FAZ 05.12.2025
07:55 Uhr

Kreuzfahrt mit Teenager: Als keine Whatsapp mehr eingehen, wird ihr das Ausmaß ihrer Entscheidung bewusst


Sport ist ok, aber bloß nicht tanzen: Wie erlebt ein Teenager eine Kreuzfahrt ganz ohne Internet? Unsere Autorin war mit ihrer siebzehnjährigen Nichte unterwegs – und hat viel gestaunt.

Kreuzfahrt mit Teenager: Als keine Whatsapp mehr eingehen, wird ihr das Ausmaß ihrer Entscheidung bewusst

Sie steht da, blickt achtzehn Decks nach oben und dreihundert Meter nach rechts entlang der Costa Toscana. „Lass uns ein gemeinsames Selfie machen“, rufen wir ihr zu. Doch sie starrt weiterhin nur das riesige Schiff an. Für unsere siebzehnjährige Nichte ist es die erste Kreuzfahrt. Bisher kennt sie Seereisen nur aus dem Fernsehen, wenn die Passagiere des „Traumschiffs“ entspannt mit dem Auto bis zur Pier fahren und von der Chef-Stewardess höchstselbst begrüßt werden. An Bord der Costa Toscana reisen mehr als 6000 Gäste mit, das sind gut zehnmal so viele wie auf der Amadea, dem aktuellen Traumschiff. Kein Wunder, dass ein Teenager überwältigt ist. Ohne persönliche Begrüßung gehen wir zusammen mit Hunderten anderen Gästen über eine in Schleifen verlaufende Gangway an Bord der Toscana. Vor unserer Abreise kamen trotz aller Freude über die gemeinsame Reise Zweifel auf. Zu Hause erleben wir unsere Nichte meistens mit ihrem Smartphone. Welchen Sinn hat es, einen Teenager mitzunehmen, der am liebsten mit dem Handy in der Ecke sitzt? Als sie nicht einmal ein Handyfoto machen will und sofort an Bord geht, keimt in uns die Hoffnung, dass die achttägige Kreuzfahrt durch das westliche Mittelmeer sie doch aus ihrer digitalen Welt herausholen kann. Wir schlagen vor, unsere Reise mit einem alkoholfreien Pink Panther und einem Aperol Spritz zu beginnen. Mit einem Blick, der sowohl fragend als auch amüsiert ist, sagt sie: „Das ist jetzt aber ziemlich klischeehaft, oder?“ Dass Kreuzfahrer den ganzen Tag über Cocktails trinken, im Liegestuhl am Pool entspannen, viel zu viel essen und am Ende die Kleidung nicht mehr passt? Ja, das ist ein Klischee, aber wie in den meisten steckt auch in diesem ein Funken Wahrheit. Sie zuckt eher gleichgültig mit den Schultern, was wir als Zustimmung deuten. Kurz vor dem Auslaufen sind die besten Plätze an der Reling schon belegt, deshalb holen wir unsere Drinks an der Bar und gehen zurück auf unsere Kabine am Heck. In den Bergen über Savona ziehen Gewitterwolken auf, es donnert, und Blitze zucken in der Ferne. In dem Moment löst sich das Schiff von der Pier und gleitet rückwärts aus dem Hafenbecken. Wir trinken schweigend unsere Cocktails, und je länger wir nicht reden, desto unsicherer werden wir, weil wir nicht wissen, ob unsere Nichte diesen Moment genauso genießt wie wir. „Das machen wir jetzt immer“, schlägt sie vor und lächelt. Doch wie das Wetter schlägt auch die Stimmung der Teenagerin um, nachdem wir ausgelaufen sind. Als sie plötzlich keinen Handyempfang mehr hat, protestiert sie unglücklich: „Meine Freundinnen denken bestimmt, ich sei tot!“ Es war zwar von Anfang an klar, dass wir kein Internetpaket buchen werden. Vermutlich in einem Anflug von Euphorie über ihre erste Kreuzfahrt hatte sie dem vorab auch zugestimmt und festgestellt: „Ich will ja meinen Freundinnen erzählen, wie die Reise war, und nicht, wie gut das Internet funktioniert hat.“ Doch als keine Whatsapp mehr eingehen und Tiktok nicht mehr funktioniert, wird ihr das Ausmaß dieser Entscheidung auf einmal bewusst. Diese Reaktion passt zu der Umfrage über die Reisegewohnheiten Jugendlicher durch AIDA Cruises, der deutschen Tochter von Costa Crociere. Demnach gehört ständig verfügbares, schnelles Internet zu den wichtigsten Bedürfnissen von Teenagern. Die Situation auf Kreuzfahrten war viele Jahre anders als an Land, denn Smartphones waren an Bord bis vor Kurzem nur eingeschränkt nutzbar. Zwar wurde 1999 auf der Norwegian Sky das erste Internet-Café auf einem Kreuzfahrtschiff eröffnet und auch andere Schiffe nach und nach mit WLAN ausgestattet, doch es war langsam und teuer. Dank Elon Musks satellitengestütztem Internetdienst