Es war überwältigend, für viele wehmütig und auch ein bisschen turbulent: Mehrere hundert Kinofans sind am Wochenende in die Wiesbadener Innenstadt gekommen, um sich einige der fast 800 ausgemusterten Sessel aus dem „Hollywood“ und dem „Thalia“ zu holen. Nach 35 Jahren und etwa 4,5 Millionen Besuchern ist in beiden Lichtspielhäusern der letzte Vorhang gefallen. Die Filmtheaterbetriebe Ewert boten ihren Fans sozusagen eine letzte Vorstellung und schenkten ihnen die Kinosessel. Mehr als zwei Stunden bevor die Notausgänge der beiden Kinos öffneten, standen geduldige Fans auf der Hochstättenstraße – und die Schlange wurde immer länger. Philipp und Fabius sind aus Heidelberg angereist. „Ich habe in der F.A.Z. und der Hessenschau gesehen, dass die Kinosessel verschenkt werden. Wir möchten uns im Keller einen kleinen Kinosaal einrichten“, sagt Fabius und sein Freund ergänzt: „Die sind geil für eine Sitzecke, daraus kann man etwas Cooles basteln.“ Die beiden jungen Männer sind in einem SUV gekommen und möchten so viele Sessel wie möglich mitnehmen. Sarah Weifenbach ist Wiesbadenerin und ein bisschen wehmütig. „Ich war hier im Kino mit meiner Mama und meiner besten Freundin bei der Erstaufführung von ‚Grüne Tomaten‘. Damals war ich gerade zehn Jahre alt“, erinnert sie sich. Für sie steckt in den alten Sitzen mehr als bloßes Mobiliar. „Ich möchte mir ein Stück Kinogeschichte retten und hätte gerne zwei Sessel. Mal schauen, was in das Auto reinpasst“, sagt Weifenbach und will sie in ihr Wohnzimmer stellen, um dort dann das volle Kinoerlebnis zu genießen. Aus Taunusstein ist Steffen Nickel gekommen und hat einen „Möbelhund“ dabei, wie Fachleute ein Rollbrett nennen. Auch er will zwei Kinosessel abholen und kennt beide Filmtheater aus seiner Kindheit. „Ich bin traurig, dass die beiden schließen und möchte deswegen eine kleine Erinnerung mitnehmen“, sagt der gebürtige Wiesbadener und erinnert sich daran, wie er die „Nackte Kanone“ im Hollywood gesehen hat. Während Nickel von alten Zeiten schwärmt, wird die Schlange länger und die Menschen stehen mittlerweile auf dem Mauritiusplatz. Rund um den Michelsberg haben zahlreiche Transporter die Wege zugeparkt. Die Polizei ist im Einsatz, damit der Verkehr fließen kann. Direkt am Eingang zur Hochstättenstraße steht ein Feuerwehrwagen. Die Freiwillige Feuerwehr aus Walluf ist gekommen und will ebenfalls Sessel mitnehmen, um einen Gemeinschaftsraum damit auszustatten, wie einer der Helfer auf Nachfrage erzählt. Bereits jetzt ist absehbar, dass nicht jeder Wunsch erfüllt werden wird – aber die Menschen bleiben geduldig. Kinobetreiber Marc Ewert geht auf die Straße und spricht zu den Wartenden. Maximal zehn Sessel je Gruppe dürfen mitgenommen werden und die Fans müssen sich am Eingang entscheiden, ob sie die blauen Sessel aus dem Hollywood oder die roten Sessel aus dem Thalia nehmen möchten. An den Notausgängen stehen Kinomitarbeiter, um die Wartenden in kleinen Gruppen hineinzulassen. „Bitte aufpassen, das ist eine Baustelle. Da gibt es keine Geländer mehr“, ruft Ewert und erklärt, dass die meisten Sessel mit einer Stahlkonstruktion verbunden und daher drei oder vier Stühle am Stück sind. Die Möbel sind abmontiert und stehen auf den Treppen. Wer alleine gekommen ist, hat wenig Chancen, eine solche Kombination aus dem Kinosaal zu tragen. „Wir haben tolle Anrufe gehabt. Eine Dame aus Korbach wollte wissen, ob sie die Sessel im Zug mitnehmen kann“, erzählt Ewert und die Menschen lachen. Er ist von der Resonanz überwältigt und rät: „Einfach wie beim Weihnachtsbaumverkauf rumgehen, sich was aussuchen und mitnehmen.“ Und dann geht es auch schon los: Die ersten Gruppen dürfen in die Säle und suchen sich ihre Sessel aus. Die Kinofans wuseln zwischen den Reihen herum und tragen ihre „Beute“ hinaus. Manch einer übertreibt. So versuchen zwei Männer mehr als 20 Sessel mitzunehmen, aber das lässt Ewert nicht zu – denn die Schlange wird noch immer länger. „Ich hoffe, dass ich noch zwei Stühle abbekomme“, sagt der Wiesbadener Rechtsanwalt Matthias Pässler, der eine „schöne Erinnerung“ an das Kino seiner Jugend haben möchte. Pässler war bei der Abschiedsvorstellung und hat dort „Hamlet“ gesehen. „Das war sehr bewegend. Marc Ewert hat noch eine Abschiedsrede gehalten. Ihm kamen die Tränen und irgendwie waren alle den Tränen nahe“, erzählt Pässler und ergänzt: „Das war eine Wiesbadener Institution, ich bin sehr traurig.“ Betreiber und Vermieter konnten sich über die neue Miete nicht mehr einigen. Wie das Gelände der Kinos künftig genutzt werden soll, ist indes nicht bekannt. Während sich die Kinosäle leeren, wird die Schlange vor der Tür noch immer nicht kürzer. Ursprünglich hatte Ewert für Samstag einen zweiten Abholtermin angekündigt. „Das wird nicht nötig sein“, sagt er und beobachtet, wie ein junger Mann mit einem Zollstock die Länge einer Vierer-Kombination ausmisst. „2,70 Meter, das passt“, ruft er einem Freund zu und ruckzuck sind auch diese vier Sessel weg.
