Auf den ersten Blick erschien die Botschaft, die Niko Kovac am Sonntagabend in mehreren Varianten formulierte, recht diffus. „Man kann aus einer Minderheit keine Mehrheit machen, dazu bin ich zu alt“, sagt der Trainer vor dem 2:0-Erfolg von Borussia Dortmund gegen Hoffenheim, bevor er nach dem Abpfiff erklärte. „Die Minderheit ist nicht immer die Mehrheit.“ Es war eine gewisse Kenntnis der Vorgeschichte erforderlich, um diese Worte richtig zu verstehen: Kovac reibt sich gerade an Beobachtern, die seine Arbeit in Dortmund mit einer gewissen Skepsis verfolgen. Kritiker, die zwar laute Stimmen und mitunter prominente Namen haben, die zugleich aber in den Augen des Trainers nicht die Mehrheit bilden. Gemeint ist zum Beispiel Julian Brandt, der den schönsten Spielzug des Abends kurz vor der Halbzeit zum 1:0 vollendet hatte, nach der Partie jedoch sagte: „Es ist, wenn man ehrlich ist, nicht meine Art und Weise, Fußball zu spielen, wenn man es sich 90 Minuten lang anguckt. Aber manchmal muss ich es dann auch akzeptieren.“ Brandt haderte nicht generell, sondern nur mit dem Spielstil gegen Hoffenheim, wie er Montag klarstellte. Kovac dagegen war begeistert, weil sein Team gewonnen und keine einzige gegnerische Torchance zugelassen hatte: Der BVB habe „einen sehr fokussierten, konzentrierten und disziplinierten Eindruck hinterlassen (…), das war eine sehr gute Leistung“. Kovac-Fußball mit der Note Eins also. Es ist eine interessante Linie, die nicht nur zwischen den Perspektiven der angeblichen Mehrheit und der Minderheit verläuft, sondern auch zwischen Kovac und Brandt. An diesem Abend mag der Kovac-Fußball perfekt umgesetzt worden sein, die weniger attraktive Seite dieser Spielweise war trotzdem sichtbar. Der Chancenarmut des Gegners stand ein großes Kontrollbedürfnis im eigenen Spiel gegenüber, Inspiration und Mut gehören nicht zu den Hauptmerkmalen dieser Herangehensweise. In Partien wie dem 1:1 beim Hamburger SV oder beim glücklichen 1:0 gegen Köln wurde das zum Problem. Aber im Gesamtbild ist Kovac 2025 erfolgreich dabei, die BVB-Familie zu überzeugen. Etwas hat sich geändert in den mittlerweile elf Kovac-Monaten. Vor bald zwei Jahren fand noch eine kleine Rebellion gegen einen ähnlichen Ansatz statt. Im Frühjahr 2024 wehrte sich eine von Mats Hummels angeführte Spielerfraktion lautstark gegen das „Nicht-sexy-aber-erfolgreich“-Credo des damaligen Trainers Edin Terzic. In der Woche vor dem Champions-League-Finale erschien ein Interview, in dem der Verteidiger erklärte, dass ein solcher Fußball nicht zu einem stolzen Verein wie Borussia Dortmund passt. Diese Vorgeschichte ist wichtig, um die derzeitige Situation zu verstehen. Das übergeordnete Motiv hinter solchen Kontroversen ist nämlich eine Art Dortmunder Identitätssuche. Die Erfolgsjahre mit Jürgen Klopp, in denen der BVB sehr „sexy“ gewesen ist, haben Ansprüche geweckt, die in den Jahren danach zu selten erfüllt werden konnten und die Leute wie Brandt immer noch in sich tragen. Es gab spektakuläre Einzelspieler, gute Phasen und eine große Kontinuität als Champions-League-Teilnehmer. Aber nie wieder ein Jahr, in dem der BVB konstant erfolgreich und harmonisch bis zu einem großen Erfolg für die Geschichtsbücher spielte. Auf die beiden einzigen Titel der Nach-Klopp-Ära – jeweils im DFB-Pokal – folgten Trainerwechsel (2017 von Thomas Tuchel zu Peter Bosz und von Edin Terzic zu Marco Rose 2021). Immer stimmte etwas nicht. Selbstbewusst Einfluss nehmen Nun ist eine historische Situation entstanden, in der sich der langjährige Klubchef Hans-Joachim Watzke aus dem Sportalltag ins Präsidentenamt zurückgezogen hat. Unter diesen Umständen kann Kovac selbstbewusster Einfluss nehmen als die meisten seiner Vorgänger. Nicht zuletzt, weil die inneren Widerstände gegen eine eher auf Fleiß und Sicherheit ausgerichtete Spielweise schwächer sind als vor zwei Jahren. Niko Kovac hat gerade eine echte Chance, zu einer prägenden Figur in diesem Klub zu werden. Dazu passte das Lob, das Hoffenheims Christian Ilzer gegenüber Kovac aussprach: „Ich habe immer Bewunderung, wenn Trainerkollegen es schaffen, in qualitativ guten Mannschaften so eine enorme Bereitschaft im Spiel gegen den Ball und eine Begeisterung für das Verteidigen zu erzeugen.“ Genau hier liegt die Weiterentwicklung gegenüber Terzic, dem es nicht gelungen ist, seine Individualisten zu hingebungsvollen Verteidigern zu machen. Unter Kovac arbeitet sogar Karim Adeyemi fleißiger gegen den Ball. Am Sonntag war die Energie auf dem rechten Flügel ein Erfolgsfaktor. Am Ende erkannte Julian Brandt die Vorzüge dieses mehr auf Kontrolle und Risikominimierung ausgerichteten Spielansatzes an. „Wir sind in den letzten Jahren immer der Musik hinterhergelaufen, wenn die Winterpause nahte“, sagte er, „jetzt haben wir erst ein Spiel verloren in der Bundesliga.“ Der BVB ist Dritter und krisenfest wie lange nicht. Weniger gute Spiele und schmerzliche Niederlagen wie im Pokal gegen Leverkusen vorige Woche gibt es zwar weiterhin, aber keine Zusammenbrüche mehr. Und das Fünf-Punkte-Polster auf Platz fünf könnten die Kritiker nicht einmal wegdiskutieren, wenn sie in der Mehrheit wären.
