Geht es nach dem Geschmack des Grundschulkinds, dann steht Hermine in diesem Jahr beim Fasching ganz hoch im Kurs. Gleich mehrere ihrer Mitschülerinnen wollen sich als Harry Potters schlaue Gefährtin verkleiden. Kein schlechtes Vorbild für junge Mädchen, sollte man meinen. Denn Hermine ist der Bücherwurm des Kinder- und Jugendbuchklassikers: ehrgeizig, wissbegierig und trotzdem cool. Bewahrheitet sich hingegen die Prophezeiung der „Google Trends“, so wird es in diesem Jahr auf den Rosenmontagszügen und Karnevalsfeiern nicht vor lauter Junghexen wimmeln. Denn offenbar sind in diesem Jahr ganz andere Figuren besonders angesagt. Der Betreiber der Suchmaschine hat veröffentlicht, nach welchen Kostümen innerhalb von sieben Tagen besonders häufig gesucht worden ist. Die Abfrage liegt zwar schon einige Tage zurück. Womöglich hat sich inzwischen also noch einmal etwas verschoben. Aber innerhalb besagter Woche Anfang Februar lieferten die „Google Trends“ doch ein klares und vielsagendes Ergebnis. Beliebt sind demnach vor allem Figuren aus aktuellen Filmen und Serien der Popkultur. Bei den Kinderkostümen auf Platz eins liegt Stranger Things. Das verwundert, denn die gruselige Netflix-Serie, die in einer fiktiven Kleinstadt im Amerika der achtziger Jahre spielt, ist in Deutschland erst von 16 Jahren an freigegeben. Gut möglich, dass Google den Begriff Kinder also etwas weiter fasst. Charakteristische Kleidungsstücke, die die Schauspieler in der Serie tragen, sind im Kostümhandel erhältlich: Das rosa Kleid der Figur Eleven kostet um die 30 Euro, das Outfit von Dustin gibt es schon für 19,90 Euro. Die Verkleidungen werden auf den ersten Blick wahrscheinlich nur schwer als solche zu erkennen sein, denn Mode im Stil der achtziger Jahre ist ohnehin wieder in. Vermutlich werden die Charaktere aus Stranger Things auf den Rosenmontagszügen also nur von echten Fans identifiziert. Auch beim zweitplatzierten Kostüm auf der Skala der laut Suchanfragen beliebtesten Kinderverkleidungen handelt es sich um ein aktuelles Phänomen der Popkultur. Der Animationsfilm KPop Demon Hunters, ebenfalls auf Netflix zu sehen, inspiriert offenbar viele junge Karnevalisten. Der Film handelt von einer Girl Group aus dem musikalischen Genre KPop, deren Mitglieder Dämonen jagen. Wer sich nicht näher damit auskennt, wird die Verkleidungen wohl recht allgemein als Nachahmungen von Comicfiguren der japanischen Manga-Kultur einordnen, wie sie auch auf Cosplay-Treffen beispielsweise zur Frankfurter Buchmesse zu sehen sind. Das farbenfrohe Hobby, sich in Fabelwesen aus dem Manga-Kosmos zu verwandeln, ist schon seit einigen Jahren unter Jugendlichen weit verbreitet und lockt rund um spezielle Messen und Veranstaltungen bunt kostümierte Fans in Scharen an. Manga-Fans können die einzelnen Figuren leicht unterscheiden. Das gilt auch für die Variante der KPop singenden Dämonenjäger. Für Netflix ist KPop Demon Hunters einer der bis dato erfolgreichsten Animationsfilme. Unter den Charakteren der Serie steht die Figur Rumi bei Kindern besonders hoch im Kurs. Auf den Seiten der Kostümhändler findet man die nötige Rumi-Ausstattung mit gelben Jacken und lila Shorts als Set, die Perücke mit violetter Zopffrisur muss man gesondert bestellen. Das Kostüm der Dämonenjägerin gibt es in allen Kindergrößen und Preisklassen. Besonders jüngere Kinder verkleiden sich gerne als Prinzessinnen aus dem Disney-Blockbuster „Die Eiskönigin“. Auf Faschingspartys in Kitas wimmelt es oft nur so von kleinen Elsas und Annas. Aber unter den häufigsten Suchanfragen lagen in diesem Jahr nicht die beiden Schwestern aus dem Königreich Arendelle, sondern ihr Rentier Sven. Den passenden Ganzkörper-Overall gibt es übrigens auch für Erwachsene. Der Vorteil dieser Verkleidung: Sie hält auch draußen bei kühlem Wetter einigermaßen warm und passt über die Winterjacke. Auch aus diesem Grund sterben Tierverkleidungen nicht aus, der Tiger hat es sogar auf Platz vier der beliebtesten Kostüme geschafft, direkt hinter dem „FBI“-Agenten. Aber nicht nur Kinder verkleiden sich an Fastnacht. Auch viele Erwachsene kostümieren sich, und zwar gerne so albern wie nur möglich. Laut den Google-Trends sind beliebte Themen in diesem Jahr Dagobert Duck, die Kostümserie Bridgerton, Winnie Pooh, eine Verkleidung als Axolotl-Lurch und der Mafia-Boss. Unter Jugendlichen weit verbreitet ist das Handyspiel „Subway Surfers“. Bei dem Computerspiel, das für Smartphones entwickelt wurde, müssen Graffiti-Sprayer auf Gleisen Münzen einsammeln und vor einem