. Liepaja ist die drittgrößte Stadt Lettlands und liegt direkt an der Ostseeküste, nördlich der Grenze zu Litauen. Aus dem Nachbarland sind den Angaben zufolge auch die ersten Informationen über die mögliche Beschädigung des Kabels eingegangen, die aber keine Auswirkungen auf lettische Verbraucher haben soll.Die Beschädigung des Unterseekabels ist der zweite Vorfall innerhalb einer Woche in der Ostsee. An Silvester wurde ein Datenkabel zwischen Estland und Finnland beschädigt. Unter Verdacht steht ein Schiff, das von den finnischen Behörden mit heruntergelassener Ankerkette angetroffen und festgesetzt wurde.Die Ostseeregion ist ‍seit Russlands Großangriff ‍auf die Ukraine im Jahr 2022 nach einer Reihe von Ausfällen von Stromkabeln, Telekommunikationsverbindungen und Gaspipelines in Alarmbereitschaft. Die Nato hat ihre Präsenz mit Schiffen, Flugzeugen ⁠und Drohnen verstärkt.

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj bereitet sich auf eine neue diplomatische Woche in den Bemühungen um eine friedliche Lösung für sein von Russland angegriffenes Land vor. „Es werden Treffen in Europa stattfinden, die für die Ukraine einen weiteren Beitrag zu unserem Schutz und zur Beendigung des Krieges leisten sollen“, teilte er in seiner abendlichen Videoansprache mit. Über Zeit und Ort der Gespräche nannte Selenskyj keine Details.Dabei werde sich die Ukraine auf zwei Optionen vorbereiten: „Auf die Diplomatie, die wir gewährleisten, oder auf eine weitere aktive Verteidigung, falls der Druck der Partner auf Russland nicht ausreicht.“ Die Ukraine strebe zwar nach Frieden, doch werde sie ihre Kräfte niemandem überlassen.An diesem Dienstag soll in Paris die von Frankreich und Großbritannien angeführte „Koalition der Willigen“ zusammenkommen, um über Ergebnisse zu reden. Selenskyj fordert solide Sicherheitsgarantien der USA und der europäischen Staaten, die die Ukraine nach einem Kriegsende vor künftigen russischen Angriffen schützen sollen. Ein Friedensabkommen ist auch nach fast vier Jahren des russischen Angriffskrieges nicht in Sicht. Sollte Russland nicht zum Frieden bereit sein, benötige die Ukraine „frische Kräfte“, betonte Selenskyj. Deshalb gehe er parallel dazu einen Neustart aller Strukturen an, für alle Fälle. Entsprechend hat Selenskyj bereits seinen Verteidigungs- und Sicherheitsapparat teils neu aufgestellt. Er ernannte den bisherigen Militärgeheimdienstchef Kyrylo Budanow zum Chef seines Präsidentenamtes. Der 39 Jahre alte Budanow war schon bisher in die Friedensgespräche eingebunden. Zudem kündigt Selenskyj erneut einen Wechsel an der Spitze des Verteidigungsministeriums an. Der Vizeregierungschef und Minister für digitale Transformation, Mychajlo Fedorow, soll das Amt von Denys Schmyhal übernehmen, wie er sagte. Schmyhal soll das Energieministerium führen. Der 34 Jahre alte Fedorow ist Spezialist für Drohnen und Digitalisierung. Das Parlament muss der Personalie zustimmen.Am Sonntag wurde auch ein Wechsel an der Spitze der Grenztruppen eingeleitet, zudem empfing Selenskyj Kandidaten für fünf Gebietsverwaltungen. „Die Führung auf lokaler Ebene ist genauso wichtig wie auf zentraler Ebene“, sagte er.

Ein Schwarm ukrainischer Drohnen ist nach russischen Angaben beim Anflug auf die Hauptstadt Moskau ins Visier der Flugabwehr geraten. Mindestens 40 Drohnen seien bereits abgeschossen worden, teilte Bürgermeister Sergej Sobjanin nach Angaben der Staatsagentur Tass mit. Über eventuelle Schäden oder mögliche Opfer machte er keine Angaben. Insgesamt seien über den Regionen Russlands innerhalb von nur sieben Stunden 253 ukrainische Drohnen abgeschossen worden, teilte das Verteidigungsministerium in Moskau am Abend mit. Zu eventuellen Schäden macht das Ministerium grundsätzlich keine Angaben.Wegen des Anflugs der Drohnen wurde auf den Moskauer Flughäfen Schukowski und Wnukowo aus Sicherheitsgründen vorübergehend der Flugbetrieb eingestellt. Ankommende Flüge wurden umgeleitet. Erst am Abend wurde der Flugbetrieb nach offiziellen Angaben wieder aufgenommen.