Starlink hat sich zumindest die Geschwindigkeit erhöht. Die Toscana ist das erste Schiff der Flotte, das im Juli 2023 mit dem Starlink-Breitbanddienst von SpaceX ausgestattet wurde. Mittlerweile sind alle Costa-Schiffe mit Starlink verbunden, wodurch das Internet nun auch auf hoher See für mehrere Tausend Menschen nahezu so schnell ist wie an Land. Internet und Smartphone stellen nicht nur Eltern und Tanten von Teenagern vor Herausforderungen. Ein Programm für Jugendliche zusammenzustellen, die so mit ihrem Handy verwachsen sind, sei schwierig, sagt Guilherme Marques, der Chef-Animateur für „Kids und Teens“ auf der Costa Toscana. Laut Marques werden Teenager auf Kreuzfahrten vor allem von dem Wunsch angetrieben, ihre Urlaubserlebnisse mit Freunden und Followern zu teilen. Dabei gehe es ihnen um das „perfekte Foto“ oder ein außergewöhnliches Video, das möglichst viele Likes und damit Applaus einbringe. Das früher beliebte Programm sei bei den heutigen Teenagern dagegen nicht mehr gefragt, sagt Marques. Mannschaftsspiele, die bei Erwachsenen und Kindern beliebt seien, funktionierten bei Teenagern nicht. Sie seien viel zu zurückhaltend, um sich spontan zu Gruppen zusammenzufinden. Wettbewerbe und Auszeichnungen, wie etwa die Wahl zu Mister und Miss Costa Toscana, gefielen ihnen nicht mehr. Weder wollten sie im Rampenlicht auf großer Bühne stehen noch andere bewerten. „Das passt nicht zum Body-Positivity-Gedanken“, erklärt unsere Nichte. Gemeinsamer Sport wie Fußball, Tischtennis oder Tischkicker sei hingegen nach wie vor beliebt, da Jugendliche auf diese Weise ungezwungen miteinander in Kontakt kämen und Sprachbarrieren überwinden könnten, erklärt der Teens-Animateur. Unsere Nichte freut sich besonders auf das, was Marques auch von anderen Jugendlichen berichtet: die Freiheit, sich eigenständig auf dem Schiff zu bewegen und an viele Orte in unterschiedlichen Ländern zu kommen. „Das macht schon was her, wenn ich erzähle, dass ich an einem Tag am Strand von Ibiza chille und zwei Tage später auf Sizilien bin“, sagt sie voller Vorfreude auf die bevorstehende Reise. Doch am ersten Abend ist die Stimmung im Keller. Wir wollen uns für das Abendessen schick machen, doch der Teenie möchte lieber in Jeans, Shirt und Sneakers bleiben. Im Restaurant verschwindet sie hinter der Menükarte und bleibt auch nach der Bestellung wortkarg. Nach dem ersten Gang, Pasta mit Meeresfrüchten, sagt sie traurig: „Alle haben so schöne Sachen an. Und ich bin hier in Alltagsklamotten zu dem tollen Essen.“ Nach dem abschließenden Schokoladenmousse ist sie wie ausgewechselt. Wollte sie zuvor noch den restlichen Abend in Ruhe auf der Kabine verbringen, hat sie es plötzlich eilig. Sie müsse kurz auf die Kabine gehen, verkündet sie und kommt pünktlich zur Abendshow mit Akrobatik, Tanz und Gesang im Minikleid und mit einem Lächeln auf dem Gesicht zurück. „Mit Ü20 zu tanzen ist peinlich“ „Das war echt crazy“, sagt sie anschließend über die Inszenierung, und wir schlagen vor, tanzen zu gehen. Doch sie blickt uns befremdet an und erklärt geradeheraus: „Nein, mit Ü20 zu tanzen ist peinlich.“ Doch das scheint nicht der eigentliche Grund zu sein, wie wir wenig später feststellen. Eher zufällig spazieren wir kurz vor Mitternacht am Innenpool vorbei und blicken auf das, was eine Teens Disco werden soll. Die Kuppel über der Schwimmhalle ist blau erleuchtet, „TeenZone“ steht in neongrüner Schrift auf der Bühnenumrandung. Was fehlt, sind die Hauptpersonen. Nur ein paar Jugendliche liegen entspannt mit ihren Smartphones in den Kissen der Sofas. Wir drehen noch eine Runde übers Deck, kommen wieder zurück, doch die Tanzfläche bleibt leer. Ganz anders war die Partyszene noch am Nachmittag, als ein DJ Italo-Pop auflegte, drei Animateure der Menge einheizten und Erwachsene jenseits der dreißig ausgelassen feierten. Die Einzigen, die man nie auf der Tanzfläche antreffe, seien Teenager, sagt Marques. Warum das so ist, erläutert unsere Nichte. Selbst im schummrigen Licht einer Disco könnten Smartphones heute gute Aufnahmen machen. Videos und Bilder landeten schnell auf Social Media und