Wachmann fliehen. Auf der Bilder-Plattform Pinterest teilen viele Heranwachsende Fotos, wie sie sich als Jake, Tricky oder andere Charaktere des Spiels verkleidet haben. Das ist recht einfach und taugt auch für eine größere Gruppe oder einen Freundeskreis: Weiße Tops für Mädchen oder Hoodies für Jungen, rote Mützen oder Base-Caps, weite hellblaue Jeans sowie Spraydosen als Accessoires genügen. Keine Spielzeugwaffen in Kitas Nicht nur auf Pinterest, sondern vor allem in den Sozialen Medien finden sich auch zahlreiche Hinweise für Kostüme zum Selbermachen. Ob als Mumie, Pirat, Tourist, Hexe, Stehlampe oder Zombie – das Internet ist voll mit Ideen. Ein kleiner Vorrat an Perücken, Schminke und schrillen Klamotten hilft dabei, schneller ans Ziel zu kommen. Es muss an Fastnacht also nicht immer Spiderman oder Super Mario sein. Wobei auch die Dauerbrenner unter den Kinderkostümen nicht so schnell aussterben werden. Auch in diesem Jahr wird man wieder zahlreiche Astronauten, Piraten, Ninjas, Polizisten und Feuerwehrleute sehen. Und natürlich auch Prinzessinnen, Pippi Langstrumpfs und Einhörner. In Kitas und Schulen gilt dabei die Faustregel: Keine Waffen mitbringen, auch nicht solche aus Plastik. Der Jedi-Ritter soll bitte ohne Lichtschwert kommen. Und die kleinen Superhelden müssen allein auf ihre Körperkräfte vertrauen. Das Diakonische Werk für Frankfurt und Offenbach erklärt in einem Elternbrief, wieso das so ist: Die Waffen würden in die Spielaktionen integriert, aber viele Kinder könnten mit diesen „Angriffen“ nicht umgehen und fühlten sich bedroht, verängstigt oder auch verletzt. „Waffen sind immer ein Symbol von Gewalt. Und Gewalt hat in einer Kita keinen Platz“, heißt es. Aber die Regeln sind von Einrichtung zu Einrichtung unterschiedlich und werden meist intern per Elternbrief geklärt. In den Achtzigerjahren ist man noch als Chinese gegangen Bei jüngeren Kindern hat es sich zudem bewährt, darauf zu achten, dass die Kostüme über die Winterjacke und die Hose passen. Damit es beim Toilettengang rasch geht, sollte das Kind auch schnell wieder aus der Verkleidung rauskommen und nicht erst viele Knöpfe öffnen müssen. Steife Masken im Gesicht stören beim Toben. Und die Kostüme sollten auch nicht zu viele Accessoires haben, die verloren gehen können. Für jüngere Kinder empfiehlt es sich auch, manche Kostüme zu „entschärfen“. Der FBI-Agent wirkt als Detektiv mit Lupe und Notizblock gleich viel freundlicher. Wer auf den Straßen am Rosenmontag Leute in grünen Trainingsanzügen oder roten Overalls sieht, der hat Fans der Serie „Squid Game“ vor sich. Die Netflix-Serie handelt von Menschen, die an einem geheimen Wettbewerb teilnehmen, mit einer grausamen Regel: Verlierer eines Spiels werden getötet. Wegen dieses Kontextes sind die Verkleidungen allerdings in manchen Schulen nicht gerne gesehen. Das Thema Verkleiden ist also nicht frei von Konflikten. Kostüme können auch ethnische, religiöse oder historische Gruppen auf Karikaturen reduzieren und Gefühle verletzen. In den Achtzigerjahren ist man zum Schulfasching noch als Chinese gegangen. Mit rundem Papphut und gelb geschminkter Haut. Das ist heute undenkbar, weil zumindest für Großstadtkinder eine andere Herkunft nichts Exotisches mehr ist, sondern Normalität. In den Achtzigerjahren kam auch noch jedes zweite Kind als Indianer verkleidet zur Fastnachtsparty, was heute aus Gründen der political correctness nicht mehr gerne gesehen ist. In manchen Kitas bitten Erzieher die Eltern deshalb, auf kulturell und national eingeschränkte Typen zu verzichten – also den Nachwuchs nicht als Inder zu verkleiden oder gar das Gesicht schwarz zu schminken. Viele Kitas sind auch dazu übergegangen, für die Faschingsfeier ein gemeinsames Motto vorzugeben, beispielsweise Weltall oder Dschungel. Die Gesellschaft wandelt sich, und mit ihr der Blick auf Kostüme und Verkleidungen. Aber das gilt nur bedingt und für einen bestimmten Kreis: Schaut man in die Shops der großen Karnevalsunternehmen im Internet, so sterben klischeehafte Geschlechterrollen noch lange nicht aus. Die Utensilien für Kostüme wie „sexy Krankenschwester“ werden dort noch ebenso selbstverständlich angeboten wie der dunkelgrüne Overall für den Top-Gun-Piloten. Man darf also gespannt sein, wie sich die Verkleidungstrends in den nächsten Jahren weiterentwickeln. Gewiss ist: Sie folgen der Entwicklung der Popkultur. Was im Kino und auf den Portalen der Streamingdienste im Internet angesagt ist, findet sich zunehmend auch beim Straßenkarneval wieder.
