Die Zukunft von einst ist heute auch schon wieder Vergangenheit. Technische Errungenschaften, eben noch gefeiert, sind nun allenfalls Relikte für das Museum. Und Musik, sagen wir einmal aus dem Jahr 1974, ist ein Fall für das Oldies-Radio? Dort spielen sie vielleicht sogar hin und wieder eine Single mit dem Titel „Autobahn“, und ein Moderator sagt anschließend, dass dieses Musikstück es 1975 sogar auf die vorderen Ränge der amerikanischen Hitparade geschafft habe, was auch ein halbes Jahrhundert später noch eher die Ausnahme für Musiker aus Deutschland ist. Dieser kommerzielle Erfolg ist zwar nur ein Detail in der langen Geschichte der Düsseldorfer Formation Kraftwerk, aber ein entscheidendes, machte es doch ein großes Publikum auf unerhörte Klänge „made in Germany“ aufmerksam. Hip-Hop-DJs fanden Gefallen an den futuristischen Klängen Deren epochale Bedeutung für die Entwicklung der Popmusik ist natürlich vor allem im Rückblick zu ermessen, doch der Einfluss dieses auf analogen Synthesizern und mit allerhand Effekten erzeugten Elektro-Sounds zeigte sich bald besonders in Großbritannien, wo zahlreiche Bands den Kraftwerk-Impuls zum Synth-Pop weiterentwickelten. In Amerika dagegen fanden vor allem frühe Hip-Hop-DJs Gefallen an den futuristisch anmutenden Klängen, die in vielen Samples Verwendung fanden. Auch Stilrichtungen wie House und Techno hatten ihren Kraftwerk-Impuls, was dem Düsseldorfer Kollektiv um die visionären Gründer Ralf Hütter und den 2020 gestorbenen Florian Schneider die Verehrung auch jener Szenen sichert. Dieser Einfluss auf die jüngere Musikgeschichte hat die Gruppe, von der heute nur noch der mittlerweile 79 Jahre alte Hütter als Urmitglied dabei ist, nicht nur dem Kanon zugeführt, sondern in gewisser Weise auch dem Museum, und dies nicht nur, weil ihr längst Ausstellungen gewidmet worden sind. Auch selbst präsentiert sich das Quartett, dem neben Hütter nun Henning Schmitz, Falk Grieffenhagen und Georg Bongartz angehören, als eine Art multimediales Kunstwerk, vom Publikum fast schon andächtig in eigentlich stets ausverkauften Konzerten wie nun in der Frankfurter Jahrhunderthalle bestaunt. Bei diesen Auftritten geht es mindestens so viel um Optik wie um die Musik, und beides entführt in eine Zeit, in der Technik, besonders Computertechnik, eher für Verheißung denn für eine möglicherweise schon nicht mehr beherrschbare Gefahr stand. Das grüne Elektro-Einmaleins, das zum Auftakt des etwas mehr als zweistündigen Konzerts auf der großen Leinwand hinter den Männern flimmert, die in fluoreszierende Overalls gekleidet sind, verweist auf jene unschuldigen Tage, als die Codes noch den Zugang zu einer Zauberwelt bedeuteten, in der sich kaum jemand auskannte, eine Welt, in der eine zukünftig sich anhörende Musik und verfremdete Stimmen von „Spacelab“, „Ätherwellen“, „Mensch-Maschine“ und „Neonlicht“ kündeten, aber auch vor „Radioaktivität“ warnten. Untermalt ist diese einst zukünftige Musik mit retrofuturistischen Bildern, die bewusst zu einer Zeitreise einladen sollen, zu Eindrücken, die einst Kraftwerk zu Kompositionen wie „Trans-Europa Express“, „Tour de France“ oder auch „Das Model“ inspiriert haben könnten; Zeiten und deren Gepflogenheiten allerdings, die man mit der Hinwendung zur Zukunft hinter sich lassen konnte. Für die Gegenwart scheint in dieser Präsentation auf den ersten Blick gar kein Platz, scheinen die vier weitgehend bewegungslosen Männer hinter ihren großen Pulten, auf denen sie Rechner kontrollieren oder vielleicht auch nur die Mannschaftsaufstellungen aus glorreichen Tagen von Fortuna Düsseldorf studieren, doch ganz in einer präzisen Inszenierung befangen, bis plötzlich Hütter doch über sein Kopfmikrofon zum Publikum spricht und an einen toten Freund, den japanischen Komponisten Ryūichi Sakamoto, erinnert, zu dessen Ehren sie dessen Stück „Merry Christmas Mr. Lawrence“ aufführen. Es ist eine rührende Geste und neben Hütters manchmal leicht brüchigem Sprechgesang bei den Vokalparts der Kraftwerk-Hits der Beweis, dass hier, der einzigen Zugabe „Die Roboter“ zum Trotz, Menschen am Werk sind, die mit dem Rückgriff auf die Vergangenheit zeigen, dass es auch eine andere Zukunft geben könnte.