seien weltweit sichtbar. „Keiner will bloßgestellt werden“, betont sie. Dass Teenager nicht mehr tanzen wollen, erstaunt uns. Es passt aber zu der Nachricht, dass die Zahl der Clubs und Discos in Deutschland abnimmt, weil die junge Generation weniger Lust auf Tanzen und Party habe. In den ersten Tagen erwarten wir eine Klage über die Ungerechtigkeit, dass unsere Nichte kein Internetpaket bekommt, während ihre Altersgenossen offensichtlich ständig online sind. Doch die Diskussion bleibt aus. An Land verschickt sie Bilder und Textnachrichten an ihre Freude und überrascht uns, als sie sagt: „Irgendwie hat das was, mal ganz abzutauchen und erst am nächsten Tag wieder erreichbar zu sein.“ Wir sitzen gemeinsam mit Buch und Drink auf unserem Balkon, probieren alle Eissorten in der bordeigenen Gelateria Amarillo durch, machen uns fürs Abendessen schick und freuen uns auf die Abendshow. Allmählich wird uns klar, dass unsere Nichte, genau wie wir, keine Animation braucht, um auf einer Kreuzfahrt glücklich zu sein. Es ist die gemeinsame Zeit, die wir genießen, an Bord ebenso wie an Land. Die Nichte findet: „Rom ist cool!“ Für unseren ersten Stopp Marseille entscheiden wir uns, mit dem öffentlichen Bus vom Hafen ins Stadtzentrum zu fahren. Wir schlendern entlang dem Alten Hafen, machen ein Selfie unter dem verspiegelten Sonnenschutzdach von Norman Foster und gehen shoppen. In Barcelona nehmen wir die U-Bahn, denn ihr großer Wunsch ist es, einmal die Sagrada Familia zu sehen. Tief beeindruckt betrachtet sie die kleinen Details der kunstvoll in Stein gemeißelten biblischen Szenen. Angesichts der Menschenmassen verzichten wir darauf, die Kathedrale von innen zu besichtigen. Noch wichtiger ist es ihr, in die Casa Batlló von Antoni Gaudí zu kommen, also steigen wir wieder in die U-Bahn und suchen den Weg zur Passeig de Gràcia. Die runden und geschwungenen Formen erinnerten sie an Meereswellen, sagt sie, als wir mit Headsets durch das Gebäude laufen. Von der Dachterrasse, die mit bunten Glassteinen und Keramikplatten in Form eines Drachens gestaltet ist, senden wir sofort Bilder an die Daheimgebliebenen und freuen uns gleichermaßen über die positiven Kommentare. Rom hätten wir Erwachsenen ausfallen lassen, zumal es vom Hafen bis ins Stadtzentrum gut anderthalb Stunden mit dem Bus sind. „Rom ist cool“, erklärt die Siebzehnjährige, und so sitzen wir in Civitavecchia gemeinsam im Ausflugsbus. Unter brütender Sonne schieben wir uns vom Circus Maximus durch Touristenmassen zu Kolosseum, Forum Romanum und Kapitolshügel, auf dem wir die Statue der Kapitolinischen Wölfin fotografieren, die Romulus und Remus säugt. In nur einer Woche so viele Orte in verschiedenen Ländern zu entdecken, ohne ständig Koffer packen zu müssen, sei „mega“, sagt unsere Nichte am letzten Abend, als wir mit Pink Panther und Aperol Spritz in schicken Cocktailkleidern auf unserem Balkon stehen und zusehen, wie die Lichter von Civitavecchia allmählich kleiner werden. „Eine Kreuzfahrt in die Karibik ist doch bestimmt auch toll“, schlägt sie vor und träumt davon, im türkisfarbenen Wasser zu schnorcheln und über weiße Sandstrände zu laufen. Als wir sie fragen, was ihr an unserer Kreuzfahrt am meisten gefallen hat, sagt sie: „Das Meer.“ Besonders schön sei der Seetag gewesen, als uns den ganzen Tag nur Wasser umgab. Als sich die Sonne im Wasser spiegelte, habe sie an perfekte Kalender- und Postkartenmotive gedacht: „Es ist surreal, aber mitten auf dem Meer ist es wirklich so wunderschön.“ Ob wir beim nächsten Mal ein Internetpaket dazu buchen, spielt in diesem Moment keine Rolle. Informationen: Bei Costa Crociere reisen Kinder und Jugendliche bis einschließlich 17 Jahre in der Kabine von zwei Erwachsenen kostenlos mit. Die Costa Toscana fährt regelmäßig auf einer achttägigen Route im westlichen Mittelmeer zwischen Italien, Frankreich und Spanien. Der reguläre Startpreis liegt bei 669 Euro pro Person im „Cruise Only“-Tarif mit Vollpension in der Innenkabine. Bis zum 11.11.2025 läuft eine All-Inclusive-Werbeaktion mit Angeboten ab 699 Euro pro Person im All-Inclusive-Tarif in der Innenkabine.