Politik wird mit Zahlen gemacht. Gesundheitsministerin Nina Warken hat sich diese Wahrheit zu Herzen genommen. Sie wollte die Krankenkassenbeiträge zum Jahreswechsel stabil halten: bloß keine Schreckensnachrichten, nichts sollte teurer werden! Die schönen Zahlen aber wird Warken nicht bekommen, das entsprechende Gesetz ist im Bundesrat gescheitert. Die Länder sahen ihre Krankenhäuser einseitig belastet. Die Zusatzbeiträge der Krankenkassen werden 2026 steigen. Das Beispiel zeigt, woran die Gesundheitspolitik in Deutschland krankt. Es besteht eine große Angst davor, den Versicherten und den Patienten – den Wählern also – etwas zuzumuten, zum Beispiel schlechtere Leistungen oder wie in diesem Fall höhere Kassenbeiträge. Doch lassen sich solche Zumutungen kaum mehr vermeiden. Das System selbst muss geändert werden. Die Zahlen, die etwas über den inneren Zustand des Gesundheitssystems verraten, sehen schlecht aus. Das jüngste Beispiel: Im Jahr 2024 wurden in deutschen Krankenhäusern 13 Millionen Notfälle ambulant im Krankenhaus behandelt. Das sind 600.000 Fälle mehr als im Jahr zuvor, es ist die höchste jemals erfasste Zahl. Bagatelleinsätze werden finanziell belohnt Es ist ein Privileg, dass es für Patienten in Deutschland so einfach ist, sofort in einem Krankenhaus behandelt zu werden. Diese Möglichkeit wird aber längst nicht nur bei schweren Unfällen, Atemnot oder Krampfanfällen genutzt. Menschen rufen auch aus Bequemlichkeit die 112 an oder weil sie keine Arzttermine bekommen. Laut AOK landen vier von zehn Patienten ohne ärztliche Ersteinschätzung in der Notaufnahme. Obwohl Deutschland mit Rettungshubschraubern, Notärzten und Krankenwagen sehr gut ausgestattet ist, fehlen diese manchmal genau dann, wenn es tatsächlich um Leben und Tod geht. Sich hierüber moralisch zu empören, ist nicht falsch. Die politische Antwort aber muss eine andere sein. Denn das jetzige System belohnt Bagatelleinsätze finanziell. In der Notfallmedizin verursachen Fehlanreize und schlechte Vernetzung also hohe Kosten – und schaden zugleich den Patienten. Wer die Kassenbeiträge nicht nur von Jahr zu Jahr irgendwie stabilisieren, sondern das System zukunftsfähig machen will, muss den Weg der Reformen gehen. Ein Gesetzentwurf aus Warkens Haus will zum Beispiel 112 und 116117 besser vernetzen und Bagatellfälle in Arztpraxen verlegen, was ein Anfang ist. Ähnliche Reformen aber sind an vielen Stellen unseres Gesundheitssystems notwendig, um es aufrechtzuerhalten. Die hübschen Zahlen kommen dann von allein.
